Am Geburtstage meiner Gattin

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Christian Friedrich Daniel Schubart: Am Geburtstage meiner Gattin (1784)

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Als du geboren warst, als Gottes Licht
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Zum ersten Mal dein keusches Aug' geküßt,
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Da mischtest du an deiner Mutter Brust
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Die süße Milch mit Thränen, die dir mehr,
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Als andern Säuglingen entquollen;
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Denn ach! dein Engel stand am Eingang
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In deines Lebens dornbesäte Gänge
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Und sprach prophetisch diese Worte:
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Helena! in der Stunde deines Werdens
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Sah ich im Heiligthum, von Wolkendunkel
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Dichtumflossen einen goldnen Becher,
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Gefüllt mit starkem Wein, durchbittert
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Mit Wermuth. – »Ja, sie soll ihn trinken,
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Sprach weggewandt der Menschenvater,
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Und ist er ausgeschlürft bis auf die Hefe,
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Die trüb' und schlammig an des Bechers
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Goldnem Boden gährt: so hole sie!
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(dich, Eliel, wähl' ich zu ihrem Engel)
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So hole sie in Wolken süßes Schlummers
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Herauf zu mir. Hier, diese Krone,
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Mit meines Himmels hellsten Steinen
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Besät – und dort dies Schneegewand,
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So weiß im Lammesblut gewaschen,
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Sei dann ihr Lohn! Auch sproßt dort eine Palme
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Für ihre Rechte, sie zu schwingen
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Am gläsernen Meer.« Der Menschenvater schwieg.
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Ich flog herab und kühle dir die Wange,
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Noch glühend von den Schmerzen der Geburt.
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O Dulderin, was hier der Engel sprach,
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Ist bald erfüllt. Bald ist der letzte Tropfen
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Hinabgeschlürft in deinem Leidenskelche.

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Ach, mancher Tropfen fiel wie Feuer
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Dir, Helena, aufs Herz. Doch keiner heißer,
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Als da ein Todesengel mich mit eiserm Arm
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Von deinem Busen riß, und mich
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Ins Felsengrab verschloß – lebendigtodt!
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Du eine Witwe – ich lebendigtodt!
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Die vollen Halme meiner Mannesjahre
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Zerknickt, im Hagelsturm zerknickt!
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Da starrtest du – ein Denkmal des Entsetzens!
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Und deine Kinder heulend um dich her.
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So liegen abgerißne Zweige um den Baum,
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Den Gottes Wetterstrahl geflügelt traf;
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Aufdampft der Stamm und Zweig' und Wipfel dorren.
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Ich aber lag in grauser Kerkernacht
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Und meine Ketten klirrten fürchterlich.
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Doch fürchterlicher war das Angstgebrüll
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Nach Freiheit! und nach dir! und meinen Kindern!
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Von Thränenblut und Angstschweiß faulte
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Das Strohbett unter mir. Um meinen Felsen
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Krächzten Raben, die Fäulnis witterten;
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Auch zuckten Stürme; doch das Rasen meiner Klage
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War lauter als der Stürme Wuthgetümmel.
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Doch, Mitternacht, bedecke diese Scene
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Mit deinem Rabenmantel!

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Aber du,
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O Dulderin, getrost! bald ist der letzte Tropfen
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Hinabgeschlürft von deinem Leidenskelche.
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Dann ist die Krone und das Schneegewand,
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Dann ist die Palme dein!

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Indessen
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Streck' ich hier in meinem Kerkergrabe
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Den müden Arm nach deiner Luftgestalt
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Und danke dir an deinem Wiegenfeste,
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Für jede Thräne, die dir meinetwegen floß!
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Für jede Wohlthat, die von deinen Händen
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Wie Goldthau von Aurorens Fingern trof!
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Für jedes Angedenken an mich Armen,
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Das deine Brust, so weiblichgut, durchschaurt.
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Für jeden Seufzer, jedes Glutgebet,
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Das du für mich gen Himmel schicktest,
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Wenn du dem Berge meines Jammers
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Gegenüber knietest und Gott um Lösung batst!
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Für jeden Dornengang, den du für mich,
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Für meine Rettung hast umsonst gewagt!
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Für jedes Schmachten deines treuen Herzens
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Nach mir! nach mir! der immer noch
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Am Felsen angeschmiedet ächzt,
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Von Geiern tiefes Grams zerfleischt,
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Und vom Gewimmel stachlicher Sorgen
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Gleich Hornissen und Bremsen laut umsummt!
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Für jedes Mitleid, das in blut'gen Tropfen
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An deinen Wimpern hing, dank' ich, Geliebte, dir!

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Auch dank' ich dir, daß du auf deiner Wage
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Das Gute nur, das mir vom Ebenbild
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Der Gottheit übrig blieb, voll Nachsicht wägst,
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Und am Gewichte meiner Fehler
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Nie mit dem sanften Auge weilst!
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Ach Dulderin! ach Christin! Weib
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Nach meinem Herzen! Du Sanfte, deren Blut
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Wie Taubenblut in blauen Adern fließt!
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Du Bild der Demuth, das in stolzen Reihen
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Der aufgeschwollnen Trotzer niederblickt!
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Nur ihre Schwäche fühlt und nicht den Werth
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Der hohen Tugend, die den Engeln
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Dich ähnlich macht! wie dank' ich dir!
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Ach, schwarz und blutig stürzt die Thräne
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Mir ohne Unterlaß von bleicher Wange,
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Denn ich, ich hab' in öder Mitternacht
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Das Donnerwort gehört: Nicht würdig
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Warst du solch eines Weibes! ach darum
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Stürzt schwarz und blutig mir die Thräne
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Ohn' Unterlaß von bleicher Wange.
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O Gott, zu dem ich strecke meine Hand,
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Lohn' ihr, der besten Gattin! und der Mutter
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Voll Muttertreu'! der Dulderin! der Christin!
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All' ihre Lieb'! all' ihre Muttertreu'!
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All' ihre Sanftmuth, Demuth und Geduld,
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Die lange schon den zarten Hals der Wucht
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So langer, schwerer Leiden unterbeugt.
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Lohn's ihr, du Allbelohner, wie du ihr's
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Am Tage ihres Seins verheißen hast,
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Mit Kron' und Schneegewand und Palme!
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Und füll' ihr dann den goldnen Becher
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Mit Freuden an, daß sie von deinem Auge
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Angelächelt, schlürf' aus ihm Entzücken.
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Dann trocknest du die Thränen von dem Auge
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Der Langgeprüften! – Dann, o Vater! darf ich's wagen,
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Ihr dann vor deinem Angesicht zu fallen
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Um ihren Hals, und lange dran zu weinen,
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Des Wiedersehens Paradiesesthräne,
122
Und spät erst herzustammeln diesen Segen:
123
Helena, ewig mein – nun bist du ewig mein!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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