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Als Adanson voreinst am Senegal
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In einem Walde sich verirrte, traf
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Ein Tiger auf ihn, sah die nie gesehne
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Gestalt des Europäers an und stand.
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Der Europäer, schrecklich von der Furcht
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Ergriffen, zog das blinkende Metall
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Und richtet' es; doch weise schoß er nicht.
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Lang' schaut' der Tiger ihn, den Tiger er
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Erwartend an; dann riß der Waldbewohner
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Hinweg. Der Europäer, von der Furcht
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Entlastet, ging auch seines Weges. So,
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Doch nicht in gleichem Schrecken, sah ich oft
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Den Thieren in das Antlitz, und sie mir.
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»was hast Du,« sprach ich, »mir?« »Was hast Du mir?«
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Antwortet' es. »Welch ein Gesetz hat uns
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Hieher gebannt? in Körper Dich und mich
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Verschleiert?« »Und wer gab,« antwortet' es,
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»der Macht ein Recht, mich zur Beherrschung Dir,
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Zum Tode Dir mich hinzugeben? Sieh
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Den Pflugstier, ächzend dort in seinem Joch,
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Den Postgaul hier in seinem Zuge! Schau
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Das Lamm, das heut um Deine Hände spielt
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Und morgen Dir zur Speise wird! O, konntest
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Auf Deiner Tafel je, Du je ein Haupt
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Des Vogels sehn, das Dich an Dich erinnert?«
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Der stumme Blick durchdrang mich schaudernd tief.
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Amerika, das neuentsprungne Land,
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Das Land im Werden, bratet Affen. Einst
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Sprang eine Aeffin, als sie ihr geliebtes
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Gebratnes Kind, auch in der Schüssel noch,
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Erkannte, flugs hinauf, erhascht' es, drückt'
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Es an die Brust mit ängst'gem Wehgeschrei
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Und ließ den Europäern, die mit ihr
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Getändelt hatten, ihren Speisesaal.
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»so manches Mitgequälte,« sprach mein Herz,
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»erseufzete zu mir. O Weltengeist,
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Bist Du so gütig, wie Du mächtig bist,
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Enthülle mir, den Du mitfühlend zwar
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Und doch so grausam schufst, erkläre mir
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Das Loos der Fühlenden, die durch mich leiden!
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Sieh, jene Sonne blickt auf mich und sie
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So mild herab, als ob sie Alles ja
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Zu gleicher Seligkeit bestrahle. Sieh,
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Der Baum, er blüht in seiner Herrlichkeit
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So prächtig, bis – mein Stahl ihn fället. Lacht
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Die Blume nicht so fröhlich, bis der Zahn
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Des sanften Lamms sie mähet, bis die Zunge
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Des Stiers sie schneidet? Ja, verfolgen nicht
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Geschlechter die Geschlechter? Sieh, der Hecht
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Erhascht den Hecht, die Spinne saugt die Spinne –
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Und morden Menschen nicht sich selbst? O wir,
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Des Weltalls Räuber, Mörder! Mörder wir
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Der Unsern, unser selbst! Dazu verliehst,
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O Weltengeist, Du uns die Finger, dazu
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Vernunft und diese göttliche Gestalt?
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Du, frommer Hänfling, singest dort im Nest
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Bei Deinen Jungen; fleuch! ich tödte Dich.
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Der Weltgeist wollt' es so.« »Das wollt' er nicht!«
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Antwortete die Gegend; Echo rief:
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»das wollt', das wollt' er nicht!« und seufzete.
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Da stürzt' ein mattgejagtes wundes Reh
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Zu meinen Füßen nieder, Zuflucht suchend
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In meinem Schooß; es ächzete und starb.
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»hörst Du die Stimmen,« sprach ich, »großer Geist?
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Und siehst die Wunden, siehst die Striemen der
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Gestalten?« Wie ein Klageflötenton
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Ertönete der Hain und ward Posaun-
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Und Hörnerklang. Alcides stand vor mir,
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Gestützt auf seine Keul', die Löwenhaut
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Um seine Schulter; also sprach er mir:
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»und wär' ein wüster Wald die Erde, wäre
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Sie, wie sie vor mir war, wo wohntest Du?
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Verfolgte Dich der Bär und Wolf, es spränge
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Der Tiger Dich und die Hyäne an,
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Zahllose Nattern zischten um Dich her,
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Zahllose Mücken schwärmten aus dem Pfuhl
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Mit scharfem Stachel auf Dich: würdest Du
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Die Schöpfung preisen, die das Leben schont?
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Darum erwürgt' in meiner Wieg' ich schon
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Die Schlangen, tödtete den Löwen und
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Die Hyder, Erymanthus' wildes Schwein,
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Und reinigte Augias' Stall, den Pfuhl
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Der Stymphaliden. Wie der Sturm die Luft,
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Der Blitz die Erde segenschwanger macht,
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So reiniget der Tod die Schöpfung, er,
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Der große Förderer zu jungem Wohl.
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Mit Ehren trag' ich Keul' und Pfeil und Bogen.«
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Ich sprach zu mir: »Sollt' Alles freilich hier
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In eignem Moder sterben, welch ein Pfuhl,
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Ein Höllenpfuhl wär' um mich diese Welt!«
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Der Baum erkrankete und spräche stumm:
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Aus seiner Krankheit Gift und Ungethüm.
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Darum erschuf des Menschen Geist und Fleiß
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Die blanke Axt; sie haut das Ueberjahrte
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Barmherzig weg. Der scharfe Pflug, er rottet
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Unkraut und Wurzeln, Dorn und Disteln aus,
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Damit die Wüstenei zum Garten werde,
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Zum Garten werde, der das Herz erfrischt.
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Aus roher Wildheit hob sich Alles einst
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Langsam empor, damit durch Menschenfleiß
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Ein Tempel Hygiea's, eine Au'
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»des Friedens Alles würd', ein Paradies.«
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Verehrend sah den Löwenbändiger
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Ich an, der weiter sprach: »Daß, Menschen, Ihr
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Mit Tyrannei die Thiere quälet, ist,
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Grausame Schwächlinge, nur Eure Schuld,
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Die schwer Ihr büßet, wenn mit gleicher Angst
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Und größrer Eure feigen Herzen selbst
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Geängstet werden. Mitarbeiter sind
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Und Diener Euch die Lebenden. Wie ich
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Die wilden Stiere, wie den Cerberus
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Ich bändigte, wie Ihr auf meinem Wege
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Den Wolf zu Eurem treuen Hund erzogt,
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Das wilde Roß Euch zum Gefährten, Euch
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Zum Waffenbruder machtet, Euer Stolz –
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Wie viel, Ihr Menschen, liegt noch vor Euch da,
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Es anzubaun! wie viel steht da vor Euch,
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Es auszubilden! Traun, Ihr finget kaum
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Zu lernen an; ach, Ihr buchstabet noch.«
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»o hätten,« sprach ich, »Deine Kräfte wir
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Und Deinen Muth!« »Mit Eurer schwachen Hand
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Vermögt Ihr nicht den großen Kampf; es muß,
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Die ganze Schöpfung muß Euch Diener sein
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Und Werkzeug, Feu'r und Wind, Luft, Wasser, Erd'
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Und ihr gehärtet Kind, der scharfe Stahl.
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Darum erschoß den wilden Adler ich,
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Der an Prometheus' Leber fraß, entfesselnd
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In ihm Vernunft, Voraussicht, Billigkeit.
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Wenn Euer Stahl zu morden aufhört, wenn
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Sein friedlich Werk beginnet, räumet er
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Die ganze Schöpfung Euch zur Wohnung aus,
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Auf tausend Weisen neu geschmückt und freundlich.
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Daß Ihr den Elementen trotzet, ist
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Nicht Euer größtes Werk; zu ändern sie,
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Sie zu gebrauchen, ist das größere.
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Schafft um den Boden und des Bodens Frucht
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Und pflanzt aus Welt in Welt, von Baum zu Baum
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Hinüber, was Euch nützt und Euch erquickt!
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Sorgt, daß Ihr Euren Himmel mildert, Euch
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Die Welt zu Eurer Wohnung, Euch zum Heil,
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Zu Aller Heil die weite Schöpfung macht!
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Dies, Menschen, ist Olympia, das ich
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Für Euch gestiftet, Euer Kranz. Dazu
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Holt' aus Hesperiens Gefilden ich
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Für Euch die goldnen Aepfel. Pflanzet sie!
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Durch Euch, durch Euch nur blüht Hesperien.«