An meinen Sohn am Ludwigstage

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Christian Friedrich Daniel Schubart: An meinen Sohn am Ludwigstage (1784)

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Ludwig, du Sohn meines Herzens!
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Als dein Tag röthlich heraufstieg,
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Und die Stäbe meines Gitters küßte,
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Da weint' ich gen Himmel: o Vater,
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Ueber alles, was Kinder heißt
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Im Himmel und auf Erden!
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Auch ich bin Vater,
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Hab' einen blühenden Sohn!
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Hab' eine blühende Tochter!
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Ach, ein armer Vater bin ich!
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Denn ferne thatest du mich von meinen Lieben!
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Du winktest mit eisernem Arme
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Mir ins Gefängnis; ich folgte,
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Ohne mit der Zähre des Abschieds
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Zu netzen die Wange der Kinder!
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Zu netzen die bleichere Wange
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Der Mutter meiner Kinder!
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Ach, nun sind schon viele, viel Jammermonde
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Am rostzerfreßnen Gitter meines Kerkers
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Mit schwerem, nächtlichem Fluge vorübergeflogen,
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Und noch streck' ich die Vaterarme
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Vergeblich aus nach dem Sohn meines Herzens,
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Vergeblich nach der Tochter meines Herzens.
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Im Kleide des Waisenknaben
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Steht mein Sohn vor mir, im Schleier
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Des verwaisten Mädchens meine Tochter –
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Zwei Bilder aus Duft gewebt,
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Die sich bewegen im Hauche meiner Seufzer,
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Und zerfließen vor dem ausgebreiteten Arme!
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Ach, ich muß sein, wie einer,
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Der seiner Kinder beraubt ist.
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Ich werde mit Herzleid fahren
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Hinunter in die Grube,
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Eh' ich seh' Ludwig, meinen Sohn!
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Juliana, meine Tochter!
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Vergieb mir's, o du aller Väterlichkeit,
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Aller Mütterlichkeit Urquell,
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Wenn ich in der Nacht meines Kerkergewölbes
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Einsam steh' und weine!
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Auch du bist Vater,
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Und ließest fallen eine Zähre,
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Daß die Sonne erlosch,
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Als dein Sohn Jesus
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Herunterhing am blutigen Kreuze!
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Ach, drum vergieb mir, du Bilder
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Des Vaterherzens – o du!
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Der den Silberquell der Mutterbrust
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Strömen hieß! Vergieb mir,
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Wenn ich in der Nacht meines Kerkergewölbes
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Einsam steh' und weine!
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Ach, laß mich dir danken mit Thränen,
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Daß du mir einen Sohn gabst,
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Daß du ihn beträuftest
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Mit des wiedergebärenden Bades
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Heiligem Wasser; daß du ihn schütztest,
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Als der nahe Tod giftige Blattern
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Wie Ruß auf seinen Körper streute;
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Ihm halfest, wenn der Wurm
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Sein Eingeweid' zerwühlte;
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Ihn mit luftigem Flügel kühltest,
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Als das Fieber ihn verzehren wollte
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In sengender Flamme;
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Ihn zogest aus der verschlingenden Donau,
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Als er schon zuckte in ihrem schwarzen Rachen;
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Ach! daß du ihm gabst einen Vater,
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Als deine erbarmende Zucht mich entriß
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Dem Strudel der Welt, und mich verbarg
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In des Kerkers büßende Kluft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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