Zweiter Gesang

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Johann Gottfried Herder: Zweiter Gesang (1773)

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Gestärkt vom Himmelstrost des Genius,
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Ging ich auf Erden ruhig, still einher;
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Mein Vaterland war in den Sternen. Einst
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Befiel mich mitten im Gedankenmeer
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Von Gottes Schicksal mit der Menschenwelt
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Ein himmlischer, ambrosisch-süßer Schlaf.
7
Ich war im Paradiese. Vor mir stand
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Der Vater und die Mutter alles Heers
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Der Menschensöhne, hohe Traumgestalten!
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Der Vater, Gottes Sohn und Abbild; er
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Das Urbild aller Manneswürdigkeit;
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Sie Tochter Gottes, Paradieses Braut
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Und Jungfrau, Weib des ersten frohen Manns,
14
Das Urbild aller Weibesschöne! Fast
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Anbetend sah ich sie und fühlte mich
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So klein, so tief hinabgesunken, fühlte
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So tief hinabgesunken mein Geschlecht
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Von jener Würd' und Schöne, von der Kraft
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Und Weisheit der beherrschenden Gestalt,
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Die Gottes Ebenbild hienieden war,
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Und ihrer Güt' und Unschuld. Wie der Bach
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Von seiner reinen Silberquelle fleußt
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Und trübt sich hie und da mit Schlamm und Koth
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Und schwillt von Gifte, färbet sich mit Blut
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Und Eiter, ist mit Leichnamen bedeckt
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Und stirbt zuletzt im Sande: so erschien
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Dein Fortfluß mir, Du armes Menschenvolk,
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Von schwächeren zu schwächeren Geschlechtern.
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»wo ist Dein gottentsprungner Himmelsquell?
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Und kannst Du, armer, trüber, blut'ger Bach,
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Zurück zur Quelle fließen? Kannst Du je
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Die erste, reine Himmelsquelle werden?
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Und bleiben?« Bittre Thränen flossen mir
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Da, wo ich stand, in meinen trüben Bach
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Des Menschenlebens. Jene Traumgestalten
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Des Gottes und der Göttin meines Stamms
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Verschwanden, und das Paradies verschwand.
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Ich sah, im letzten Blick, des Lebens Baum
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Verdorren, sah des Baums der Weisheit Frucht,
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Wie Sodom's Apfel, sich mit Galle schwärzen
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Und auf ihm Drachen zischen, Donner brüllen
42
Und schwarze Wolken ruhn. Ich bebete
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Und sah den Vater Adam wieder, weinen
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Um seinen liebsten, ach, erschlagnen Sohn,
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Von Bruders Hand erschlagen, sahe weinen
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Die unglücksel'ge Mutter um den Sohn,
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Der ihres Herzens erstgeborner Trost
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Und Freude war und nun in Wüsten irrt,
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Von Gottes Rache tief verwundet. Ich
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Sah statt des Paradieses rings die Welt
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Bedeckt mit Dorn und Unkraut und gedüngt
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Mit saurem Menschenschweiß und Menschenblut.
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Ich sah Tyrannen, Riesen, Himmelsstürmer,
54
Verführer Derer, die, wie Gottes Töchter,
55
In Unschuld glänzten; sah der Menschen Weg
56
Vor Gott verderbt und hörte seine Reu',
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Des Schöpfers Reue, daß er Menschen schuf;
58
Und sah die schweren Wasser des Gerichts
59
Einbrechen, sah, was lebet, mit dem Tode
60
In schwarzen Fluthen ringen, hörete
61
Ihr letztes Angstgewimmer, sah das Schiff
62
Der Angst und der Errettung: ach, es rettet
63
Nur Wenige! und wozu rettet's sie?
64
Sie bauen neue Thürme, finden neue,
65
Noch ärgre Laster und verwandeln Gott
66
In Götzen. – – – – – – – – – – – – – – –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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