Das menschliche Leben

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Friedrich Hölderlin: Das menschliche Leben (1785)

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Menschen, Menschen! was ist euer Leben,
2
Eure Welt, die tränenvolle Welt,
3
Dieser Schauplatz, kann er Freuden geben,
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Wo sich Trauern nicht dazu gesellt?
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O! die Schatten, welche euch umschweben,
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Die sind euer Freudenleben.

7
Tränen, fließt! o fließet, Mitleidstränen,
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Taumel, Reue, Tugend, Spott der Welt,
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Wiederkehr zu ihr, ein neues Sehnen,
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Banges Seufzen, das die Leiden zählt,
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Sind der armen Sterblichen Begleiter,
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O, nur allzu wenig heiter!

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Banger Schauer faßt die trübe Seele,
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Wenn sie jene Torenfreuden sieht,
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Welt, Verführung, manches Guten Hölle,
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Flieht von mir, auf ewig immer flieht!
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Ja gewiß, schon manche gute Seele hat, betrogen,
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Euer tötend Gift gesogen.

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Wann der Sünde dann ihr Urteil tönet,
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Des Gewissens Schreckensreu sie lehrt,
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Wie die Lasterbahn ihr Ende krönet,
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Schmerz, der ihr Gebein versehrt!
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Dann sieht das verirrte Herz zurücke;
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Reue schluchzen seine Blicke.

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Und die Tugend bietet ihre Freuden
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Gerne Mitleid lächelnd an,
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Doch die Welt – bald streut sie ihre Leiden
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Auch auf die zufrieden heitre Bahn:
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Weil sie dem, der Tugendfreuden kennet,
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Sein zufrieden Herz nicht gönnet.

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Tausend mißgunstvolle Lästerungen
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Sucht sie dann, daß ihr die Tugend gleicht;
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Beißend spotten dann des Neides Zungen,
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Bis die arme Unschuld ihnen weicht;
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Kaum verflossen etlich Freudentage,
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Sieh, so sinkt der Tugend Waage.

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Etlich Kämpfe – Tugend und Gewissen –
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Nur noch schwach bewegen sie das Herz,
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Wieder umgefallen! – und es fließen
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Neue Tränen, neuer Schmerz!
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O du Sünde, Dolch der edlen Seelen,
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Muß denn jede dich erwählen?

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Schwachheit, nur noch etlich Augenblicke,
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So entfliehst du, und dann göttlich schön
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Wird der Geist verklärt, ein beßres Glücke
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Wird dann glänzender mein Auge sehn;
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Bald umgibt dich, unvollkommne Hülle,
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Dunkle Nacht, des Grabes Stille.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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