Jupiter und Semele

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Friedrich Daniel Schubart: Jupiter und Semele (1782)

1
Von des Olympos Donnerhöhe sah
2
Einst Jupiter die schöne Semele,
3
Wie sie im Thale Wiesenblümchen pflückte.
4
Sie lächelte im Rosenflor der Jugend,
5
Und Schönheit warf um sie den Silberschleier,
6
Aus Morgengold und Maienlicht gewebt.

7
Des Götterkönigs und des Menschenvaters
8
Von Liebe trunkne Seele fluthet auf,
9
Den Donnerkeil legt' er aus seiner Rechten,
10
Er streifte von sich ab die Götterhülle,
11
Die den Olymp mit Einem Wink erschüttert
12
Und unsre Erdax' knarren macht.
13
Als goldgelockter Jüngling kam er nun
14
Und trat vor Semele im leichten Jägerkleide.
15
Doch Semele war tugendhaft; sie liebte
16
Den schönen Jüngling zwar; jedoch den Gürtel
17
Der Keuschheit ihr zu lösen, verstattet sie ihm nicht.
18
Doch leicht gewinnt ein Gott des Mädchens Herz.
19
Zeus bin ich, sprach der Menschgestaltete,
20
Mit Welten lohn' ich dir der Unschuld Opfer.

21
Viele süße Stunden flogen nun
22
In seiner Semele Umarmungen
23
Dem Gott der Götter goldgeschwingt,
24
Wie Himmelsfrühlinge, vorüber;
25
Die grollende Saturnia erfuhr's.
26
Die sann auf Rache. Weh' dir Semele!
27
Der Götter Königin ist deine Feindin!

28
Zu einer alten Base schrümpfte sich
29
Der hohen Juno Götterbild zusammen;
30
Durch Schmeicheleien und durch Trug gewann
31
Sie bald des offnen Mädchens Herz.
32
Zeus liebt mich! sprach sie. Die verstellte
33
Saturnia lacht hoch darob – Zeus meinst du?
34
Zeus liebe dich? sagt boshaft lächelnd sie:
35
Ha, ein Verführer
36
Will unter dieser Larve dir das Gold
37
Der Unschuld rauben. Mädchen, traue nicht.
38
Versuch' ihn, sag', er möge sich einmal
39
In seiner furchtbarn Majestät dir zeigen!
40
An seiner Erdenschwäche wirst du bald
41
Des eingeschleirten Gottes Trug erkennen.

42
Saturnia entfernte sich und ließ
43
Das zitternde Mädchen mit dem Dolche
44
Des Kummers in der hohen Halle stehen.

45
Und Zeus erschien in der gewohnten Hülle.
46
Du bist nicht aufgeräumt, o Semele!
47
Ich muß es wohl, denn du hast mich betrogen.
48
Ein Gott? dich? – Ein Gott wärst du? o geh Betrüger,
49
Du bist ein erdgeschaffner Mensch, und ach,
50
Das Gold der Unschuld hast du mir geraubt.

51
Thränen perlten auf der Semele Gesicht.
52
Und Zeus begann zurückgebogen: Welche
53
Des Orkus Schoß entstiegne finstre Macht
54
Vergiftete mit diesem Argwohn dich?
55
Umzischen bleiche Eumeniden dich
56
Und sprützen dir Verdacht ins weiche Herz?
57
Ha, fordere Beweise! Zeus bin ich!
58
»wirf diese Hülle ab und zeige dich
59
In deiner Gottheit furchtbarn Majestät! –«
60
O Semele! du forderst deinen Tod;
61
Doch sehen sollst du, daß ein Gott ich bin.

62
Im Schöpfertone sprach nun Jupiter:
63
Ein Regenbogen wölbe sich
64
Ums Haupt der Semele! –
65
Der Regenbogen schwand! –
66
»du bist kein Gott; ein Zaubrer bist du nur!«
67
Erdbeben schüttere diesen Goldpalast
68
In allen Tiefen, so gebot der Gott! –
69
»du bist kein Gott, ein Zaubrer bist du nur!«
70
Auf der Erde lagre sich Mitternacht!
71
Der Sturmwind heule!
72
Und Geister winseln dazwischen!
73
Es geschah. –
74
»du bist kein Gott, ein Zaubrer bist du nur.«
75
Du ängstest nur mich armes Mädchen so.
76
In Silberschleier hüllt sie ihr Gesicht.
77
So sprich, was soll ich thun? Das Reich der Thiere,
78
Es gehe huldigend vorbei an Semele.
79
Gleich kam der trotzige Löwe!
80
Er schüttelte die goldne Mähn' und leckte
81
Den Fuß der Semele. Es kam
82
Der ernste Elephant und küßte ihr die Hand
83
Mit sammtnem Rüssel. Vor ihr ging
84
Mit schlauem Blick der Tiger stolz vorüber.
85
Ihr stampfte der muthige Wieh'rer,
86
Das dünngeschenkelte Roß;
87
Ihr brüllte der Stier und schleuderte rücklings
88
Erdschollen gen Himmel.
89
Sein zackiges Geweih erhob vor ihr der Hirsch.
90
Der Affe gaukelte vor ihr, das Eichhorn putzte sich.
91
Ueber ihr schwebte der Adler
92
Mit verbreitetem Fittich. Ihr gluckte
93
Die Nachtigall; ihr girrte die Taube!
94
Umsonst, denn Semele sprach immer:
95
Du bist kein Gott, ein Zaubrer bist du nur!
96
Damit ich's glaube, zeige dich als Gott!

97
Ich will's, so brüllte Jupiter.
98
Da stand der Donnerer in seiner Schrecklichkeit!
99
Die Flammenarme streckt' er nach ihr aus.
100
Ach Semele zerfloß, wie Wachs zerschmilzt,
101
Wenn Sommergluth in allen Wesen brennt,
102
Ach so zerfloß sie in der glühenden Umarmung
103
Des Donnergotts und tropft' an seinen Seiten
104
Blutig herunter. –

105
Der Mensch von Erde konnte die Gottheit nicht
106
In ihrer Nacktheit tragen. Wie beschämt
107
Der Heiden Dichtung unsre Weisen?
108
Sie wollen den Jehovah ohne Hülle,
109
Nicht in der Menschheit Jesus Christus sehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.