Auf! mit des Adlers Schwingen, fleuch

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Christian Graf zu Stolberg: Auf! mit des Adlers Schwingen, fleuch Titel entspricht 1. Vers(1784)

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Auf! mit des Adlers Schwingen, fleuch,
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Hin zu ihm, mein Gesang, und mit dir
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Mein frohlockender Morgengruß!
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Hin zu ihm, der mir ist,
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Was kein Sterblicher je Sterblichen war!

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Röthliche Schimmer erwachen schon;
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Sie verkündigen den Tag,
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Ach! den entzückenden,
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Der dich, Lieber, ins Leben rief!
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Seht, wie er pranget im herbstlichen Schmuck!
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Feiernd naht er, und stolz, umtanzt
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Von der Stunden Reigen, und begrüßt
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Von der Sonne, dem Mond und dem weilenden Stern!
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Eile, der du mir schwebst
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Auf der lechzenden Lippe,
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Bruderkuß!
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Schnell gleit' auf dem ersten Strahl,
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Feuervoll, und erquickend, wie er,
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Hin zu ihm, der mir ist,
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Was kein Sterblicher je Sterblichen war!

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Lagre behend auf seine Lippen dich,
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Scheuche nicht den Morgentraum,
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Der mit duftenden Kränzen,
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Der mit windenden Epheuranken
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Fesselt den Schlummernden!
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Träufle deinen Honig, und laß das Bild,
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Ach, mein Bild!
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Vor seiner ahnenden
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Seele schweben, und mit ihm
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Schmachtende Sehnsucht, ach, nach mir!
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Dann erweck' ihn ungestüm, mit dem Fittigschlag
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Der Lieb', und ruf' es laut
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Mit Flammenwort ihm zu:
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Daß er mir sei,
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Was kein Sterblicher je Sterblichen war!

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Mein Bruder! Siehe, wie sie bebt
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Der Freude Zähre,
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Daß Du's bist, und daß Du
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Mehr denn Bruder und Freund,
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Daß du bist
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Meines Herzens Vertrautester!
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Sage, sproßte dir je,
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Keimte mir je ein Gedank',
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Dessen Hülle nicht Du
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Hobest, nicht ich?

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Wie, durch der heiligen Natur
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Tief verborgne Wunderkraft,
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Der unberührten Leyer Saite bebt,
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Wenn des Sängers Stimme den Ton
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Der Bebenden hallt;
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O! so stimmte Mutter Natur
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Unsrer Zwillingsseelen
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Immer tönende Harmonie!
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Tönend, wenn das Feuerblut
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Lodert in der Jünglinge Brust,
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Tönend, wenn der Rührung Zähre sanft
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Ueber die blässere Wange rinnt.

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Ach! Du, der du mir bist,
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Was kein Sterblicher je Sterblichen war!
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An der Begeistrung und der Muse Hand,
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Deiner Vertrauten, zu denen du sprichst:
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»du bist meine Schwester! und du
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Bist meine Braut!« –
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Oft besucht ihr in stiller Nacht
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Du, den Bruder, und du,
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In der einsamen Halle,
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Deinen Wonneberauschten,
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Deinen Buhlen, o Göttliche! –

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Ha! ich kenne sie auch!
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Schwester, und Braut!
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An ihrer Hand
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Schweb' ich zu dir,
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Ueber Länder und Meere, zu dir!
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Schütte dir aus
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Mein überströmendes Herz. –

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Bruder! uns ist gefallen das Loos
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Lieblich, unser Erb' ist schön!

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Ach! aber warum träuft
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In des Jubels Becher die Thräne?
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Ach! warum sind wir getrennt?
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Heute getrennt?

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Wie nach dem Thau das Sommergefild',
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Wie die Sonne lechzet nach des Meeres Schoos,
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Wie der Weinstock nach der beschattenden
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Ulme strebet;
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O! so streb' ich, so lechz' ich nach dir,
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Der du mir bist,
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Was kein Sterblicher je Sterblichen war!

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Kehre wieder, du der Freude Tag,
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Segenschwanger, und triefend
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Deine Tritte von Milch,
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Von Honig,
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Und von der Rebe Blut!

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Immer komm', die Schläfe bekränzt
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Mit herbstlichem Schmuck!
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Ach, bald nahet auch uns
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Unser Herbst!

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Auch er komme, die Schläfe bekränzt
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Mit herbstlichem Schmuck!
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Und mit Früchten, o! mit Früchten,
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Mit unvergänglichen
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Reich beschwert!
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Nimmer find' uns dann, schöner Tag,
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Wie heute getrennt!

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O! Erfüllung, Erfüllung!
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Des sehnlichsten Wunsches Erfüllung!
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Hell blickt mein Aug'
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In der Zukunft Fern', es späht
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Goldne Tag' am Ende der Bahn!

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Endlich kommt der Winter einher,
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Ein sanfter freundlicher Greis,
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Beut uns beiden die Hand, und führt,
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O der Wonn'! uns ungetrennt
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Dorthin, wo, unter Lebensbäumen,
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Wo, in Lauben der Himmlischen,
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Ach! unter eurem fruchtbelasteten,
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Ruhe gewährenden
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Feigenbaume,
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Dorthin, ach! wo, unter eurem
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Freud' und Schatten
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Bietenden Weinstock,
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Bester Vater! und du,
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Die mich gebar, die mich säugte,
124
Beste Mutter!
125
Wechsellos blühet
126
Ewiger Lenz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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