Vergiß Dein

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Johann Gottfried Herder: Vergiß Dein Titel entspricht 1. Vers(1773)

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Vergiß Dein
2
Nichts Größres konnt' aus ihrem Herzen Dir
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Die reiche Gottheit geben als

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Was an der Mutter Brust, was an der Brust
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Der großen Mutter, der belebenden
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Natur, von Elementen in Dich floß,
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Luft, Aether, Speis' und Trank und Regung, Bild,
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Gedank' und Phantasei, bist Du nicht
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Du selbst bist, was aus Allem Du Dir schufst
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Und bildetest und wardst und jetzo bist,

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Nicht was Du siehest (auch das Thier bemerkt),
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Nicht was Du hörest (auch das Thier vernimmt),
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Nicht was Du lernest (auch der Rabe lernt),
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Was Du verstehest und begreifst, die Macht,
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Die in Dir wirkt, die innre Seherin,
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Die aus der Vorwelt sich die Nachwelt schafft,
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Die Ordnerin, die aus Verwirrungen
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Entwirrend webt den Knäuel der Natur
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Zum schönen Teppich in und außer Dir:
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Das bist Du

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»die Gottheit?« Ja! denn denke, denke Dir
22
Der Wesen Chaos ohne Sinn und Geist,
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Ohn' einen Allerfüllenden, der sich
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Und Allem Regel ist; gedenke Dir
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Den großen Unsinn der sinnreichesten
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Natur und stürz unsinnig Dich hinab
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Ins öde Chaos, das sich selbst nicht kennt:
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Denn wärest Du, wenn's nirgend ist, ein

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Zurück in Dich! In Deinem innersten
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Bewußtsein lebt ein sprechender Beweis
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Vom höchsten
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Verliere Dich: und wunderst Dich, o Thor,
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Daß Du die Gottheit mit Dir selbst verlorst?

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»der Wesen Harmonie!« Ein leeres Wort
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Ohn' einen Hörer. Höre Du sie tief
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In Deinem Herzen, und es nennt Dein Herz
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In tiefster Stille mit dem vollen Chor
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Der Welten Ihn, das
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Und Geist, das Wesen aller Wesen, Gott.

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Wolauf! in Deinem Innern baue dann
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Der Gottheit einen Tempel, wo sie gern
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Mittheilend wohnt! In ihm erschallet laut
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Und leise jener Wahrheit Stimme, die
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Der Wesen
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Sei Priester dieser Wahrheit, diene ihr
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Am heiligsten Altar und ehre Dich
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Und pfleg in Dir Dein göttlich Selbst,

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Die häßliche Gestalt, die schaudernd Du
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Im Spiegel Deines Lebens an Dir siehst,
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Die Furie, die Dich zu Neid und Haß
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Und Eitelkeit anregte, sie, die Dich
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Von Deinen Liebsten trennete und schloß
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Mit Eisen Dir das freundlichste Gemüth:
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Sie war nicht Du; die ärgste Feindin Dir,
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Dich selbst Dir raubend. Hemmte sie Dir nicht
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Dein Fröhlichstes, das Wirken? stellte Dir,
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Dem Stolzen, größern Stolz entgegen, der
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Dich überwältigend erbitterte,
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Daß Deine schönsten Früchte Du mit Gift
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Anhauchtest statt des süßen Wohlgeruchs;
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Entzweiete Dich mit Dir selbst und schuf
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Zur Truggestalt Dich Dir, die außenher
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Du suchetest und liebtest, und, nur sie
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Begehrend, Dich, Dich in Dir selbst verlorst.

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Betrogener Narcissus, bist denn
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Was Du im Quell anlächelst? sehnsuchtvoll
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In allen Spiegeln suchst? dem Echo selbst
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Abzwingest? Ist Dein Schatte mehr als Du?

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Und wunderst Du Dich, der vom ärgsten Gift,
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Dem eignen ausgehauchten Athem, lebt,
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Wenn er von Andrer Munde wiederkehrt?
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Du wunderst Dich, daß Du zum Schatten wirst,
73
Zum trocknen Quell, zum Grabe Deiner selbst,
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Zur Puppe: spieltest Du mit Dir nicht stets?

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Wer sich verlor, was hätt' er ohne sich?
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Was in dem Herzen Andrer von uns lebt,
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Ist unser wahrestes und tiefstes

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Was mit der weiten Welt uns einet, was
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Uns innern Frieden schafft im Sturm der Zeit,
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Uns Frevel übersehn, vergessen lehrt
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Und mild erkläret, wie denn und woher
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Der Thor ein Thor sei, ist ein großes

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Was ungereizt von außen unser Herz
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Aufregt und hoch erhebt – es spannet uns
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Die Flügel weit und hält sie, daß im Sturm
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Sie über Lüften wie im Neste ruhn
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Und frischer aufwärts schlagen –, was in Ruh
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Geschäftig macht und, innrer Kräfte voll,
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Des äußern Danks sich wundert, wenn am Ziel,
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Am Ziel der Laufbahn nur sein Auge weilt:
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Wer ist's? Ein überschwänglich großes

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Wer Tausende in seinem Busen trägt,
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Sich ihrer Noth erbarmend, Finsterniß
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Zu Lichte schafft und träget in sich selbst
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Die große Regel aller Seligkeit:
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»was Du nicht willst, daß Dir geschehe, thu
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Auch Andern nicht! was Du willst, thu zuerst!«
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Und hat Gefühl und Kraft, ein Menschengott,
99
Nur Göttliches zu wollen und zu thun:
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Wer ist es? Ein allmächtig-gutes

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Talent ist nicht der Mann. Die Spinne webt;
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Die Wespe wie die Biene baut: der Trieb
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Zur Kunst ist bei Insecten. Wähne nicht,
104
Daß, was die Sängrin singet, sie empfand,
105
Daß, was der Spieler spielet, er auch sei!

106
Ein Feiger schleicht, ein Schatte, durch die Welt;
107
Der Thor vergeudet sich; der Weichling zieht
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Und schmeichelt sich hindurch; der Schwache bebt
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Und stirbt im Tode: sich unsterblich fühlt
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Wer als ein ewiges, unsterblich

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Ambrosia, Frucht der Unsterblichkeit,
112
Ihr amaranthnen Lauben, ewig blühend
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Der Freundschaft und dem daurenden Verdienst,
114
Euch fand ein unbezwingliches Gemüth,
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Das nicht zum Moder sprach: »Du bist mein Vater!«
116
Zu Würmern, zur Verwesung nicht: »Ihr seid
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Mir Brüder, Schwestern, Mutter!« Ruhig sah's
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Den Abgrund vor, den Himmel über sich
119
Und sprach: »Was an mir stirbt, bin ich nicht
120
Was in mir lebet, mein Lebendigstes,
121
Mein Ew'ges, kennet keinen Untergang.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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