Der Wettstreit um die Krone

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Gottfried Herder: Der Wettstreit um die Krone (1773)

1
Todkrank lag der Löwe, der alte König der Thiere,
2
Und er entbot sie alle zu sich zum festlichen letzten
3
Reichstag, daß sie den Erben zu ihrem Könige wählten.
4
Alle Thiere gehorchten; sie ehrten des Königes Willen,
5
Und mit Freudegeschrei ward Kronprinz Leo gewählet.

6
Doch kaum waren geschlossen des alten Königes Augen
7
Und er zur Erde bestattet, so gährt' ein heimlicher Aufruhr.
8
Falsche Räthe des Reichs (der König hatte die Falschen
9
Ueber die Maaße begnadet und hoch zu Ehren erhoben),
10
Diese sucheten jetzt ein freies Leben; sie wünschten,
11
Selbst zu schalten; es sollte fortan kein Löwe regieren.
12
»denn wie grausam,« murmelten sie, »beherrschte der Löw' uns!
13
Wer ist sicher vor ihm? Er würgt unschuldige Thiere.«

14
Und das Gemurmel verbreitete sich. Die Stände des Reiches
15
Waren getheilt: Die wollten den jungen Löwen, und Jene,
16
Weit die Mehreren, wünschten, ein Neues jetzt zu versuchen.
17
Und sie versammelten sich. Da trat ein Redner, der Fuchs, auf,
18
Räusperte sich und sprach: »Des Reiches hohe Genossen,
19
Höret mich an! Ihr kennet die Noth, die Sorge des Reiches,
20
Wißt, in welcher Gefahr, in welchem Joche wir lebten
21
Unter des Löwen Geschlecht; was darf's vergeblicher Worte?
22
Seinen Grimm, sein Toben, den Zahn des würgenden Königs,
23
Seinen Stolz, sein Drohen, wer ist von Euren Geschlechten,
24
Der's nicht kennte! wir beben noch jetzt vor der Stimme des Todten.
25
Auf! und lasset uns wählen den Werthsten unsrer Genossen,
26
Der nicht grausam und stolz, der keinem Genossen ein Leid thut,
27
Arbeitsam, geduldig, so wie's dem Könige ziemet,
28
Läßt auch Andere sein, wozu die Natur sie gemacht hat,
29
Ueberhebet sich nicht, ist mit Geringem genügsam,
30
Und, Ihr Brüder, er ist von Gott zum König erschaffen;
31
Denn er träget an sich ein heiliges Zeichen.« »Wer ist er?«
32
Riefen sie Alle; »wer ist's?« Da zeigt' er ihnen mit Ehrfurcht
33
Auf des Esels Rücken das heilige Kreuz. Sie erstaunten,
34
Fielen hinzu mit großem Geschrei: »Wir haben gefunden
35
Unsern König, vom Himmel uns selbst zum König erkoren,
36
Weltliches Reich und geistliches Reich zu regieren geschaffen.
37
Schaut die Ohren! zum Beicht- und Klaganhören erhöhet!
38
Hört die Stimme! (Erhebe die Stimm', ehrwürdiger Esel!)
39
Wer kann singen wie er? wer redet ans Herz so gewaltig?
40
Wer ruft muthiger aus? wer kann allmächt'ger gebieten?
41
Nichts ist an unserm Bruder, das nicht die herrlichsten Ehren,
42
Papstes und Königs Ehren, verdient. Und sehet das Kreuz da!«

43
Alle sahen das Kreuz und fielen nieder und riefen:
44
»heil dem Könige, Heil dem gottgegebenen Esel,
45
Ihm, dem Mehrer des Reichs!« So war er zum Fürsten erwählet!

46
Traurig und elend ging der junge Löwe, der Arme,
47
Jetzt ein verstoßner Wais', aus seinem erblichen Reiche
48
In die Wüste. Da fanden zu ihm sich wenige fromme,
49
Alte, getreue Räthe; sie schmerzt' der schimpfliche Handel;
50
Sein erbarmten sie sich. »Das hat,« so sprachen sie Alle,
51
»euer Vater um uns wol nicht verdienet! Und muß es
52
Gehen im Reich, wie der Fuchs und seine Gesellen es wünschen?
53
Nicht die Ehre des Staats, sie wünschen nur ihre Gelüsten.«

54
Und sie ermahneten sich und baten die Stände des Reiches
55
Flehend zusammen: »Wir haben ein Wort der äußersten Nothdurft
56
Vorzutragen; o kommt!« Sie kamen und waren versammelt.

57
Und der Aelteste sprach, ein treuer Rath von des alten
58
Königes Hofe, der Hund. Er sprach bedächtige Rede:
59
»thaten wir recht, Ihr Brüder, da wir den Esel erwählten?
60
Haben den alten Herrn wir nicht im Grabe beleidigt?
61
Was da gleißet, ist es auch Gold? Auf dem Rücken des Esels
62
Stehet das Kreuz – ein Schein! Und Schein betrüget die Welt ja!
63
Seiner Tugenden hatte der Löw' uns viele bewiesen;
64
Welche Thaten der Esel gethan, das saget mir, Brüder!
65
Daß er ein Kreuz trägt? Seht, ein Bild, von Holze gezimmert,
66
Mag es tragen wie er. Und lasset Krieg sich erheben,
67
Auf dem Rücken des Esels, was hülfe das eitele Kreuz uns?«

68
Also der Hund. Es bewegte die tapfre Rede des Hundes
69
Alle. Der Fuchs allein und seine Gesellen, sie riefen:
70
»willst Du den Reichsschluß ändern? Beschlossen ist es, beschlossen!«
71
Aber der Hund stand fest und drang mit mächtigen Worten
72
Auf die Thaten des Löwen und auf das eitele Kreuz ein.
73
Endlich vereineten sich des Reiches beide Parteien
74
Dahin: es sollte der Löw', es sollte der heilige Esel
75
Mit einander kämpfen ums Reich; wer gewönne, der herrsche!
76
Anders könnt' es nicht sein; es sei der Esel erwählet!

77
Freudig brüllete jetzt der junge Löwe; es wuchs ihm
78
Wieder das Herz; auch freuten sich hoffend alle Getreuen.
79
Nur der Fuchs und seine Gesellen, mit hangenden Schwänzen
80
Schlichen sie weg; sie versahen sich kaum von ihrem Erwählten
81
Höhere Ritterthaten als Distelfressen und Winde.

82
Als die Stunde begann, die dem hohen Kampfe geweiht war,
83
Standen die Thiere versammelt; der Fuchs beim Esel; dem Löwen
84
Blieb der getreue Hund zur Seite. »Wähle den Kampf Dir!«
85
Sprach der Esel. »Wolan!« antwortet' der muntere Löwe;
86
»wer springt über den Bach, der in unsrer Mitte dahinfließt,
87
Daß er den Fuß nicht netzt? Deß sei der Thron und die Herrschaft!«

88
Sprach's und holete aus. Wie ein leichter Vogel dahinfliegt,
89
War er hinüber den Bach und stand frohlockend am Ufer.

90
»wagen gewinnet!« sagte der Fuchs. »Und Wagen verlieret!«
91
Sprach der Esel. »Wolan! – Wir waren, dächt' ich, bisher auch
92
Keine Könige! Auf!« Der Esel sprang. Wie ein Klotz fällt,
93
Lag er in Mitte des Bachs und steckt' im Schlamme. Der Löwe
94
Rief am Ufer: »Wolan! wo sind die trockenen Füße?«
95
Alle Thiere lachten; mit Mühe watet' der Esel
96
Aus dem schlammigen Bach. Doch seht, was Glück und die List thut.

97
Eben war dem Springer ein schwimmendes Fischchen im Ohre
98
Hangen geblieben; der Fuchs bemerkt es. »Schweiget und höret!«
99
Spricht er. »Wo sind sie nun, die des Kreuzes heiliges Zeichen
100
Schnöde verachten? Und glaubet Ihr denn, es hätte der Esel,
101
Unser König und Herr, nicht auch wol können den Sprung thun,
102
Hätt' er gewollt? Er wollt' Euch höhere Tugend erweisen.
103
Schauet den Fisch! den sah er im Sprung und fing mit dem Ohr ihn;
104
Thu' es der Löw' ihm nach und nehme den Thron und die Herrschaft!
105
Aber ich sorg', er wird es mit offenem Rachen und allen
106
Klauen wol nicht versuchen, geschweige, daß er's im Sprung thut.«
107
Also der Fuchs. Es erhob ein Gemurmel unter der Schaar sich,
108
Und den Hund verdroß es; er bellte zürnend den Fuchs an,
109
Ihn, den Unverschämten, der also narrte die Stände.
110
Aber die Stände waren geduldig; und daß nicht ein Aufruhr
111
Würde, so ward von Allen ein friedliches Mittel erwählet.
112
Esel und Löwe sollten in Reiches sicherm Geleite
113
Beide gehen allein und enden den Kampf um die Krone.

114
Esel und Löwe gingen in Reiches sicherm Geleite
115
Neben einander ins Holz. »Wer fängt das behendeste Thier hier?«
116
Sprach der Löwe. Der Esel in trägem Sinne gedachte:
117
»das macht mir der Mühe zu viel!« und legte sich nieder
118
In die Sonne. Da lag er und streckte die lechzende Zunge
119
Aus dem Munde. Siehe, da kommt ein Rabe, der hält ihn
120
Für ein verlechzetes Aas; er flieget näher und setzt sich
121
Auf die Lippe des Aases; der Esel schnappet und faßt ihn.
122
Indeß kommt der Löwe mit freudigen Sprüngen; er hatte
123
Einen Hasen erjagt und sieht im Maule des Esels
124
Einen Raben; er stehet verwirrt, der betrogene Löwe,
125
Und fast grauet ihm selbst vor der Macht des heiligen Kreuzes.
126
»auf denn, lieber Esel! noch Eins für gute Gesellen!«
127
Spricht er; »der guten Dinge sind drei. Entscheide das Dritte!
128
Jenseit diesem Berge dahinten steht eine Mühle;
129
Kommst Du der Erste dahin, sei Dein der Thron und die Herrschaft!
130
Willst Du über den Berg, so will ich unten umherziehn!«
131
»geh Du über den Berg,« so sprach der Esel und blieb da
132
Stehen. Der Löwe lief, was er vermochte zu laufen.
133
Aber der Esel sprach: »Wozu dies Laufen? Es schaffet
134
Müde Beine mir nur und bringt am Ende mir Spott ein.
135
Gönnt er die Krone mir nicht, wozu die vergebliche Mühe?«
136
Also blieb er und stand. Der Löwe streichet im Fluge
137
Ueber den Berg und kommt mit keuchendem Athem zur Mühl' an. –
138
Siehe, da stand ein Esel, so ähnlich jenem, als wär' er's
139
Selbst; es war sein Bruder. »So hat Dich der Teufel auch hier schon!«
140
Rief er; »wolan, zurück zum vorigen Orte!« Der Löwe
141
Wandte sich, eilte zurück und fand den Esel auch da stehn;
142
Denn der hatte sich nicht von seiner Stelle gereget.
143
»esel hier und dort, und allenthalben der Esel!«
144
Sprach er. »Gewonnen dann! Ich seh', das heilige Kreuz hilft.«

145
Aber es half ihm nur durch eigne jähe Verblendung.

146
Königlich brüstete sich der übermüthige Esel.
147
»mein ist,« sprach er, »anjetzt auf Kindeskinder die Herrschaft;
148
Dienen sollen mir alle, mir alle Thiere gehorchen!
149
Indeß ruh' ich im Schatten, genießend köstliche Speise,
150
Zeuge Königsgeschlecht (der Eselinnen die Menge
151
Stehen zu meinem Gebot) und sterb', ein friedlicher König.«

152
Das nun hörte der Hund, des Löwen treuer Gefährte;
153
Nachgeschlichen war er und sah den närrischen Zufall,
154
Der den Esel erhob und den jähen Löwen bethörte.
155
Eilig lief er und bellt' und trat vor die Pforte des Müllers,
156
Dessen Stalle (das hatt' er vernommen) der Esel entflohn war,
157
Bellte den Müller heraus und führt' ihn zupfend am Kleide
158
Ueber den Berg. »Da hast Du, o Mann, den entflohenen Sklaven,«
159
Sprach er; »er hat sich eben als unsern König geträumet.«

160
»könig?« sprach der Müller. »Zurück zu Deinem Geschäfte,
161
Träger! Es sind der Deinen genug in unserm Geschlechte!«
162
Also trieb er ihn fort; und der edle Löwe regieret.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.