Die Fürstengruft

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Christian Friedrich Daniel Schubart: Die Fürstengruft (1779)

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Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer,
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Ehmals die Götzen ihrer Welt!
3
Da liegen sie, vom fürchterlichen Schimmer
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Des blassen Tags erhellt!

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Die alten Särge leuchten in der dunkeln
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Verwesungsgruft, wie faules Holz;
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Wie matt die großen Silberschilde funkeln,
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Der Fürsten letzter Stolz!

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Entsetzen packt den Wandrer hier am Haare,
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Geußt Schauer über seine Haut,
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Wo Eitelkeit, gelehnt an eine Bahre,
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Aus hohlen Augen schaut.

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Wie fürchterlich ist hier des Nachhalls Stimme,
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Ein Zehentritt stört seine Ruh'!
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Kein Wetter Gottes spricht mit lauterm Grimme:
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O Mensch, wie klein bist du!

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Denn ach! hier liegt der edle Fürst, der gute,
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Zum Völkersegen einst gesandt,
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Wie der, den Gott zur Nationenruthe
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Im Zorn zusammenband.

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An ihren Urnen weinen Marmorgeister,
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Doch kalte Thränen nur, von Stein,
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Und lachend grub vielleicht ein welscher Meister
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Sie einst dem Marmor ein.

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Da liegen Schädel mit verloschnen Blicken,
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Die ehmals hoch herabgedroht,
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Der Menschheit Schrecken! denn an ihrem Nicken
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Hing Leben oder Tod.

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Nun ist die Hand herabgefault zum Knochen,
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Die oft mit kaltem Federzug
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Den Weisen, der am Thron zu laut gesprochen,
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In harte Fesseln schlug.

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Zum Todtenbein ist nun die Brust geworden,
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Einst eingehüllt in Goldgewand,
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Daran ein Stern und ein entweihter Orden
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Wie zween Kometen stand.

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Vertrocknet und verschrumpft sind die Kanäle,
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Drin geiles Blut wie Feuer floß,
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Das schäumend Gift der Unschuld in die Seele,
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Wie in den Körper goß.

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Sprecht Höflinge, mit Ehrfurcht auf der Lippe,
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Nun Schmeichelei'n ins taube Ohr!
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Beräuchert das durchlauchtige Gerippe
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Mit Weihrauch, wie zuvor!

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Er steht nicht auf, euch Beifall zuzulächeln,
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Und wiehert keine Zoten mehr,
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Damit geschminkte Zofen ihn befächeln,
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Schamlos und geil, wie er.

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Sie liegen nun, den eiser'n Schlaf zu schlafen,
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Die Menschengeiseln, unbetraurt,
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Im Felsengrab, verächtlicher als Sklaven,
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In Kerker eingemaurt.

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Sie, die im eh'rnen Busen niemals fühlten
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Die Schrecken der Religion,
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Und gottgeschaffne, bessre Menschen hielten
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Für Vieh, bestimmt zur Frohn;

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Die das Gewissen, jenen mächt'gen Kläger,
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Der
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Durch Trommelschlag, durch welsche Trillerschläger
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Und Jagdlärm übertäubt;

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Die Hunde nur und Pferd' und fremde Dirnen
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Mit Gnade lohnten, und Genie
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Und Weisheit darben ließen; denn das Zürnen
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Der Geister schreckte sie; –

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Die liegen nun in dieser Schauergrotte,
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Mit Staub und Würmern zugedeckt,
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So stumm! so ruhmlos! noch von keinem Gotte
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Ins Leben aufgeweckt.

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Weckt sie nur nicht mit eurem bangen Aechzen,
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Ihr Schaaren, die sie arm gemacht,
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Verscheucht die Raben, daß von ihrem Krächzen
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Kein Wüthrich hier erwacht!

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Hier klatsche nicht des armen Landmanns Peitsche,
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Die Nachts das Wild vom Acker scheucht,
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An diesem Gitter weile nicht der Deutsche,
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Der siech vorüberkeucht!

77
Hier heule nicht der bleiche Waisenknabe,
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Dem ein Tyrann den Vater nahm;
79
Nie fluche hier der Krüppel an dem Stabe,
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Von fremdem Solde lahm!

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Damit die Quäler nicht zu früh erwachen,
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Seid menschlicher, erweckt sie nicht.
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Ha! früh genug wird über ihnen krachen
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Der Donner am Gericht,

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Wo Todesengel nach Tyrannen greifen,
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Wenn sie im Grimm der Richter weckt,
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Und ihre Gräul zu einem Berge häufen,
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Der flammend sie bedeckt.

89
Ihr aber, bessre Fürsten, schlummert süße
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Im Nachtgewölbe dieser Gruft!
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Schon wandelt euer Geist im Paradiese,
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Gehüllt in Blüthenduft.

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Jauchzt nur entgegen jenem großen Tage,
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Der aller Fürsten Thaten wiegt;
95
Wie Sternenklang tönt euch des Richters Wage,
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Drauf eure Tugend liegt.

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Ach, unterm Lispel eurer frohen Brüder –
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Ihr habt sie satt und froh gemacht –
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Wird eure volle Schale sinken nieder,
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Wenn ihr zum Lohn erwacht.

101
Wie wird's euch sein, wenn ihr vom Sonnenthrone
102
Des Richters Stimme wandeln hört;
103
»ihr Brüder, nehmt auf ewig hin die Krone,
104
Ihr seid zu herrschen werth.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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