»wie viele sehnten sich nach dir

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Christian Graf zu Stolberg: »wie viele sehnten sich nach dir Titel entspricht 1. Vers(1784)

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»wie viele sehnten sich nach dir,
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Du kühle, stille Nacht!
3
Nun hast du ihnen Labung, Ruh
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Und sanften Schlaf gebracht.

5
Auch mir kommst du erwünscht; jetzt kann
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Ich frei und einsam seyn;
7
Durch manchen tiefen Seufzer nun
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Mir lindern meine Pein.

9
Ach Gott! was hab ich denn gethan,
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Daß sie so grausam sind?
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Mein Vater nannte mich ja stets
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Sein liebes, gutes Kind;

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Und ihren besten Segen gab
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Die Mutter sterbend mir.
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Der wird im Himmel einst erfüllt;
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Doch wahrlich! nicht auch hier.

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Daß dieser Segen sich nur nicht
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In Fluch verkehr' für die,
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Die so mich kränken! Gott verzeih
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Es ihnen! beß're sie!

21
Ach, alles trüg' ich mit Geduld,
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Wenn, Liebe, du nicht wärst,
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Die du durch hoffnungslose Quaal
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Mein krankes Herz verzehrst!

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Kann ich's nicht dulden, nun wohlan
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So hab' ich Einen Trost:
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Dann brichst du, armes Herz! Drum sei,
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Bis daß du brichst, getrost!« –

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So eben kehrt' ein Rittersmann
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Von seinem Ritt zurück,
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Und kommt, geführt von seinem Pfad,
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Hart an des Schlosses Brück'.

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Da dringt des Fräuleins Klageton
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Ihm tief in's Herz hinein;
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Er wähnt', um Hülfe fleh' sie ihn,
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Und will ihr Retter seyn.

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Voll Ungeduld und voll Begier
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Umher sein Auge glüht,
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Bis endlich hoch am Fenster er
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Das Fräulein stehen sieht.

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»ach Fräulein! sprich, was jammerst du?
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Vertraue mir dein Leid!
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Dies Schwert, der Arm, dies Leben sei
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Zu deinem Dienst geweiht.« –

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»ach, edler Ritter, Schwert und Arm
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Ist nicht, was mir gebricht;
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Nur Trost für mein beklomm'nes Herz:
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Und ach, den hast du nicht!« –

49
»entdecke mir dein kränkend Weh,
50
Das wird dir Lind'rung seyn,
51
Und meine Mitleidsthräne wird
52
Dir einen Trost verleih'n.« –

53
»du guter Jüngling! höre denn,
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Ich eine Waise bin,
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Und mit den lieben Eltern starb
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Mir Ruh' und Freude hin;

57
Ein Ohm und eine Muhme jetzt
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An Eltern Statt mir sind,
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Die quälen mich, daß Gott erbarm'!
60
Und tödten schier ihr Kind.

61
Mein Vater war ein reicher Graf,
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Nun ist das Erbe mein.
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O, wär' ich arm! dies schnöde Gut
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Ist Ursach meiner Pein.

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Mein Oheim dürstet Tag und Nacht
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Nach meinem Hab' und Gut,
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Drum sperrt in diesen Thurm mich ein
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Des harten Mannes Wuth.

69
Hier bleib' ich, droh't er, wo ich nicht
70
Erwähl' am dritten Tag,
71
Ob ich den Sohn zum Ehemann,
72
Ob ich in's Kloster mag.

73
Wie eilig wär' die Wahl gescheh'n,
74
Ich thät' den Schleier an,
75
Ach, liebte nicht mein junges Herz
76
Den besten, schönsten Mann,

77
Jüngst bei'm Turniere sah ich ihn,
78
Ich sah' und liebt' ihn gleich,
79
Wie frei, wie edel und wie kühn!
80
Nicht Einer war ihm gleich.« –

81
»sei, edles Fräulein! gutes Muth's,
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In's Kloster sollst du nicht,
83
Noch minder sollst du seyn die Schnur
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Vom alten Bösewicht.

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Ich kann's, ich will's, ich rette dich,
86
Das ist mein fester Sinn,
87
Bring' dich in deines Jünglings Arm,
88
So wahr ich Stolberg bin.«

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»du? Stolberg? o mein Leid ist hin!
90
Mein Engel führte dich;
91
Du bist mein trauter Jüngling, du!
92
Nach dem ich sehnte mich.

93
Jetzt sag' ich frei und offen dir,
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Was schon mein Blick gestand,
95
Als ich um deine Lanze jüngst
96
Den Eichenkranz dir wand.« –

97
»o Gott! du? mein geliebtes Kind,
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Elise Mannsfeld? O!
99
Dich liebt' auch ich bei'm ersten Blick;
100
Noch keiner liebte so!

101
An meiner Lanze sieh den Kranz,
102
Den sie nun ewig trägt.
103
Ach, könntest du dein Bild auch sehn,
104
So tief hier eingeprägt!

105
Jedoch was säumen wir? ich bring
106
Dich heim vor Sonnenschein,
107
Und uns'rer keuschen Liebe soll
108
Nichts mehr im Wege seyn.« –

109
»von ganzer Seele lieb' ich dich
110
O Jüngling! aber doch
111
Sträubt sich mein jungfräulich Gefühl
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Bei'm raschen Vorsatz noch.

113
Du kennst die arge Welt; du weißt
114
Wie im Triumphe sie
115
Mir Stand und Ehr', und Tugend nimmt,
116
Wenn ich mit dir entflieh.« –

117
»o Mädchen, was ist uns die Welt?
118
Laß immerhin sie schrei'n;
119
Dein Beifall nur, mein Beifall nur
120
Soll unser Richter seyn.

121
Und keiner deines Stammes soll
122
Vernehmen deine That,
123
Bis uns des Priesters Segenshand
124
Zur Eh' geweihet hat.

125
Auch führ' als Gattin ich dich erst
126
In meine Burg hinein;
127
Nun geht's zu meiner Schwester hin;
128
Da soll die Trauung seyn.

129
Wie wird mein liebes Gustchen sich
130
Der lieben Schwester freu'n,
131
Wie wird des lieben Bruders Glück
132
Ihr eig'ne Wonne seyn!

133
Elise, laß uns eilen! komm,
134
Gleich ist es Mitternacht!
135
Der Mond, der jetzt so hell uns scheint,
136
Hat bald den Lauf vollbracht.« –

137
Nun schlich das Fräulein leisen Tritts
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Hinab den Windelsteig,
139
Bis unten sie zum Fenster kam,
140
Da ward sie todtenbleich;

141
Doch schnell ergreift sie wieder Herz
142
Und öffnet es behend,
143
Und wagt's und springt dem Ritter zu,
144
Der ihr entgegen rennt.

145
Sein Mädchen drückt' er sprachlos jetzt
146
Fest an sein klopfend Herz,
147
Für ungefühlter reiner Lust
148
Vergaß sie allen Schmerz.

149
Dann hob er freudig sie auf's Roß,
150
Und vor ihr setzt' er sich,
151
Sie schlang die weißen Arm' um ihn;
152
Fort ging's nun ritterlich.

153
Vom Roß und freudigem Gebell
154
Des treuen Greifs erweckt,
155
Lief schnell die Zof' an's Fenster hin,
156
Ihr Fräulein sie erblickt.

157
Sie tobt mit wildem Angstgeschrei,
158
Klagt allen ihre Noth;
159
Der Alte schäumt, und flucht und schwört
160
Der Nichte Schmach und Tod.

161
Er fodert seine Sassen auf,
162
Und eh' der Tag begann,
163
Verließen rüstig sie das Schloß;
164
Er führte selbst sie an.

165
Indessen war das Ritterpaar
166
Durch Anger, Wiese, Feld,
167
Weit über Berg und Thal und Forst;
168
Vom günst'gen Mond erhellt.

169
Mit lautem Schaumgetöse stürzt
170
Die Bude vor sie hin:
171
»es geht, mein Kind erzitt're nicht!
172
Des Stroms ich kundig bin.« –

173
Der Rappe stutzt und hebt den Fuß
174
Und prüft den Fluß gemach,
175
Drauf strebt' er wiehernd durch, als wär's
176
Nur ein Forellenbach.

177
Nun kommen sie zum Schloß gesprengt,
178
In Himmelswonn' entzückt;
179
Beschreib's, wer eine Freude je,
180
Wie diese war, erblickt'.

181
Nun saßen sie bei'm frohen Mahl,
182
Der Becher ging umher;
183
Ein Knappe kam: »Auf, edler Graf!
184
Der Mannsfeld rücket her!«

185
Und Braut und Schwester jammerten,
186
Zerrauften sich das Haar;
187
Indeß der Graf zu Pferde schon
188
Im vollen Harnisch war.

189
Dem Zug' er schnell entgegen kam,
190
Und rief dem Mannsfeld laut:
191
»umsonst ist deine Müh'; sie ist
192
Als Weib mir angetraut!

193
Und bin ich nicht aus edlem Stamm,
194
Deß Ruhm erschallet weit,
195
Der Fürsten unserm Volke gab
196
Schon zu der Heiden Zeit?«

197
Mit eingelegter Lanze sprengt
198
Der Alte gegen ihn;
199
Sein Haufe folgt; erwartend bleibt
200
Der Ritter kalt und kühn,

201
Und zieht sein Schwert. Als Mannsfeld naht,
202
Verhaut er ihm den Stoß
203
Und haut, und haut den Schedel durch,
204
Daß er zur Erden schoß.

205
Die Reisigen zerstreuen sich,
206
Und Stolberg eilt nach Haus,
207
Und ruht die lange, süße Nacht
208
In Lieschen Armen aus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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