Die Linde

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Friedrich Daniel Schubart: Die Linde (1783)

1
Warst so schön, breitwipflichter Baum,
2
Als dir schwollen die Knospen,
3
Als du Blütendüfte verhauchtest;
4
Warst so schön!

5
Dich umsummt' im Lenzabend der Käfer,
6
Geflügelte Ameisen schwärmten
7
Wie Mittagswölkchen, die die Sonne
8
Versilbert, um deinen Blütenzweig.

9
Die Blüte fiel; da warst du grün
10
Und stärktest mein Auge,
11
Das ans falsche Dunkel meines Kerkers
12
Gewöhnt, blinzt' im Sonnenstrahl.

13
Und nun bist du halbnackt;
14
Der Herbststurm blies um deinen Scheitel,
15
Und deinen Schmuck; die goldnen Blätter
16
Wälzt nun wogend der Odem des Sturms.

17
Die schwarzen Aeste starren trauernd,
18
Ihrer Decke beraubt, in die Luft.
19
Dich flieht der Sperling, denn du bist
20
Ihm nicht mehr Hülle gegen den Sperber.

21
Einst knospete ich, o Linde!
22
Schöner, als du. Trug Blüten
23
Des Knaben, des Jünglings, die süßer
24
Dufteten, als du im Frühlingsschmuck.

25
Meine geringelten Seidenlocken
26
Waren schöner, als dein grünes Haar.
27
Schöner, als deines Finken und Distelvogels,
28
Scholl mein Gesang und Flügelspiel.

29
Ich war ein Mann, breitwipflig
30
Und lieblich im Sonnenstrahl spielend.
31
Meines Geistes Fittig deckte die Meinen,
32
Wie dein schattender Wipfel den Pilger.

33
Aber ach! mein Herbst ist gekommen;
34
So früh ist schon mein Herbst gekommen!
35
Das Schicksal blies mit kaltem stürmendem Odem;
36
Und meine Blätter fielen.

37
Heiser ist mein Gesang;
38
Die geflügelte Rechte lahmt
39
Auf den braunen Tasten
40
Des goldnen Saitenspiels.

41
Meine Phantasie, der Riese,
42
Zuckt ausgestreckt, wie ein Geripp'
43
Im Staube. Mein Witz, die Rose,
44
Liegt entblättert, zerknickt.

45
Fern ist meine Liebe;
46
Meine Kinder sind ferne;
47
Der schwarze, starre, enthaarte Ast
48
Vermag nicht mehr zu schatten die Lieben!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.