Palinodie an Bacchus

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Christian Friedrich Daniel Schubart: Palinodie an Bacchus (1782)

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Der du mit deinen Tigern an dem Wagen
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Einst Indien durchzogst,
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Und dich, dem Erebus entstiegen,
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Hochaufgeschwellt von deinen Siegen
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Zum Gotte des Olympos logst!

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Dich sing' ich nicht, wie Dichter, deine Sklaven,
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Erst vollgefüllt aus deinem Horn;
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Dann hoch die Thyrsusstäbe schwingend,
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Und Evoe im wilden Rausche singend –
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Ich singe, Bacchus, dich im Zorn.

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Im Zorne, daß du auch Thuiskons Wälder
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Zertratst in deinem Drachenzug;
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Daß du die weingefüllten Römerschädel
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Dem Volke botst, ehmals so groß, so edel,
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Das Varus Legionen schlug;

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Daß du mit deinen Giften ihre Knochen,
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Ehmals wie Erz, in Brei verkocht,
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Und den zum Siechling umgeschaffen,
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Dem sonst beim eisern Klang der Waffen
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Der Busen aufgepocht.

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Wer lehrt das Biedervolk im Eichendunkel schwelgen?
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Wer hat mit toller Trunkenheit,
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Im Klubbe rasender Bacchanten,
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Mit Schläuchen, Flaschen, vollen Kanten
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Den Hain Germaniens entweiht?

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Wer machte Menschen reißender als Tiger,
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Die deinen Wagen ziehn?
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Wer lehrt das trunkene Geschlechte,
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Den Dolch des Aufruhrs in der Rechte,
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Von Höllenmordlust glühn?

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Wer lockt zum Lärm bei ekeln Saufgelagen,
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Als, Schreier Bacchus, du?
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Dir brüllen deine Taumelschaaren
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Mit borstigen und wildzerzausten Haaren
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Ihr Evoe bacchantisch zu.

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Ha! wer zerstört die köstliche Behausung
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Des Menschengeistes? Wessen Gluth
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Befleckt den Blick mit dieser blut'gen Röthe,
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Und preßt die Augen, wie der Kröte,
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Mit giftgetränkter Wuth?

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Wer schuf die Bläue auf des Jünglings Lippe?
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Wer hat der Wangen Blume abgestreift?
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Die Blume, ach, so farbig sonst, so heiter!
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Wer zeugt der Hektik faulen Eiter,
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Der aus der Lunge pfeift?

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Noch schrecklicher – wer mordet Geister,
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Als du, als Dämon Bacchus, du?
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Wer geißelt sie in einer schwarzen Stunde,
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Die Geister deiner Sklaven – ha! dem Schlunde
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Des gähnenden Abyssus zu?

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Einst kannt' ich einen Jüngling, blühend,
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Wie Eros war des Jünglings Blick,
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Ihm senkte Gott Gesang der Musen,
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Und Tiefgefühl und Großgefühl in Busen;
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Er war der Menschheit Stolz und Glück.

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Doch neidisch flog ein Teufel aus der Hölle
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Mit einem goldenen Pokal.
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Es äugelte der Wein in dem Pokale;
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Der Jüngling sah ihn blinken in dem Strahle
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De Monds, den täuschenden Pokal!

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Mit halbgeschloßnen Augen schlürfte
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Er, ach! des süßen Giftes viel;
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Allmählig dorrten seine Kräfte,
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Zur faulen Lache wurden seine Säfte,
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Und traurig schwieg sein Saitenspiel.

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Ich sah den Jüngling, ach! im frischen Lenzen
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Sah ich ihn schon verblühn;
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Sah liegen ihn im Sarg auf Hobelspänen;
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Sein Mädchen sah ihn auch, mit welchen Thränen
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Benetzt' sein Mädchen ihn?

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Ihr Blüthen meines Vaterlandes!
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Ihr Jünglinge, in deren Herz
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Genie, die Gottesflamme, lodert,
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Wenn Bacchus euch, als seine Sklaven, fodert
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Zum Soff und zum Mänadenscherz;

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So denkt, ihr hört's vom hellen Himmel donnern:
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»o Jüngling! trau dem Dämon nicht;
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Er führt dich an verborgnen Fesseln,
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Und peitscht dich einst mit wilden Nesseln,
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Hohnlachend vor's Gericht.«

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Gab Gott dir Geist, ihn stürmisch wegzubrüllen
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Beim ekeln Trinkgelag?
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O schrecklich wird Gott seine Gaben heischen,
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Wo keine Teufel mehr betrogne Menschen täuschen,
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An der Entscheidung großem Tag!

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Ha, Bacchus! hab' ich jemals auch getaumelt
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Um deinen Wagen, höre mich!
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Dir sei es hier vor meiner Brüder Ohren
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Im feierlichsten Schwur geschworen:
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Hör's, Taumelgott, ich hasse dich!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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