An Serafina

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Christian Friedrich Daniel Schubart: An Serafina (1782)

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Wie ein Engel stieg der Tag, der dich gebar,
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Vom Olympos, Urlicht im Antlitz,
3
Und die blauen Flügel thauend
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Von goldnen Tropfen.

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Da griff ich nach dem Saitenspiel,
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Das mir einst Braga gab,
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Und zitterte mit der Hand der Begeistrung
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Sein Goldgeweb' hinab.

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Serafina! Serafina! so scholl's vom Himmel,
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Serafina! hallt's mein Saitenspiel nach,
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Und Thränen der Wonne rieselten
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Sein Goldgeweb' hinab.

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Schönheit stand in ihrem Silberflor
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Mit der Tugend einst an deiner Wiege,
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Gaben deinem Leibe jeden Liebreiz,
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Deiner Seele Adlerschwung.

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Schönheit taucht' in das Morgenroth
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Ihren Lilienfinger, deine Wangen
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Tuschte sie mit jener Röthe,
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Die des Himmels Rosen überstrahlt.

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Feuer, wie der Sirius herunterflimmt,
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Strömt sie dir ins hohe Auge,
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Rüstet es mit jedem Wetterleuchten,
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Das die Liebe zeugt.

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Schlank, wie eine Ficht' am Bache
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Gepflegt von Gottes Hand,
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Am Stamm umtanzt von Silberwellen,
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Am Wipfel vom Himmelslicht gesonnt,

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Wuchs'st du empor, dir floß das Haar
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Wie Evens Haar, als sie sich sanftbelächelnd
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Am Pison stand, und mit den Rosenfingern
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Die goldnen Locken kämmte.

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Dann kos'te dich die Harmonie
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Und stimmte jede Saite deines Herzens
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Zum feinsten Wohllaut. Zaubereien
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Wirbelst du im Flügelspiel.

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Und ach! ich starr' an deinem hohen Flügel,
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Wie am Krystallenmeer; schlürfe
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Mit heißem Flammendurste
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Die silbernen Noten in mich.

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Aber mehr, o Serafina! mehr, als dies,
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Mehr noch, als Schönheit, die verblüht,
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Als deines Flügels Rasereien,
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Als deiner Stimme Sphärenklang,

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Mehr noch ist deine Engelseele!
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Die im Geniusfluge
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Zur Sonne fleucht, und Urlicht trinkt,
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Und Gottes Größe fühlt.

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Und ach! dein Herz, vom Drange
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Der Menschheit voll; so himmlisch schön,
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Wenn dir's herauf ins Antlitz steigt,
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Und schwimmt im thränenhellen Blick.

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Wenn dich der Hauch der kleinen Lüste trübt,
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Wenn du die Unschuld deiner Seele
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Von ferne nur entweihst;
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Dann zittern dir die Perlen vom Gesicht.

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Dein Herz ist abgeleitet von dem Strom,
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Der hochherab vom Throne Gottes fleußt;
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Drum schauerst du und blutest Büßerthränen,
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Wenn Schlamm sich wölkt im Spiegelbach.

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O Serafina, Gott bewahre dir dein Herz!
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Mehr sag' ich nicht, denn ach! zu viel,
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Zu viel hab' ich aus deiner Schönheit Schale
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Der Honigtropfen eingeschlürft.

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Ich taumle noch im Rausche deiner Reize,
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Bis, ach! ein Thränenstrom,
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In meinem Kerkergrab geweint,
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Mich wieder nüchtern macht.

69
O Serafina, ewig lieb' ich dich!
70
An deinem Feste schwör' ich's dir!
71
Am Throne Gottes schwör' ich's dir!
72
O Serafina, ewig lieb' ich dich!

73
Ist's Sünde, gute Seele! daß ich dich
74
Mit diesem Flammenungestüm
75
Ergriff und liebe, ist's mir Sünde?
76
O Serafina, so verzeihe du!

77
Müd herabgeneigt an deine Sohle,
78
Die auf der Erde ruht, mit großen
79
Heißen Tropfen im Feuerantlitz bitt' ich dich:
80
O Serafina, ach! verzeihe du!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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