Das wunderthätige Crucifix

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Christian Friedrich Daniel Schubart: Das wunderthätige Crucifix (1782)

1
Ein Eremit, dem Tode nah',
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Sprach zu Sebastian, dem Knaben,
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Den er als Sohn erzog: »Ich sterbe!
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Sebastian, mein Sohn, begrabe
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Mich neben dieser Hütt', ins Grab,
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Das ich mir selbst geschaufelt. Wisse,
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Du guter Baste, der du mir
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Den süßen Vaternamen gabst,
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Dein Vater bin ich nicht, ich fand
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Dich einst, als Mordsucht mit dem Schwert
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Die Ketzer würgte: ach, der Himmel
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Sah roth und schien sich zu entsetzen
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Ob diesem Gräu'l! – da fand ich dich
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Im Arm des trunknen Kriegers, der
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Dich eben aufwärts schleudern wollte,
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Um dich zu fangen mit dem Schwerte.
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In, liebes Kind, da fand ich dich,
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Und riß dich aus dem Arm des Kriegers.
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Dein Vater war ein braver Mann;
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Ob er des Mordgeists Höllenflamm'
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Entronnen sei, das weiß ich nicht!
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Du bist mein Sohn! und ich dein Vater!
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Was weinest du? – Ich' hab dich ja gelehrt,
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Daß Christen keinen andern Weg
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Ins Leben haben, als den rauhen,
26
Mit Blut beträuften Pfad, den Jesus
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Voran ins Leben ging. Willst du
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Dahinten bleiben? O, der Tod
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Ist süß, ist unaussprechlich süß
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Dem Christen, der die Kunst zu sterben
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Von seinem Könige gelernt.
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Leb wohl. Nimm dieses Crucifix!
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So wein' doch nicht, du siehst mich ja
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Im Himmel wieder. Gold und Silber
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Lass' ich dir nicht, doch meinen Segen
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Vermach' ich dir mit diesem Crucifix.
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Es sei dein Führer auf der Bahn
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Des Lebens. Wirst du Gutes thun,
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So wird es lächeln; aber weinen
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Wird es, so oft du Sünde thust.
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Und bluten, bluten! bluten wird's,
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Aus allen Wunden wird es bluten,
43
Wenn du, was Gott am meisten haßt,
44
Begehst. Bewahre dich der liebe Gott,
45
Daß du es nicht begehst. O Jesus,
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Maria und Joseph, sei mir gnädig!
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Ich sterbe!« – Und der Alte sank
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Auf's Stroh, ward gelb und starb. Der Knabe
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Beträufelte des Alten Leiche
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Mit seinen Thränen, senkte sie
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Ins offne Grab und betete
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Ein Vaterunser und ein Ave,
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Bewarf sie drauf mit Erd' und pflanzt'
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Ein schwarzes Kreuz auf's Grab. »Gott geb'
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Ihm eine ew'ge Ruh und lösche
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Für ihn des Fegefeuers Flammen aus.
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Er lass' ihn fröhlich auferstehen!«
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So sprach der Knabe. Wie das Bäumchen
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Nach starkem Sommerregen tröpfelt,
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So tropfte Wehmuth von dem Auge
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Des Knaben. Er verließ das Grab
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Und seines Vaters Hütte, nahm
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Sein liebes Crucifix und ging.

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Der arme Knabe irrte lang
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Auf weitem Feld im Sonnenstrahl,
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Ward durstig, sah nach einem Quell,
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Sich zu erquicken. Keiner war
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Auf dieser Sommerflur. Er warf
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Sich müd' an eines Felsens Fuß,
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Der keinen Quell ergoß: »O wär' ich,
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Du lieber Vater, wär' ich doch bei dir!
72
Was thu' ich auf der Welt, ich armer
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Verlaßner Knab'?« – und küßt sein Crucifix.
74
Ein Hirtenmädchen kam und sah
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Den Knaben liegen. »Was ist dir?
76
Du schöner Knabe, was ist dir?«
77
Das Mädchen sprach's und blicket Mitleid
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Vom blauen Auge. »Laß mich sterben!
79
Todt ist mein Vater, als ein Waise
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Irr' ich herum: o laß mich sterben!
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Gib mir noch einen frischen Trunk;
82
Dann lege mir das Crucifix auf's Herz
83
Und laß mich sterben!« Eilend lief
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Das Mädchen, eilend kam's zurück.
85
»da trink!« stellt' einen Topf mit Milch
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Dem Knaben vor. »Du sollst nicht sterben.
87
Mein Vater hat noch Brod und Milch
88
Für dich. Ein guter, guter Vater!
89
O weißt du was? Hast du getrunken?
90
Steh auf, geh mit in meine Hütte;
91
Mein Vater wird dich lieben, Knabe,
92
Du wirst mit mir die Heerde hüten,
93
Dann – willst du? nun so komm!« Er ging.
94
Der Hirte nahm ihn auf. Die Heerde
95
Mit jedem goldnen Morgen auszuführen
96
Ins Feld, war sein Geschäft. Das Mädchen
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Ging neben ihm. Schön war der Knabe
98
Und schlank, die ersten Jünglingsmonde
99
Verklärten ihn und streuten Rosen
100
Und Lilien auf sein Gesicht.
101
Sein Blick sprach mehr als Unschuld der Natur,
102
Er sprach Gottseligkeit und Liebe.
103
Voll Einfalt war das Mädchen: kannte
104
Die Schönheit nicht, die Gott ihr gab.
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Die guten Kinder liebten sich
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Und wußten nicht, daß es die Liebe war.
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Sebastian verbarg sich oft
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Im nahen Wald und seufzte: »Gott
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Im Himmel, was ist das in mir?
110
Warum bin ich dem Hirtenmädchen
111
So gut, und möcht's auf meinen Armen
112
In Himmel tragen? Gott im Himmel,
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Es wird doch keine Sünde sein!« Er nahm
114
Sein Crucifix heraus; es sah
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Ihn freundlich an und weinte nicht.
116
An einem Sonntag ging er einst
117
Mit seinem Mädchen auf die Wallfahrt
118
Zu einem Muttergottesbild.
119
Er setzte sich allein mit ihr
120
An einer Rosenhecke nieder;
121
Sie fiel in seinen Schoß und schien
122
Ein Thränchen zu verbergen. »Weinst du,
123
Mein trautes Mädchen, was ist dir?«
124
Er drückte sie an seine Brust
125
Und wagt's und küßte sie. Sie schlang
126
Die Arm' um ihn und küßt' ihn wieder.
127
»ich hab's der Mutter Gottes angelobt,«
128
Sprach sie, »wenn du der Meine wirst,
129
So schenk' ich ihr mein Lämmlein; weißt du,
130
So heimlich ist's, und frißt aus meiner Hand?
131
Willst du der Meine sein?« – »O ewig,«
132
Seufzt' er, »wenn Gott es haben will.«
133
Sie schwiegen, küßten sich und fühlten
134
Die Seligkeit der reinen Liebe. Abends
135
Barg sich Sebastian und enger
136
Ward's ihm ums Herz. »Was hast du?
137
O Gott, o Gott, das wird wohl Sünde sein;
138
Was hast du heut, Sebastian, gethan? –
139
Ein Kuß, den ich dem Mädchen aufgedrückt,
140
Der mir durch alle Glieder drang,
141
O Gott, o Gott, was hab' ich heut' gethan?«
142
Er wagt' es nicht, sein Crucifix zu sehn,
143
Fiel nieder auf die Erd' und weinte
144
Und bat: »O Gott, verzeih' es mir!«
145
Doch endlich wagt's Sebastian
146
Sein Crucifix zu sehen, um die Thränen
147
Von seines Christus Auge wegzutrocknen;
148
Jedoch das Bildniß sah ihn an
149
Mit sanftem Aug' und weinte nicht.
150
Und doch blieb Unruh' in der Brust
151
Sebastians. Am ersten Mai
152
Da wagt' er's gar und tanzt' und sprang
153
Mit seinem Hirtenmädchen. Alle
154
Die jungen Hirten tanzten mit
155
Und feirten so das Maienfest.
156
Beängstigt sah Sebastian
157
Sein Crucifix. Noch immer sah
158
Es freundlich aus und weinte nicht.
159
Und noch blieb Unruh' in der Brust
160
Sebastians. Er beichtete
161
Einst einem Mönche seine Liebe:
162
»o!« sprach der dürre, trockne Mönch,
163
»hast du die Lehre deines Vaters
164
Vergessen, schon so früh? Wallt noch
165
Das Ketzergift in deinem Blut?
166
Verdammt bist du, wenn du nicht gleich
167
Zurück in deine Klause gehst!
168
Flieh deine Dirne, Satan blickt
169
Ihr aus dem Auge!« Schwankend ging
170
Sebastian der Klause zu.
171
»ja wohl, der Gottesmann hat recht;
172
Zu früh hab' ich des Vaters Lehre
173
Vergessen, hab' der Wollust Gift
174
In mich geschlürft. O! Anna, wie
175
War's möglich, daß der Satan sich
176
In dir verbarg? Mein Crucifix!
177
Ach, warum warntest du mich nicht?
178
Doch Warnung eines heil'gen Mannes
179
Spricht lauter, als dies Bild von Elfenbein.«
180
Nun stürzte sich Sebastian
181
Ganz in die Tiefe seines Grams.
182
Er betete – und ach! das Bild
183
Von seiner Anna schwebt' ihm vor.
184
Er warf sich auf das Grab des Alten;
185
Ließ sich von Nesseln sengen; ließ
186
Vom Thau des Himmels sich beträufeln.
187
Doch Anna, Anna schwebt' ihm vor!
188
Sein wunderbares Crucifix
189
Sah ernster aus; doch weint' es nicht.
190
»du siehst so ernst, du Christusbild;
191
Ach, meinen schweren Fall hab' ich
192
Noch nicht genug gebüßt.« Er sprach's,
193
Wälzt nackend sich in Dorn und Disteln,
194
Und geißelte den Rücken blutig,
195
Aß Wurzeln, schlürfte aus der Hand
196
Getrübtes Wasser; heulte, schrie,
197
Daß Eul' und Rab' und Kauz und Fuchs
198
Von seiner Schauerhöhle flohn.
199
Doch schwebt ihm seine Anne noch
200
Im Schleier vor. »O Crucifix,
201
Erbarm dich meiner!« Wüthend holt'
202
Er's aus der Hütte. Wunder! Wunder!
203
Die hellen Thränen rieselten
204
Dem Crucifix vom Angesicht.
205
»ha, ist's nur dies? Ist dir die Buße
206
Für meinen Fehl noch nicht genug?«
207
Er sprach's, nahm einen Strick: »Am Baume,
208
Den ich als Knab' gepflanzt, soll ich
209
Mein Leben enden? Ha, es rauscht!«
210
Was ist's? Ein irrend Lämmlein schlüpft'
211
Vor jedem lauten Blatte zitternd
212
Durch's Waldgebüsch und stand ermüdet,
213
Sebastian, vor deiner Hütte still.
214
Das Lämmlein war's, er kannt' es gleich,
215
Das seine Anne auf der Wallfahrt
216
Der Mutter Gottes angelobt.
217
»so will ich dich, du reines Lamm,
218
Erst füttern aus der hohlen Hand,
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Erst tränken aus dem klaren Quell;
220
Dann, – Jesus Christus, ach, sie kommt;
221
Kommt selber!« Auf des Alten Grab
222
Stürzt stumm der arme Jüngling nieder;
223
Lag mit dem Antlitz auf dem Sand
224
Und faßte mit der Hand das Kreuz!
225
Das Mädchen kam. »Jesus, Maria
226
Und Joseph, mein Sebastian
227
Ist dies! Bist doch nicht todt, du Lieber?
228
Steh' auf, dein armes Mädchen ist's!
229
Dein Annchen ist's, ich habe dich
230
Schon Wochenlang gesucht. Ich habe
231
Am Muttergottesbild gekniet
232
Und hab' gefleht: O Mutter Gottes,
233
Willst du mein Lämmlein nicht? So steh
234
Doch auf, und geh mit mir. Mein Vater
235
Will mich dir geben!« »Schlange, geh!
236
Der Satan blickt aus deinem Auge!«
237
»ich eine Schlange? Gott, ach Gott,
238
Dein girrend Täublein eine Schlange?
239
Ein Satan ich? Sebastian,
240
Du irrest dich; dein Engel wollt' ich sein.«
241
Sie setzt sich neben ihn auf's Grab.
242
Er wandte sich und sah sie weinen.
243
Die starrende Verzweiflung ließ
244
Nun von ihm ab. Sein Herz zerfloß
245
In Lieb' und Wehmuth. Thränen schan'rten
246
Herunter von der bleichen Wange.
247
Sein Mädchen trocknet ihm die Thränen
248
Mit ihrer Schürz'. »O Anne, geh,«
249
Mit weggewandtem Antlitz sprach's
250
Sebastian. »Mein Crucifix
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Hat helle Zähren über mich geweint;
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Ich habe dich geküßt, drum hat es helle Zähren
253
Für mich geweint.« »Es hat geweint,
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Weil du mir untreu bist! Du hast
255
Den Eid gebrochen, den du mir,
256
Weißt du? – beim Rosenbusche schwurst.
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Es hat geweint, weil du mir untreu bist.«
258
Das Mädchen sprach's. Ihr Vater kam:
259
»was gibt's? was thut ihr da? Hast du
260
Sebastian gefunden? Gott sei Dank!
261
Komm Baste, komm! sollst meine Anne haben.
262
Zum frommen Müßiggänger bist
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Noch viel zu jung. Bau erst das Land,
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Zeug Kinder, sei den Menschen nützlich;
265
Dann kannst du dich in diese Klause
266
Verschließen, dich der Welt entziehn,
267
Wenn dich die Welt entbehren kann.«
268
Er ging, und Anne ward sein Weib.
269
O Wunder! gleich am Hochzeittage
270
Vertrockneten am Crucifix
271
Die Thränen. Doch, es kam der Mönch,
272
Trat zornig vor Sebastian
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Und sprach: »Du bist verdammt, weil du
274
Den Bund der Keuschheit brachst! Eh' wird
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Dir deine Sünde nicht vergeben,
276
Bis du zuvor dem heiligen
277
Gerichte des Dominikus
278
Zween Ketzer – Einen wenigstens
279
Zum Tode überlieferst!« Traurig schwieg
280
Sebastian. Er suchte lange
281
Nach Ketzern, konnte keinen finden,
282
Bis er vernahm, in einer Felsengrotte,
283
Die schauerlich von der Natur gebaut,
284
In einem Walde stand, versammeln sich
285
Die Ketzer in der Mitternacht,
286
Zu singen und zu beten. Lange
287
Verzögerte Sebastian.
288
Das Glück der Häuslichkeit erfreute
289
Sein Herz mit jedem Tage mehr.
290
Schon sah er einen Rosenknaben
291
Auf seiner Anne Armen spielen,
292
Und Feld, und Flur, und Baum, und Heerde
293
Schien Gottes Segen abzustrahlen.
294
Auch lächelte sein Crucifix,
295
So oft Sebastian und Anne
296
Mit ihrem Kinde vor ihm knieten.
297
Jedoch des Mönches Fluch bewog
298
Sebastian, den Ketzern aufzulauren.
299
Er überfiel sie. Alle flohn.
300
Und nur ein Greis, zu schwach zur Flucht,
301
Blieb in der Hand Sebastians.
302
Es schwieg der Greis, die Silberlocke
303
Bestrahlt sein Haupt, wie eine Glorie.
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Er sah mit hellem Blick gen Himmel
305
Und pries den Herrn, daß er gewürdigt sei,
306
Um seinetwillen Schmach zu leiden.
307
Sebastian gab dem Gerichte
308
Des heiligen Dominikus
309
Den Ketzer. Sie verschlossen ihn
310
Im Schau'rgewölbe eines Kerkers,
311
Wo er, gekettet an der Wand,
312
Auf faulem Stroh den Tod erwarten sollte.
313
Sebastian betrübt und doch im Wahn,
314
Er hab' ein gutes Werk gethan,
315
Ging heim zu seinen Lieben – »Wunder!
316
Entsetzen! O Entsetzen!« schrie
317
Sebastian, als er am Crucifix
318
Den Abendsegen beten wollte.
319
»o Wunder! O Entsetzen!
320
Das Crucifix, es blutet
321
Aus allen Wunden! ach, ich habe
322
Gethan, was Gott am meisten haßt!«
323
Schrie laut Sebastian, und eilte
324
Mit Ungestüm hinaus zum Wald,
325
Warf sich auf's Grab des Eremiten.
326
»o Vater,« schluchzt' er auf, »ich habe,
327
Was Gott am meisten haßt, gethan;
328
Da blutet nun mein Crucifix,
329
Wie du gesagt, aus allen Wunden!
330
O sprich, was hab' ich denn gethan,
331
Das Gott am meisten haßt? Ist's Sünde,
332
Daß ich mein Weib geliebt? Daß ich
333
Den Knaben ihres Leibs geherzt?
334
Das Land gebaut, und ach, vielleicht
335
Die Welt zu viel geliebt? war's Sünde?«
336
Und plötzlich rauscht' es um die Hütte.
337
Im Wolkenkleide, lichtbeströmt,
338
Stand vor Sebastian der Alte,
339
Blickt' ernst und sprach: »Verschmäht hast du
340
Die väterliche Warnung, die ich dir
341
In meinem Tode gab. Du hast
342
Dem Mörderorden des Dominikus
343
Den frömmsten Mann – sein Name flammt
344
Mit goldner Schrift im Lebensbuche –
345
Ja den hast du den Mördern eingeliefert!
346
Und noch ein Donner treffe dich,
347
Der fromme, gottgeliebte Greis,
348
Den du den Mördern brachtest, ist –
349
Er ist – dein Vater! darum blutet
350
Dein Crucifix aus allen Wunden.
351
Nun geh, befreie deinen Vater,
352
Und kannst du nicht, so stirb mit ihm!«
353
Der Alte schwand. Sebastian
354
Eilt, wie vom Sturm getragen, nimmt
355
Sein Crucifix – »O Anne, Anne!«
356
Spricht er mit vorgepreßtem Aug',
357
»ich bin der Mörder meines Vaters.
358
Nun muß ich sterben. Unsern Knaben,
359
Den küß', ich kann es nicht! Leb' wohl!«
360
So riß er sich aus ihrem Arm
361
Und flog, und kam zum Blutgericht.
362
»der Greis, den ich euch brachte, Väter,
363
Der ist mein Vater! laßt ihn los! –
364
Ich bin ein Ketzer! – laßt ihn los! –
365
Ich bin ein Mörder! – laßt ihn los!«
366
Die Väter, gegen jeden Auftritt
367
Der Menschlichkeit schon lange abgehärtet,
368
Befahlen kalt, den Vater vorzuführen,
369
Der schon zum Feuertod verdammt,
370
Sein gelbes Kleid, bemalt mit Flammen,
371
Und Teufelslarven trug. »Ist dies dein Sohn?«
372
So sprachen sie zum Alten,
373
Der mit dem Antlitz eines Engels
374
Umhersah. »Kennst du mich?« – »Ich bin,«
375
Schrie laut Sebastian, »dein Sohn!
376
Dein Mörder! bin dein Teufel! bin
377
Dein Sohn nicht mehr!« »Hab's doch gedacht,
378
Als ich dein Antlitz sah, du seist
379
Mein Sohn! – Umarme mich! – Getäuscht
380
Vom Wahne bist du nur, mein Mörder nicht!
381
O komm, umarme mich!« Es weinte
382
Der Alte lang an seines Sohnes Hals.
383
»o diese Freuden, guter Gott,
384
Hast du, eh' meine Asche noch
385
Der Sturm verweht, mir aufbewahrt?«
386
Der Alte sprach's. Ein Mordbefehl
387
Riß Sohn und Vater von einander.
388
Nun sah zum erstenmal der Greis
389
Mit trübem Auge auf zu Gott
390
Und schien zu sagen: »Das ist hart,
391
Verzeih' mir's Gott! O das ist hart.«
392
Sebastian, zu gleichem Tod verdammt,
393
Freut sich, um seiner Seelenqual
394
Auf ewig los zu werden. Schon
395
Erschien der Tag, an dem die Sonne
396
Die schwärz'ste That beleuchten sollte!
397
Der Holzstoß war schon aufgethürmt,
398
Und neben ihm, da schwungen schon
399
Die Henkersknechte ihre Fackeln.
400
Und Sohn und Vater schritten voll
401
Von Gott und seinem Trost, obgleich
402
Verdammt, zur tiefsten Höll' verdammt
403
Von ihren Mördern, auf der Bahn
404
Des Todes stark einher. Noch einmal
405
Umarmte seinen Sohn der Greis.
406
»dort droben,« sprach er lächelnd, »sind'
407
Ich dich, mein Sohn, auf ewig wieder!
408
Sei unverzagt! denn Gott verließ
409
Noch keinen, der um seinetwillen starb.«
410
Schon packten Henkersknechte sie;
411
Als plötzlich Reisige, vom König
412
Gesandt, den Mördern Halt geboten.
413
»halt!« – Wie der Rufer aus den Wolken,
414
Der Donner stürzt, der Pilger steht
415
Mit bleichem Antlitz – ha, so stand
416
Um die Gerichteten der Kreis.
417
Die Henker trugen erdwärts ihre Fackeln
418
Und starrten mit dem Borst der Wimpern
419
Des Königs Boten an. Er sprach:
420
»verfluchter Wahn hat euch, ihr Armen,
421
Zum Feuertod verdammt; doch frei
422
Seid ihr! Der König will's.« Er schwieg.
423
»euch aber trifft des Königs Zorn,
424
Gedungene der Hölle, euch!
425
Die ihr den Schleier der Religion,
426
Den Gottes Weisheit nicht auf goldnem Stuhl
427
Gewebt, zu einer Larve braucht
428
Des Trugs, der Täuschung, der Höllenmordsucht. Flieht!
429
Eh' euch der Rache Zackenblitz versengt.«
430
Sie flohen grimmig, schluckten zorn'gen Schaum.
431
Und plötzlich wälzte durch's Gedränge
432
Des fluthenden Volkes Anne sich,
433
Hoch über ihrem Haupte tragend
434
Den Liebling ihres Herzens, ach, den Sohn,
435
Den sie Sebastian gebar. Sie kam!
436
Und fiel, als sie im gelben
437
Sanbenedite ihren Trauten sah,
438
Gestreckt zu seinen Füßen. Dämmerung
439
Schwamm um ihr Aug'; es klang ihr Ohr.
440
Spät fluthete das Blut vom Herzen
441
Zurück in ihre Adern. Als das Leben
442
Wieder kam, lag sie im Arm
443
Sebastians. »Ich habe dich erbeten,«
444
Sprach sie mit schwachem, zitterndem Ton;
445
»vom König hab' ich dich erbeten –
446
Auf meinen Knieen lag ich, hob das Kind
447
Zu ihm hinauf; er weint' – und Gnade!
448
Scholl von seinen Lippen! Gnade
449
Geb' ihm auch Gott dem guten König,
450
Wenn er einst Gnad' bedarf.« Sie eilten,
451
Begleitet von des Königs Herold in die Hütte,
452
Der graue Vater, und der Sohn, und Anne
453
Mit ihrem Säugling; fielen dankend
454
In der Kammer vor dem Crucifix
455
Auf's Knie, und weinten lange.
456
Ach Gott, ach Gott, so süße Thränen
457
Weint einst der Fromme, wenn sein Engel
458
Ihn führt zu Jesus Christ. Und lange
459
War diese Hütt' ein Tempel, drinn
460
Jehovah's Lied und Christus Lob
461
In Hymnen wiedertönte. Seinem Vater
462
Drückt' selbst Sebastian das Auge
463
Mit zitterendem Finger zu. Und spät,
464
Nur wenig Monde nach dem Tode
465
Seiner trauten Anne, starb er auch:
466
Das Crucifix gelegt auf seine Brust.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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