Fluch des Vatermörders

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Christian Friedrich Daniel Schubart: Fluch des Vatermörders (1783)

1
Ihr Mädels kommt, ihr Buben kommt,
2
Daß ich euch was erzähle!
3
Es steht im heil'gen Bibelbuch:
4
Den Vatermörder trifft der Fluch,
5
Ein Fluch an Leib und Seele.

6
Einst sprach vom Berge Sinai
7
Der Herr aus schwarzen Wettern:
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Verehr den Mann, der dich gezeugt,
9
Verehr das Weib, das dich gesäugt,
10
Sonst werd' ich dich zerschmettern!

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Ein Edelmann aus Bayerland
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Thät sich zum Hochzeitfeste
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Gar stattlich rüsten: Ungerwein,
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Auch Wildbret, Fisch' und Zucker fein
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Kauft er für seine Gäste.

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Ein Fräulein war Brautführerin,
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Man hieß sie Kunigunde;
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Da ging es an ein Leben, ha!
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Da schmaust und tanzt man, hopsasa,
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Bis um die zwölfte Stunde.

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Weil wenig Platz im Schlosse war,
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Mußt' Kunigunde liegen
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In einem alten schwarzen Thurm,
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Drum saust der Wind, drum rast der Sturm,
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Die Schuhu um ihn fliegen.

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Das Fräulein Gundel war sehr fromm,
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Befahl Gott ihre Seele:
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Ach! liebster Jesu! betet sie,
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Ans Bett geworfen auf die Knie,
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Nur dir ich mich befehle.

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Das Fräulein kaum im Bette war,
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Da kam mit grasser Miene,
33
Mit dürrer, hagerer Gestalt
34
Ein Mann gar blaß, gekrümmt und alt,
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Und naht sich dem Kamine.

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Er streckt die magre lange Hand
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Wohl übers Kohlenfeuer;
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Er ächzt mit fürchterlichem Ton:
39
Verflucht bin ich, verflucht mein Sohn,
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Wir Höllenungeheuer!

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Das Fräulein hatte Christenmuth,
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Sie fuhr im Nachtgewande
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Schnell aus dem Bett, und fragt den Mann:
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Geist, oder Mensch? sag mir es an,
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Was trägst du diese Bande?

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Der Greis schleppt eine Kette nach,
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Drum fragt' ihn Kunigunde,
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Warum er diese Kette trug?
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Der Greis sich an den Schädel schlug
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Und sprach mit hohlem Munde:

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Der Ritter, der heut Hochzeit hat,
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Ich bin, ich bin sein Vater;
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Er legt' mir diese Ketten an:
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Ich alter, ich verfluchter Mann,
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Ich zeugte diese Natter.

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Schon fünfzehn Jahre hat er mich
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In diesem Thurm verschlossen:
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Ich schlief auf kalter, fauler Streu,
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Nur schimmlicht Brod hab' ich dabei,
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Und Wasser nur genossen.

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Schau, Mädel, diese Lumpen sind
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Verfault um meine Hüfte.
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Sieh Läus' in diesem grauen Bart,
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Und rieche, bist du nicht zu zart,
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Des eignen Unraths Düfte.

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Die Woche dreimal läßt er mich
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Mit einer Peitsche geißeln;
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Ihn rühret nicht mein Zeterach,
69
Er sieht die Thränen tausendfach
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In meinem Haar sich kräuseln.

71
Heut schnellt' ich meine Ketten ab;
72
Es war im Hochzeitlärmen;
73
Mein Hüter heut besoffen sehr,
74
Vergaß mich ganz; ich schlich hieher,
75
Mich einmal zu erwärmen.

76
Genug! Genug! sprach blaß, wie Wand,
77
Das edle Fräulein Gundel:
78
Dein Sohn ist dieses Ungeheu'r?
79
O Greis, du hast mein Herz mit Feu'r
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Entbrannt, wie mürben Zundel.

81
Will rächen dich! Du rächen mich?
82
O Fräulein! laß dir sagen:
83
Siehst du dort Blut noch an der Wand!
84
Dort hab' ich, ach! mit eigner Hand
85
Den Vater einst erschlagen?

86
Kaum sprach er's aus, so fiel ein Bein
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Herab vom obern Boden.
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Huhu! ein Bein und noch ein Bein,
89
Und drauf, erhellt vom Kohlenschein,
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Geripp von einem Todten.

91
Ein hohler Schädel oben stand,
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Gluth flimmt in weiten Augen:
93
Ach Gott! 's ist wahr, ach Gott! 's ist wahr!
94
Der Teufel hier im grauen Haar,
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An dem die Schlangen saugen,

96
Hat mich mit der verfluchten Faust
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Einst in der Nacht getödtet;
98
Dieß Blut hier an der Wand ist mein,
99
Dieß Blut hat in den Himmel 'nein
100
Mit stummem Mund geredet.

101
Verfluchter Sohn, sprach das Geripp,
102
Dir, dir ist recht geschehen!
103
Wer seinen Vater würgt, den trifft,
104
Weit mehr als Dolch und Schwert und Gift,
105
Ihn treffen Höllenwehen.

106
Wuwu! man hörte Hundgebell,
107
Man hörte Katzen mauen;
108
Es kräht der Hahn! Ha! ich muß fort,
109
Sprach das Geripp, an meinen Ort,
110
Der Tag beginnt zu grauen.

111
Der Geist verschwand, das Fräulein geht
112
Und ließ den Alten stehen:
113
Kommt in die Stadt, sobald das Licht
114
Am Himmel graut, sagt vor Gericht,
115
Was sie im Thurm gesehen.

116
Soldaten eilten, fanden bald
117
Im Thurm den Alten liegen;
118
Sein Haar und Bart war ausgerauft,
119
Die Brust zerrissen; schrecklich schnauft
120
Er in den letzten Zügen.

121
Er starb; sein Aug' hing aus dem Kopf;
122
Gott seiner Seel' genade!
123
Der Edelmann aus Bayerland
124
Starb, wie es weit und breit bekannt,
125
Zu München auf dem Rade.

126
Am Hochgericht da geht er um,
127
Schlägt seine Händ' zusammen;
128
O weh! so brüllt's um Mitternacht,
129
Hab' meinen Vater umgebracht!
130
Mich sengen Höllenflammen.

131
Das Fräulein Kunigunde ging
132
Nach der Geschicht' ins Kloster;
133
Viel tausend Ave betet sie
134
Für ihre Seelen auf dem Knie,
135
Viel tausend Paternoster.

136
Und jedes Kind, das zu ihr kam,
137
Nahm sie auf ihre Arme,
138
Und sprach:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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