Der Frühling

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Christian Friedrich Daniel Schubart: Der Frühling (1778)

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Da kommt er nun wieder
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Der Jüngling des Himmels,
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Und schüttelt aus seidnen Locken
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Goldnen Thau in die Kelche
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Der dürstenden Blümchen im Thal;
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Die Hügel erwachen!
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Es rauschen die Flüsse
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Entfesselt vom Eise!

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Die Lüfte ertönen:
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Die Wälder erklingen
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Vom Vogelgesang.
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Der frömmere Mensch
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Blickt betend gen Himmel
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Und Freudenthränen tropfen
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Ins junge keimende Gras:

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Willkommen! Willkommen!
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Du lächelnder Lenz,
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Gefährte der Engel
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Im Bräutigamsschmuck!

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Doch ach, ich soll dich nicht sehen,
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Du Jüngling des Himmels,
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Nicht sehen den blinkenden Goldthau,
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Der sanft dir entträufelt;
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Nicht hören deiner Flügel Melodie,
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Und das Geflüster der Winde,
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Die deine glühende Wange kühlen?

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Vergib mir's, vergib mir's,
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Schaffer des Frühlings,
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Wann ich in bebender Rechte
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Mein Antlitz berg' und weine!

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Schöpfer, zwar hab' ich gesündigt;
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War seiner Blumengerüche,
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Seiner fröhlichen Farbengemische,
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Seiner Winde Säuseln nicht werth;
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Nicht werth seiner Gesänge
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Und des blüthenbewehten Silberbachs!

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Doch sah ich nicht auch
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Vom lächelnden Antlitz des Frühlings
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Zu dir, seinem Bildner, empor?
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Ach Gott, du weißt's,
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Oft tropften Thränen auf den Blüthenzweig,
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Den ich dankend brach, und ihn
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Flüstern ließ an der pochenden Brust;
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Oft entküßt' ich dem ersten Veilchen,
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Von der Hand des Knaben gepflückt,
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Die lichteren Tropfen und sog,
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Gottfühlend, seinen Balsam auf;
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Hörte preisen
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Der steigenden Lerche Lied,
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Der Grasmücke Gezwitscher
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Aus der blühenden Linde Duft!
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Und wie stieg mein Herz,
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Wenn am Abend aus dunkelm Gebüsche
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Die melodische Nachtigall gluckte!
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Auch saß ich oft im Frühlingsgrase
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Der fühlenden Gattin zur Seite,
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Von goldlockigen Kindern umhüpft;
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Da sah und fühlt' ich dich, Schöpfer!
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Fühlt' es, daß du die Liebe bist.
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Sah im Wiesenblümchen dich!
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Im Forellenbache dich!
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In der Rosenknospe dich!
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Und ach! im schimmernden Blicke der Gattin,
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Und auf der Kinder röthlichen Wange
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Dich, Freudengeber, dich!
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Ich mußte weinen, Vater!
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Mein Aug' in hohler Hand bergen
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Und weinen, denn ach!
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Ich habe gesündigt;
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Bin des himmlischen Frühlings Anblick
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Und seiner Umarmung nicht werth.
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Drum warfst du mich zürnend
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In des Felsen Nacht,
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Und sprachst: Fühl' es, Berauschter,
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Was es heiße, meinen Frühling nicht sehen!
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O, ich fühl's, ich fühl's, Erbarmer!
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Denn zu Gefühlen der Schönheit und Größe
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War dieß Herz immer geöffnet.
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Ich fühl's, ich fühl's, was es sei
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Deinen Frühling nicht sehn;

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Aber tragen deiner Ungnade Last,
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Fühlen des Rächerblicks Flamme,
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Nicht von der Ruthe des Vaters,
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Nein, von der Geißel des Richters zerfleischt,
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Liegen im Staube des Kerkers
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Von Finsterniß und Fluch gedrückt,
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Nicht sehn das Bruderantlitz des Menschen,
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Der tröstenden Liebe Blick –
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O das ist mehr, du Ewiger, mehr,
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Als deinen Frühling nicht sehn!
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O lächle mir wieder Gnade,
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Erbarmer, Gnade, Gnade!
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Laß das Zorngewölk zerfließen,
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Das mir dein Antlitz verhüllt!
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Und du, mein Erlöser,
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Jesus Christus, mein König, mein Gott!
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Dessen Opferblut
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Auf die Frühlingsblume floß,
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Erbarme dich meiner, und bitte für mich!
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Laß schreien dein Blut am Throne:
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Gnade! Gnade! Gnade!
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Dann erheb' ich mein Haupt vom Staube,
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Achte nicht mehr der Fesseln Geklirr,
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Und des schüchternen Frühlings,
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Der mit blässerer Wange
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Durch mein Eisengitter schaut.
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Hast du mir vergeben, Erlöser, vergeben,
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Dann geht mir jenseits des Grabes
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Ein schönrer Frühling auf, als der,
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Der Gräber bescheint,
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Und dunklere Grüfte des Kerkers.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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