Die Bestimmung des Menschen

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Johann Gottfried Herder: Die Bestimmung des Menschen (1773)

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Als die Königin der Dinge,
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Reich an unerschöpftem Reiz,
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Wesen schuf, war nichts ihr zu geringe;
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Sie begabete mit mildem Geiz;
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Denn das Füllhorn aller Trefflichkeiten
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War in ihrer Mutterhand,
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Und sie paarte, was an Lieblichkeiten,
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Wechselnd auch, zusammen je bestand.

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Einen Schmuck von tausend Farben
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Webte sie um Florens Brust;
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Neu verjünget, wenn die Schwestern starben,
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Treten Schwestern auf mit Siegeslust.
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In ein Chor von tausend süßen Liedern
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Theilte sich ihr mächt'ger Klang,
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Der auf bunten schwebenden Gefiedern
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Disharmonisch-schön zum Himmel drang.

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Stärke, Klugheit, sanfte Triebe,
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Schönheit in jedweder Art,
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Und in tausend der Gestalten Liebe
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Ward umhergegossen ungespart.
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Endlich trat sie in sich selbst und senkte
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Tief sich in ihr Mutterherz:
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»meinem Liebling, wie wenn ich ihm schenkte
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Aller meiner Kinder Lust und Schmerz?«

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Und sie sann. Auf
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Ward aus Allem Sympathie.
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»ferne,« sprach sie, »sei von ihm die Träge;
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Seine Lust sei ewig-süße Müh!
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Angeboren werd' ihm nichts; geboren
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Werd' in ihm ein ew'ger Trieb;
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Und auch jedes Glück, durch Schuld verloren,
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Werd' ihm tausendfach durch Reue lieb!

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Nur in Andern sei sein Leben,
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Wirksamkeit sein schönster Lohn!
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Enkel, die ihm Dank und Ehre geben,
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Lohnen ihn für seiner Brüder Hohn.
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So vereint durch alle Folgezeiten
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Strebe seine süße Müh;
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Neu gestärkt durch Widerwärtigkeiten,
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Steige mehr und mehr umfassend sie!

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Auch im Kleinsten werd' ums Ganze
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Ewig dies Geschlecht verdient;
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Nur am Ziel, im schönsten Abendglanze,
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Hängt der Kranz, der für den Menschen grünt.
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Für die Leidenden, die ihn umringen,
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Weih' ich ihn der Menschlichkeit,
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Und sein Herz, wenn Seufzer auf ihn dringen,
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Zum Altare der Barmherzigkeit.«

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Mutterkönigin! das schwächste Wesen,
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Das man einzeln nur beweint,
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Hast Du Dir im Ganzen auserlesen
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Und gesammt durch Lieb' und Noth vereint.
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Deinen Sinn fürs Größere und Größte
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Und Dein Mutterherz, Natur,
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Gabst Du uns. Da Bessere und Beste
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Weckt uns stets und lebt im Ganzen nur.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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