Der Hahn und der Adler

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Christian Friedrich Daniel Schubart: Der Hahn und der Adler (1774)

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Ein Fürst war einem Hahnen hold –
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»warum nicht gar! Was? einem Hahnen?«
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Ja, ja, er liebt ihn mehr, als seine Unterthanen.
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Sein Kamm war Purpur, seine Federn Gold.
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Dumm war er zwar; jedoch sein Kikriki
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Galt an dem Hofe für Genie.
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Kein Höfling durfte sich erdreisten,
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Dem Hahnen was zu thun. Ihn speisten
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Prinzessinnen mit eigner Hand,
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Und schmückten seinen Hals mit einem goldnen Band.
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Der Hofmann ehrte ihn, der oft vor Neid erstickte,
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Wenn sich die Dame niederbückte
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Und dann der Hahn den Marmorarm bepickte.

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An einem Morgen flog der Hahn
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Hinab zum Garten, schlug die Flügel
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Und krähete von einem Rasenhügel
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Den goldnen Morgen an.
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Ein Adler flog vorbei. Der stolze Haushahn schrie
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In seiner schmetternden Trompetenmelodie:
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Wohin, Herr Bruder! schon so früh?
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Quälst du dich noch mit Sonnenflug?
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Zu deinem Glück ist's schon genug
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An einem Hahnenflügelschlage.
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Komm und genieße goldne Tage!
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Die Könige bewundern dich,
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Dich speisen Fürstinnen mit hoher Hand, wie mich,
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Was willst du dich mit Donnerkeilen plagen?
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Kann Zeus sie denn nicht selber tragen?

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Schweig, sprach mit einem ernsten Blicke
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Der Sonnenflieger zu dem Hahn,
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Ich fliege zu der Wolkenbahn;
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Du aber bleibst im Staub zurücke.
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Ein Schwätzer, leer, wie du, ist's werth,
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Daß ihn der goldne Höfling ehrt.
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Ihr Beifall und ein Band ziemt deinem Hahnenwitze;
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Ich aber fliege zu dem Sitze
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Des Donnerers, und trage Blitze,
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Und der Olympos sieht mich lächelnd an;
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Selbst Vater Zeus der donnern kann,
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Giebt mir zum Lohne väterliche Blicke
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Dann eil' ich stolz zum Felsennest zurücke,
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Und Teuts erhabner Bardenchor
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Singt aus dem Eichenhain zu meinem Fels empor.
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Vor trunkner Wollust schlummr' ich hin,
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Und fühl's, daß ich ein Adler bin.

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Die Muse der Geschichte spricht:
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In Cassel gilt die ganze Fabel nicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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