Ein Landlied auf Grafenhaide

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Johann Gottfried Herder: Ein Landlied auf Grafenhaide (1766)

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Nimm mich, nimm mich, Göttin, sanfte Freude,
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Ganz in Deinen Schooß!
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Hier im Sitz der Lust, in Grafenhaide,
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Wohnst Du kummerlos,
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Hauchst in jedem Zuge
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Sanfte Ruhe ein;
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Drum im stillen Taubenfluge
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Will ich mit entzückter Seele Dir ein Landlied weihn.
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Alles lacht um mich; wohin ich sehe,
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Prangt mit mildem Geiz
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Neu Vergnügen, und wo ich nur gehe,
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Lacht ein neuer Reiz.
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Seht die Aehren wallen!
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Hin zum runden Hain!
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Wo Naturconcerte schallen,
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Und die Wipfel und die Zephyrs rauschen Lust darein.

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Rings umkränzt von See und Wald und Auen,
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Irrt umher mein Blick,
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Immer fremde; niemals satt zu schauen,
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Find' ich immer neues Glück.
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O Natur! Du glänzest
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Unerschöpflich reich;
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Und ein Ort, den Du bekränzest,
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Lacht der Kunst und des Gepränges und ist Eden gleich.

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Zwar hier tanzt auf Rosen keine Phryne
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Lauten Scherz mir vor,
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Keine Silberflöte lockt ins Grüne
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In ein Nymphenchor;
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Doch die stille Freude
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Flieht ins heitre Herz,
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Und im muntern Hirtenkleide
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Lacht sie nur auf heitern Stirnen, weit vom wilden Scherz.

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Prangt, Ihr Dichter, mit erträumten Gründen,
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Wo die Wollust thront!
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Euer Tempe, sagt, wo ist's zu finden,
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Als im Dichtermond?
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Zwar ist Grafenhaide
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Keine Götterflur;
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Doch auf dieser Unschuldsweide
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Lacht in Augen und auf Stirnen nichts als Du, Natur.

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Wenn im Abendroth der Himmel schwimmet,
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Wähl' ich Dich, o See!
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Wenn der Silberthau auf Wiesen glimmet,
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Wähl' ich Dich, Allee!
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Wenn die Sonne steiget,
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Suche ich den Wald;
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Und wenn sich der Abend neiget,
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O, so bist Du, Freundschaftshütte, mir ein Aufenthalt!

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Hier als Jüngling Rosenkränze winden,
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Ist ein Königreich;
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Hier sein Leben neu verjüngt empfinden,
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Sagt, was ist dem gleich?
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Hier, wo sich Vergnügen
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Nicht mit Silber zahlt,
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Und wo sich mit sanften Zügen
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Auf dem Antlitz der Bewohner treue Freundschaft malt.

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Dies schrieb ein Fremdling, der auf Grafenhaide
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Zum Ersten Livlands Landesfreude
59
Im Cirkel lieber Freunde fand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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