Herzensergüsse

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Christian Friedrich Daniel Schubart: Herzensergüsse (1782)

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Dir! Erster! Letzter!
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Allgewaltiger Wesenvater, dir,
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Dir Schauer voll Huld
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Aus büßende Sünder!
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Dir Schauer voll Huld
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Auf mich, den büßenden Sünder!
7
Dir fließe mein Lied innig und heiß,
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Wie der Liebe erste Zähre mir entfloß.

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Ehernen Bergen gleich
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Lag meiner Verschuldungen Last
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Auf mir! Weltrichter, auf mir!
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Ich sah den mächtigen Verkläger
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Satan stehn zu meiner Rechten.

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Hinauf schrie er zum Throne,
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Daß Gluthasche mit des Klägers
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Odem flog. Hinauf schrie er:
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Du bist heilig! Er deiner Heiligkeit
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Schändlicher Entweiher!
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Verwirf ihn!

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Du bist gerecht! Er soff das Unrecht
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In sich wie Wasser.
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Verwirf ihn!
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Du reiner, als das Lichtgewand,
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Das dich umgibt!
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Er ein Schlammbewohner,
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Von faulem Wasser
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Stinkender Sinnlichkeit träufend.
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Verwirf ihn!

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Du ein Gott voll Licht und Wahrheit,
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Er des Urdunkels Genosse,
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Ein Schmäher der gottgesandten Wahrheit!
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Deines Sohnes Schmäher!
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Deines Geistes Schmäher!
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Verwirf ihn!

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Gebiete dem ruhenden Donner
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An deines Thrones Fuße,
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Daß er zuck' und schlag' und tödte
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Den Empörer!

39
Oder laß mich,
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Zaudrer auf deinem Richtthrone!
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Daß ich ihn hüll' in Wettergewölk,
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Und ihn fortwälz' unterm Geheul
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Und dem Wehausruf meiner Sklaven
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Hinab in der Hölle gähnenden Schlund!
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Daß ich ihn an meines Thrones Wurzel
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Schmiede mit ewigen Ketten;
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Daß ich ihn taufe mit Flammen
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Und ihn weihe zum Genossen der Hölle!
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Zaudrer deines Throns,
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Laß mich, laß mich, daß ich ihn weihe!

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Still ward's im Himmel. Ich hörte
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Die mächtige Klage
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Hinunterdonnern die Seele.
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Zersplittern wollt' ich den hallenden Schädel
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An den Felsenrippen meines Geklüfts;
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Aber deine voreilende Gnade, Erbarmer,
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Warf einen der erquickendsten Lichtstrahlen
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In meine Seele voll Nacht.

59
Ich sank auf die Ziegel meines Kerkergrabs,
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Und Thränen stürzten, wie Blut,
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Auf die Ziegel meines Kerkergrabs.
62
Wie Abbadonna fleht'
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Um der Vernichtung schreckliche Gnade;
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So fleht' auch ich, auch ich,
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Um der Vernichtung schreckliche Gnade!
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Denn unausstehlich war die Flamme,
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Die meinen Geist sengte.
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Ach Vernichtung! Vernichtung!
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Strecke die schwarze, eiserne Riesenhand aus,
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Quetsche mich, daß dem hangenden Auge
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Alle Thränen entstürzen auf Einmal.
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Daß dem leidenden Herzen
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Alles Blut entstürze auf Einmal.
74
Daß meine Seele mit dem Gedanken:
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Ich habe beleidigt den Rächer,
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Den Ersten! den Besten! Beleidigt, beleidigt!
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Hab' meiner Schöpfung Zweck verfehlt –
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Daß mit diesem Gedanken
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Meine Seele zerfließe
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In des Undings grause Fluth;
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Daß ich mich mische mit dieser grausen Fluth,
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Meines Tropfens Bewußtsein vergesse.
83
Ja, so fleht' ich, Erbarmer, vor dir!

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Aber, wie es Abbadonna scholl,
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Als die Stimme klang vom Throne:
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Abbadonna, komm zu deinem Erbarmer!
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So süß, so markdurchschauernd
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Scholl mir die Stimme vom Throne:
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Schubart, komm zu deinem Erbarmer!
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Wie einen Blitz sah ich
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Den mächtigen Verkläger
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Entstürzen dem Himmel:
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Nehmt das besudelte Gewand von ihm!
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Gebt ihm ein neues Kleid, getaucht
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Ins heilige Blut der Sühnung!
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Sprach Jesus Christus Stimme
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Und lächelte mir Gnade!

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Ach, wie mir's ward, wie mir's ward, ihr Brüder,
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Die ihr versteht des Geistes Geheimniß,
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Wie mir's ward; könnt ihr mir kaum
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In den Stunden der Weihe,
102
Wenn ihr schwebt am Throne,
103
Wenn ihr feiert den Anblick
104
Der ewigen Liebe, das Lächeln der Gnade
105
Am Antlitz Jesu, nachempfinden.
106
Gott ist die Liebe! Gott ist die Liebe!
107
So schrie ich, stammelt' ich
108
Mit schnellen, geflügelten Worten.
109
Gott ist die Liebe!
110
Ach dann flossen andre Thränen,
111
Als jene, die dort der Verzweiflung entstürzten.
112
Süßer ist nicht die Thräne
113
Des ewigen Wiedersehens
114
Der Geliebten, als die Thräne
115
Des begnadigten Sünders,
116
Hingegossen im ersten
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Himmelentstürzten Gefühle
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Der allbelebenden Gnade.
119
Und nun sei dir, dem Sündenversöhner,
120
Dem Lächler der Gnade,
121
Dem heiligen Quell aller Erbarmungen,
122
Alles Muttergefühls, alles Vatergefühls
123
Heiligem Quelle, dir sei,
124
Und dem Lamme sei, das erwürgt ist,
125
Und dem siebengeaugten Geiste,
126
Der jede verborgenste Ader des unermeßlichen Leibes
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Der Schöpfung durchblickt,
128
Der hohen mystischen Dreiheit sei
129
Anbetung! und Lob! und Preis!
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Und die Herrlichkeit!
131
Und ewiger Dank! und ewiger Jubel!
132
Von Ewigkeit zu Ewigkeit!
133
Amen. Hallelujah!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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