Dank für die Harfe

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Christian Friedrich Daniel Schubart: Dank für die Harfe (1782)

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Als ich ein Knabe noch war,
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Als das Sommerabendlüftchen
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Meine goldnen Locken noch hob,
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Da ging ich oft an meines Vaters Seite
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In dunklen Eichenwald.
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Da sah der gotterfüllte Mann hinauf
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Zu den schwärzlichen Wipfeln der Eiche.
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Ihm schien's, der Wind
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Brauche die Blätter der Eiche zu Zungen,
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Um mit neuer Sprache zu sprechen
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Dein Lob, Jehovah!

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Da hob sich sein Geist. Ihn faßte
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Die Nähe Gottes mit heiligem Schauer –
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Er schwieg. Ich aber blieb zurücke,
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Staunend vor der erhöhteren Würde
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Des gotterfüllten Mannes.
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Noch immer schwieg er, wie in Gesichte verloren.
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Bald aber trat er freundlich vor mich hin und sprach:
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Sohn, dein Engel wird die Harfe dir reichen,
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Mit Gold bespannt. O sei
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Ein Sänger Gottes!

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Da sprach er viel mit der Begeistrung Glut
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Von Gottes Größe. Stutzt' oft und barg
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Des Staunens berstende Thräne.
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Auch sprach er viel mit der Begeistrung Glut
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Von Christus, dem Knaben zu Bethlem,
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Von Christus, dem göttlichen Lehrer,
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Von Christus, dem Lamm am Opferaltare,
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Dem Himmelerhabnen! dem Allbeherrscher!
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»und wie er dir itzt so nah ist, Sohn,
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Und wie er itzt so nah ist deinem Vater« –
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Das sagt' er und konnte nicht bergen
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Der himmlischen Liebe niederstürzende Thräne.
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Da weint' ich auch, ich glücklicher Knabe,
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Wie der geritzten Birke Saft
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Floßen unsre Thränen aufs Waldgras
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Und tränkten den lechzenden Erdschwamm.
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Ja, sprach ich freudeweinend, Vater,
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Wenn mir mein Engel einst die Harfe beut,
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Mit Gold bespannt, werd' ich
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Ein Sänger Gottes.

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Ein Jüngling ward ich. Schlürft' aus dem Kelche des Lebens
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Der sprudelnden Freuden viel; doch sang ich auch
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Dein Lob, Jehovah!
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Dein Lob, du Bethlems Knabe!
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Du göttlichster Lehrer, dein Lob!
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Du Himmelerhabner, Allbeherrscher,
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Naher, dein Lob!

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Ich ward ein Mann, des Lebens Stürme
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Wirbelten mich auf taumelnden Wellen.
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Aber selbst auf des Lebens
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Tosendem Meere, selbst im Bauche
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Des Felsengrabs sang ich
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Jehovah, dich!
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Messias, dich!

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Siebenäugiger Allgeist, dich!
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Mein Vater, der stattliche Mann,
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Ist heimgegangen zu dir, du Guter,
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Und ach! ich sah ihn nicht sterben,
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Hörte nicht des Sterbenden Segen,
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Den er dem fernen, irrenden Sohne
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Mit dem Zeichen des Kreuzes zusandte!
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Aber, Heil mir! ich komme zu ihm und zu dir –
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Nicht wahr, du verheißest es mir,
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Gott, mein erster, größerer Vater?
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Ja ich komme zu ihm und zu dir,
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Dann misch' ich nicht mehr die heisere Stimme
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In den Preisgesang der zahllosen Schaar
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Am krystallnen Meere. Dann sing' ich
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In der Harfen Donner
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In des Krystallmeers Getöse
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Dein unentweihteres Lob, Jehovah!

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Und ach! wenn einer deiner Blicke
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Herab vom weißen Throne
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Mit dem siebenfarbigen Bogen des Bundes gegürtet,
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Ach, wenn einer deiner Blicke
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Mich gnadelächelnd
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Unter der zahllosen Schaar
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Ansäh'; o würd' ich nicht
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Die Harfe sinken lassen aus bebenden Händen?
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Nicht sinken auf des Himmels Azurboden?
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Nicht wonneschluchzend verstummen?
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Vor dir, Jehovah!
84
Du Naher, vor dir?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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