Hygea, Göttinn, es strömt

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Christian Graf zu Stolberg: Hygea, Göttinn, es strömt Titel entspricht 1. Vers(1784)

1
Hygea, Göttinn, es strömt
2
Von dir aus Heilung und Kraft,
3
Und Leben haucht
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In die Adern der Natur,
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Daß ihre pochende Pulse schlagen,
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Daß schwillt ihr allsäugender Busen,
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Dein Odem, Beseelende!

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Schaue, Göttinn, herab, es knieen
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Der Flehenden tausendmahl tausend an deinem Altar,
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Bebende Händ' erheben sie dir
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Und es steigt empor in der Weihrauchwolk' ihr Gebet.

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Aus den Tausenden der Gelübde sondre du,
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Himmelstochter, mein Flehen, das nicht
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Eigener Schmerz entpreßt sterbenden Lippen.

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Keine Genesungsmaale von mir
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Harren dein an deines Tempels Wand;
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Statt der Gaben nimm von mir, o Retterinn,
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Die bangen Thränen, die mein Aug' und mein blutend Herz
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Weinen auf Emilia's bleiche Hand!

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Ach, Emilia, sieh', Emilia liegt
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Kraftlos und leidend! Es beugt sich welk
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Herab die Rose der Wang', es umwölkt sich, ach!
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In Emilia's Auge die Heitre der Himmelsbläue.

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Hygea, Göttinn, es keimt
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Da, wo du wallst über der Gebirge Scheitel
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Und durch den Schooß des grünenden Thals,
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Labsal unter deinem Fuß empor und Heil!
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Deine Locken athmen, wenn du vorüberschwebst,
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Lebenshauche mit der Narde Duft,
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Und da, wo die Lüfte theilt dein Saffranmantel
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Gaukeln heilende Würzgerüche dir nach!

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Helferinn, du bist reich
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An Rettung! Aber dein Balsamkelch ist er
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Ach, ausgegossen! – so komm, ich beschwöre dich, komm,
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Raube von mir der Stärke Fülle,
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Die aus der Gesundheit überschäumendem Becher,
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Tobend mir in den Adern fleußt
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Und in dem Nervenarm schwellend mir zuckt!

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Nimm was dein ist von mir und träufle Genesung
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In die lechzenden Lippen Emilia's, daß sie wieder
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Glüh'n, und daß wieder, wie von Morgenthau erquickt,
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Blühe die Rose der Wang', und Emilia's Auge
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Glänze wieder im Schmuck des Sonnenhimmels.

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Höre, Göttinn, ach! mein Flehn und das Flehen Aller,
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Aller Guten, die All' Emilia lieben!

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Gieb mir, o Tochter Gottes, mit der Genesung
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Meiner Leidenden, wieder Trost und Ruhe!
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Ach! sie flohen von mir, und es schleicht indessen,
49
Wie der versiegende Bach in des Mohrenlands Wüste,
50
Traurig und öde dahin mein Leben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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