Der kalte Michel

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Christian Friedrich Daniel Schubart: Der kalte Michel (1782)

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War einst ein deutscher Junker
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Im prächtigen Paris;
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Er wollt' sein Geld in Ehren
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Und mit Geschmack verzehren
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In Frankreichs Paradies.

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Auf einmal blieb der Wechsel
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Ihm allzulange aus.
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Er schrieb zwar viel naive
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Und wohlgesetzte Briefe,
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Doch keiner kam von Haus.

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Des Franzmanns Complimente
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Die waren jetzt nicht groß;
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Nur, die mit vollen Händen
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Ihr deutsches Geld verschwenden,
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Sieht gerne der Franzos.

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Da war der Junker traurig,
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Und hängt das Mäulchen schief.
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Es äugelt ihm itzunder
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Vergeblich der Burgunder,
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Er will nur Geld und Brief.

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Einst schaut er zu dem Fenster
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Mit dunkelm Blick hinaus;
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Schon träumt er von Pistolen,
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Von Mord und Teufelholen:
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Da kam sein Knecht von Haus.

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Gleich schrie er: »Guter Michel,
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O komm doch 'rauf zu mir!«
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Der Michel sprach: »Ihr Gnaden!
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Ein Schöpplein könnt' nicht schaden;
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Ich weiß kein Wirthshaus hier.«

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Der Kerl war nun im Zimmer;
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Der Junker fragt: »Was Neu's?«
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Doch Michel setzt sich nieder,
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Labt erst mit Wein die Glieder,
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Dann sagt er, was er weiß.

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»ei, denkt doch, gnäd'ger Herre!
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Der Rabe ist verreckt.
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Er hatte wenig Futter,
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Auf einmal fraß er Luder,
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Bis er davon verreckt.«

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»wer gab ihm so viel Luder?«
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Frägt Junker schon gerührt.
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»ha! eures Vaters Pferde –
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Ihr wißt's, von großem Werthe,
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Die waren halt krepirt.«

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»was, meines Vaters Pferde?«
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»ha! 's ist ja schon bekannt!
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Ihr Gnaden, muß nur sagen,
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Vom vielen Wassertragen
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Verreckten sie beim Brand.«

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»was sagst von einem Brande?«
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»hm! ja in euerm Haus.
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's ist eben kein Mirakel;
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Denn, spielt man mit der Fackel,
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So kömmt leicht Feuer aus.«

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»ach Gott! mein Schloß verbrannte?«
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»ihr Gnaden sagt es gleich.
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Mit Fackeln und mit Kerzen
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Ist wahrlich nicht zu scherzen,
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Wie bei der Mutter Leich'.«

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»wie, Michel, meine Mutter?«
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»ja freilich, sie ist todt!
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Sie hat sich halt bekümmert,
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Und Kümmerniß verschlimmert
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Das Blut, und bringt den Tod.«

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»wer hat sie denn bekümmert?«
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»ihr Vater, wie man sagt.
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Der hat vor sieben Wochen
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Halt das Genick gebrochen,
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Und zwar auf einer Jagd.«

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Der Junker sich den Schädel
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Mit beiden Fäusten schlug –
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»wär' ich doch nie geboren!
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Ha! alles ist verloren!
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Verdammter Hund, genug!«

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»ist nicht so arg, sprach Michel,
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Was braucht's des Lärmens da?
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Ich schwömm', bei meiner Ehre,
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Gleich itzo auf dem Meere
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Fort nach Amerika.«

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Und mir nichts, dir nichts, plötzlich
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Floh er mit ihm davon.
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Europa bleibt zurücke,
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Sie machen bald ihr Glücke
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Beim großen Washington.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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