Erster Gesang

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Johann Gottfried Herder: Erster Gesang (1773)

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Vom Himmel schwebete die Kunst hernieder
2
Auf festen, weitgespannten Adlersflügeln:
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»seh' ich Dich endlich, Land der Jugend, wieder,
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Dich, stolzes Rom, auf Deinen sieben Hügeln,
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Von denen durch Gesetze, Macht und Lieder
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Du alle Nationen durftest zügeln?
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Wo sind die Tempel, wo die Ehrenbogen,
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Durch welche siegbekränzt wir Beide zogen?«

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»ihr Götter, die ich einst anbetend ehrte,
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Gott Jupiter, des größten Staates Wächter,
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Und Jede, die den Stolz von Roma mehrte,
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Victoria und Pallas, Deine Töchter,
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Auch Juno, aller Frauen Hoch- und Werthe,
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Beschützerin der alten Ruhmgeschlechter –
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Wo bist, Apollo, Du, damit aus allen
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Erdzonen alle Künste zu Dir wallen?

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Es schweiget rings um mich. In dieser Wüste
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Erkenn' ich Dich, verehrte Roma, wieder?
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Und Ihr Gestalten, die ich liebend grüßte,
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Mit Euren Tempeln sanket Ihr danieder?
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Hier seh' ich einen Rumpf, dort eine Büste –
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Grausam zerstückte schöne Götterglieder!
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Geflickt und hingestellt – o Angst und Jammer! –
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In ein Museum, eine Rumpelkammer.

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Ihr Menschen, habt Ihr Sinn und Geist verloren?
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Gebt jeder Gottgestalt, was ihr gebührte,
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Das Heiligthum, das sie sich selbst erkoren,
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Den Tempel, wo sie still die Herzen rührte,
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Wo Zeus die Blitze schwang, und Aller Ohren
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Gott Phöbus sang und frohe Chöre führte –
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Gebt, die Ihr uns geraubt, die Tempel wieder,
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Und Alles fällt vor unsern Göttern nieder!

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Was seh' ich dort für neue Kunstgebäude,
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Gebaut auf Gräber? – Schau! zu wessen Ehre?
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Mir zum Entsetzen wird die eitle Freude.
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Wohnt hier ein Gott in dieser hellen Leere?
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Wie krüppelt Alles hier! – Mit innerm Leide
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Seh' ich die Leidenden und hör' und höre
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Von Sünderinnen, büßenden Geschwächten,
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Marternden Herren und gequälten Knechten.

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Weh wird mir! Führet mich zu meiner Trümmer!
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Im engsten Mausoleum will ich wohnen,
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Und immer soll im Angedenken, immer
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Die
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Hinweg aus diesem Bild- und Meßkunstschimmer,
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Geschmückt mit falschem Gold, aus falschen Kronen!
47
O Zeit, statt Deiner Heldenideale
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Erkenne Dich und bau Dir – Hospitale!«

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Da trat zu ihr die schönste der Gestalten,
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Die je mein Aug' und meine Seele sah;
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Indem zwei Himmelsschwingen sich entfalten,
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Stand lilienbekleidet Psyche da,
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Die Himmlische, zu der wir Alle wallten,
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Die Menschenfreundin Psyche-Carita.
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Sie, deren Funk' in Aller Herzen brennet,
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Wird Carita im Himmel jetzt genennet.

57
»du kennest, Edle, mich,« sprach sie mit Blicken
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Der Innigkeit, die jedes Herz durchdrang.
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»ich Vielgeprüfte ward der Welt Entzücken
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Durch Deine Macht, o Kunst, die sie bezwang,
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Wie mich. O wolltest Menschen Du beglücken,
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Auf Knieen weiht' ich Dir den tiefsten Dank,
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Und alle Herzen aller Nationen,
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Mit schönen Thaten sollten sie Dich lohnen.

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Doch ach! erinnre Dich, mit wie viel Thränen
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Ward jedes Deiner Wunder einst erbaut!
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Von Sklaven, die sich nach der Freiheit sehnen,
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In Kammern wohnend, deren Tiefe graut;
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Von Völkern, deren Ueberwinder höhnen
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Und jauchzen über ihre Ketten laut;
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Von Seufzern, Schweiß und Blut der Nationen
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Ward auferbaut, wo Deine Götter thronen.

73
In Deinen Bädern, Deinen Ehrensälen,
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Wie lebten die Heroen jener Zeit!
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Vergöttert tranken sie aus Goldpokälen
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Der Völker Schmach und sich Unsterblichkeit;
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Gedrückte, die wol Niemand mochte zählen,
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Sie dienten Eines großer Ueppigkeit.
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Für welche Herrn und für wie feile Gäste
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Erkannst Du Schmuck und Bäder und Paläste!

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Die Gottgestalten, die der Künstler ehrte,
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Nie milderten sie der Tyrannen Herz;
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Was ihrem Uebermuth und Frevel wehrte,
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Auch in Dir selbst, war
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Wer thun kann Alles, was sein Herz begehrte,
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Ihn kümmert keines Wundgedrückten Schmerz;
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Und Solchen dientet Ihr als Schmeichlerinnen,
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Süßnährend ihren Uebermuth, Sklavinnen!

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Noch jetzt, zu meinem innern stillen Leiden,
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Seh' ich den Trug, mit dem die Kunst betrügt,
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Den falschen Ruhm und Reiz, die falschen Freuden,
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Mit denen thöricht sie beglückt und – lügt.
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Sie läßt das Auge, läßt den Sinn sich weiden,
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Indeß das Herz sich leer und albern wiegt,
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Umklammert es mit Eis für
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Und nährt das Püppchen mit Ideenscherzen.

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Was soll Dein Adytum, an dessen Schatten
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Sich Aberglaub' und Irrthum ewig hängt?
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Kann je sich Wahrheit mit der Lüge gatten?
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Erhält die Kunst, was der Verstand verdrängt?
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Sprich! altete nicht Cypris, ob der matten
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Ihr, Künste, gleich den Balsam reichlich schenkt?
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Unsel'ge Mühe, durch den Stein, den kalten,
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Vermoderte Gedanken festzuhalten!«

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»hast Du geendet?« sprach mit Bitterkeiten
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Die alte strenge, majestät'sche Kunst.
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»wohl mir, daß ich in frischern Jugendzeiten
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Die Welt genoß mit aller Göttergunst.
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Ich buhle nicht um Eure Trefflichkeiten;
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Und schuf ich meine Schöpfung Euch umsonst,
111
Erstarb sie Euch mit abgelebten Jahren,
112
So geht und bleibet was Ihr seid – Barbaren!«

113
»nicht also!« sprach und kniete ihr zu Füßen,
114
Inbrünstig bittend, Psyche-Carita.
115
»auch Du sollst unsres Sieges mitgenießen,
116
In Dir ist huldreich unsre Freundin da.
117
Erweiche Dich, wir können nie Dich missen;
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Sei Du mitwirkend uns zur Hilfe nah!
119
Die Zeiten wechseln mit Geschäft und Stunden;
120
Das Neue kommt, das Alte ist verschwunden.

121
Was wir bedürfen, ist, der Menschen Herzen
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Von innen aus zu bilden, zu erziehn,
123
Sie für gemeinsam Wohl in Freud' und Schmerzen
124
Tief zu erregen, daß sie göttlich glühn,
125
In
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Die Kraft der Liebenden vereint zu ziehn.
127
Begeistre sie mit dieser Art Ideen,
128
Und Deine Werke werden nie vergehen!

129
Was soll der alte Wust? Kunstschmeicheleien!
130
Ein längst verblichner, hohler, leerer Tand!
131
Die Menschheit will der Menschheit sich erfreuen;
132
Du, ihre Tochter, beut ihr Deine Hand!
133
Verdienste sollen lebend sich erneuen;
134
Was will der Marmor an des Grabes Rand?
135
Im Angedenken edler Nationen,
136
Im Steine nicht, muß ihr Andenken wohnen.

137
Der Marmor sinkt, das Brustbild wird verschmitzet,
138
Die Inschrift, die es nennt, ist ohne Spur;
139
Was einzig uns Unsterblichkeit beschützet,
140
Ist Deine Kunst, o Künstlerin Natur,
141
Die Immer-lebende, die wärmt und nützet
142
(das Thätigste ist ihr das Beste nur),
143
Die Kunst,« sprach Carita, »die, zart in Flammen,
144
Zu jedem Schicksal Menschen schmilzt zusammen.«

145
Da stand vor ihnen, der sie Beide liebte,
146
Der Menschheit und der Künste Genius,
147
Gott Amor. »Freundin, was den Sinn Dir übte,
148
War Vorspiel nur zu höherem Genuß;
149
Und das, was Psychen kränkt', was sie betrübte,
150
Wird Beiden Euch der Freuden Ueberfluß.
151
Die Gottheit spricht:

152
»wie Götter einst zu Menschen niederstiegen,
153
So edle sich die Menschheit göttergleich.
154
Die Regel, die die Kunst ersann, wird siegen
155
In der Vernunft wie in der Formen Reich,
156
Und Alles wird sich hold zusammenfügen
157
Zu
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Nimm diesen Kranz! er schützt Dich vorm Veralten;
159
Nur Menschenwohl kann Künste jung erhalten.«

160
Die alte Kunst sprach: »Deine süße Lehre
161
Belebt mich selbst zur Psyche-Carita;
162
Verjünget fühl' ich mich; denn ich gehöre
163
Mit meinem Werth den Menschen, ihnen nah.
164
Die hohe Regel, die ich lieb' und ehre,
165
Steht ihrer weiten, großen Schöpfung da.
166
Die höchste Kunst, zu der sich Herzen wenden,
167
Die göttliche, kann Liebe nur vollenden.«

168
Sie sprach's. Unsichtbar stand an ihrer Seite,
169
Gehüllt in Nacht, die dumpfe Barbarei,
170
Tief brütend, was des Schicksals Spruch bedeute:
171
»pygmalion erschafft die Künste neu,
172
Daß froh verjünget jede höher schreite,
173
Von Dunst und Trug und Vorurtheilen frei!«
174
Sie schwört bei sich, das Werk, wo nicht zu hindern,
175
Doch, kann sie es, zu säumen und zu mindern.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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