An Ebert

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Friedrich Gottlieb Klopstock: An Ebert (1771)

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Ebert, mich scheucht ein trüber Gedanke vom blin-
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Tief in die Melancholey!
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Ach du redest umsonst, vor dem gewaltiges Kelchglas,
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Heitre Gedanken mir zu!
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Weggehn muß ich, und weinen! vielleicht, daß die
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Meine Betrübniß verweint.
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Lindernde Thränen, euch gab die Natur dem mensch-
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Weis’ als Gesellinnen zu.
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Wäret ihr nicht, und könnten ihr Leiden die Men-
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Ach! wie ertrügen sie’s da!
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Weggehn muß ich, und weinen! Mein schwermuths-
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Bebt noch gewaltig in mir.
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Ebert! … sind sie nun … alle dahin! deckt un-
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Alle die heilige Gruft;
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Und sind wir … zween Einsame … dann von
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Ebert! … verstummst du nicht hier?
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Sieht dein Auge nicht bang um sich her, nicht starr
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So erstarb auch mein Blick!
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So erbebt’ ich, als mich von allen Gedanken der
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Donnernd das erstemal traf!
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Wie du einen Wanderer, der, zu eilend der Gattin,
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Und dem gebildeten Sohn,
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Und der blühenden Tochter, nach ihrer Umarmung
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Du den, Donner, ereilst,
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Tödtend ihn fassest, und seine Gebeine zu fallendem
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Machst, triumphirend alsdann
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Wieder die hohe Wolke durchwandelst; so traf der
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Meinen erschütterten Geist,
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Daß mein Auge sich dunkel verlor, und das bebende
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Kraftlos zittert’, und sank.
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Ach, in schweigender Nacht, ging mir die Todtener-
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Unsre Freunde, vorbey!
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Ach in schweigender Nacht erblickt’ ich die offenen
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Und der Unsterblichen Schaar!
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Wenn nicht mehr des zärtlichen Giseken Auge mir
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Wenn, von der Radikinn fern,
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Unser redlicher Cramer verwest! wenn Gärtner, wenn
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Nicht sokratisch mehr spricht!
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Wenn in des edelmüthigen Gellert harmonischem Leben
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Jede Saite verstummt!
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Wenn, nun über dem Grabe, der freye gesellige Rothe
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Freudegenossen sich wählt!
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Wenn der erfindende Schlegel aus einer längern Ver-
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Keinem Freunde mehr schreibt!
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Wenn in meines geliebtesten Schmidts Umarmung
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Nicht mehr Zärtlichkeit weint!
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Wenn einschlummernd sich Hagedorn unser Vater ent-
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Ebert, was sind wir alsdann,
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Wie Geweihte des Schmerzes, die hier ein trüberes
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Länger, als Alle sie ließ.
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Stirbt denn auch einer von uns, mich reißt mein
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Immer nächtlicher fort!
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Stirbt dann auch Einer von uns, und bleibt nur Ei-
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Bin der Eine dann ich;
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Hat mich dann auch die schon geliebt, die künftig mich
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Ruht auch Sie in der Gruft;
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Bin dann ich der Einsame, bin allein auf der Erde:
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Wirst du, ewiger Geist,
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Seele zur Freundschaft erschaffen, du dann die leeren
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Sehn, und fühlend noch seyn?
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Oder wirst du betäubt für Nächte sie halten, und
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Und gedankenlos ruhn?
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Aber wenn du bisweilen erwachtest zu fühlen dein Elend,
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Banger, unsterblicher Geist?
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Rufe, wenn du erwachst, das Bild vom Grabe der
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Das nur rufe zurück!
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O ihr Gräber der Todten! ihr Gräber meiner Ent-
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Warum liegt ihr zerstreut?
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Warum liegt ihr nicht in blühenden Thalen beysam-
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Oder in Hainen vereint?
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Leitet den sterbenden Greis! Ich will mit bebendem Fusse
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Gehn, auf jegliches Grab
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Eine Cypresse pflanzen, die noch nicht schattenden Bäume
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Für die Enkel erziehn,
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Oft in der Nacht auf biegsamen Wipfel die himmli-
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Meiner Unsterblichen sehn,
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Zitternd mein Haupt gen Himmel erheben, und wei-
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Grabet den Todten dann ein
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Bey dem Grabe, bey dem er starb! Nimm dann, o
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Meine Thränen, und mich! …
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Finstrer Gedanke, laß ab! laß ab in die Seele zu
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Wie die Ewigkeit ernst,
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Furchtbar, wie das Gericht, laß ab! die verstummen-
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Faßt dich, Gedanke, nicht mehr!

([Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Oden. Hamburg, 1771.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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