Halleluja! Amen, Amen!

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Christian Friedrich Daniel Schubart: Halleluja! Amen, Amen! Titel entspricht 1. Vers(1777)

1
Halleluja! Amen, Amen!
2
Preis dem Herrn, der ist und war!
3
Ach, in Jesu Christi Namen
4
Schließ' ich nun das alte Jahr.
5
Engel Gottes, leiht mir eure
6
Harfen, daß ich dank' und feire;
7
Denn mein Herz ist zu beklemmt
8
Und von Thränen überschwemmt.

9
Welcher Berg ist überstiegen!
10
Welche Last ist abgelegt!
11
Gott der Starke half mir siegen,
12
Dessen Arm die Schwachen trägt.
13
Wenn die Knie im Steigen brachen,
14
Wenn die hohlen Augen sprachen:
15
»hilf mir, Gott!« – so half er mir.
16
Helfer, Preis und Dank sei dir!

17
Aus der Welt herausgezogen
18
Hast du mich, wie aus dem Meer.
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Mich umbrausten Todeswogen,
20
Stürme heulten um mich her.
21
Schwindelnd hing ich an dem Maste,
22
Als dein Vaterarm mich faßte,
23
Und in dieses Felsen Schoos
24
Wie in Flügel mich verschloß.

25
Nun erwacht' ich aus dem Schlafe,
26
Mit dem Richter in der Brust:
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»zittre,« donnert' er, »du Sklave,
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Niedrer Sklave kleiner Lust!«
29
Um und um war kein Erretter,
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Ueberm Scheitel hing ein Wetter!
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Unter mir Gericht und Tod;
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Und ich fühlte Höllennoth.

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O, ein Leben voller Schande
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Stellte sich vor mein Gesicht.
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Gott, dem Freund, dem Vaterlande,
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Und mir selber nützt' ich nicht!
37
In gedankenlosem Spiele,
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Unter weibischem Gefühle,
39
Mit verwirrtem, trunknem Sinn
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Taumelt' ich durchs Leben hin.

41
Schöpfer, meines Geistes Gaben,
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Die Geschenke deiner Hand,
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O, wie hab' ich sie vergraben!
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O wie schändlich angewandt!
45
Den Verstand hab' ich verblendet,
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Meinen Witz im Rausch verschwendet,
47
Und die Funken von Genie,
48
Schöpfer, wie verspritzt' ich sie!

49
Freche Lüste, wilde Triebe
50
Haben ganz mein Herz entweiht.
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Meine Liebe war nicht Liebe,
52
War nur Nervenreizbarkeit.
53
Wenn ich auch was Gutes dachte,
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Menschen um mich fröhlich machte,
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War's nicht Tugend, es war nur
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Gute Laune der Natur.

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Zwar hat oft von dir ein Schimmer
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Meiner Seele Nacht erhellt,
59
So wie oft auf Babels Trümmer
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Blitz vom Himmel niederfällt.
61
Aber so wie Blitze schwinden,
62
Die nur leuchten, nicht entzünden:
63
So verschwanden auch in mir
64
Rührungen, o Gott! von dir!

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Deinen Sohn, den Spötter schmähen,
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Hab' ich oft, wie sie, geschmäht;
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Nie zum Kreuz hinaufgesehen,
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Dran er auch für mich gefleht:
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»vater, schone des Verirrten!
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Den des Fleisches Lüste wirrten!
71
Schone sein, sieh an mein Blut!
72
Ach, er weiß nicht, was er thut.«

73
Gott, dein Wort, das Felsen spaltet,
74
Diese Leuchte in der Nacht,
75
Die das Herz, wenn es erkaltet,
76
Wieder heiß und brünstig macht,
77
Lobt' ich zwar, wie Menschenwerke,
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Zeugend von des Geistes Stärke:
79
Aber seine Kraft, sein Licht,
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Fühlt' ich nie, und sah es nicht.

81
Deines Sabbaths stille Feier,
82
Wie entweiht' ich sie vor dir!
83
O Allmächtiger, Getreuer,
84
O vergieb, vergieb es mir!
85
Wenn ich deine Boten schmähte,
86
Unempfindlich beim Gebete,
87
Ungerührt beim Tempellied,
88
Nie vor dir, vor dir gekniet!

89
Ach, nun denk' ich an die Meinen,
90
Die mein Herz so innig liebt!
91
Blut und Thränen möcht' ich weinen,
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Denn – wie hab' ich sie betrübt!
93
Ausgepreßte Zähren zeugen
94
Wider mich! – O Gott, sie steigen
95
Auf zu dir, wie Tropfen Blut,
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Reizen deines Zornes Glut!

97
Meinen Vater, der mich zeugte,
98
Der mir so viel Gutes that,
99
Wie betrübt' ich ihn! wie beugte
100
Ihn so manche Frevelthat!
101
Ach, er starb im Herbst der Jahre,
102
Und ich hab' zu seiner Bahre
103
Auch ein Brett gelegt – am Thron
104
Zeugt er wider seinen Sohn.

105
Mutter, deine Locke graute
106
Früher, denn du härmtest dich;
107
Jede Thrän', die dir entthaute,
108
Floß aus Kummer über mich,
109
Brüder, Schwestern – welche Schmerzen
110
Schuf mein Unsinn eurem Herzen!
111
Manche Post von mir war euch
112
Schrecklich, wie ein Donnerstreich.

113
Gattin, die mir Gott gegeben,
114
Um ein Engel mir zu sein,
115
O wie macht' ich dir dein Leben
116
So zur Qual und Höllenpein!
117
Nicht dein Herz, das Liebe klopfte,
118
Nicht dein Aug', das Wehmuth tropfte,
119
Nicht dein Arm, der mich umschloß,
120
Riß mich aus der Lüste Schoos.

121
Sei zufrieden, Gott, der Rächer,
122
Nahm sich endlich deiner an;
123
Ferne hat er mich Verbrecher,
124
Dulderin, von dir gethan.
125
Ohne Abschied, ohn' Erbarmen,
126
Riß er mich aus deinen Armen,
127
Gab dir Ruh – und schloß mich ein
128
Unter diesen Felsenstein.

129
Und nun martert mich die Liebe,
130
Einsam, ohne Trost von dir!
131
Wilde, ungestillte Triebe
132
Brausen schäumend auf in mir;
133
Ach, mit ausgestreckten Händen
134
Greif' ich nach den schwarzen Wänden,
135
Glaube, Weib, es sei dein Bild!
136
Und mein Blick ist starr und wild.

137
Reiß' mein Bild aus deinem Herzen,
138
Sei bei meinem Jammer kalt;
139
Denke nicht an meine Schmerzen,
140
Nicht an meine Geistgestalt!
141
Ja, vergiß mich ewig, – weihe
142
Einem andern deine Treue,
143
Dies dein Herz voll Zärtlichkeit,
144
Der es nicht wie ich entweiht.

145
Jüngling, sieh durchs Eisengitter
146
Mir ins bleiche Angesicht,
147
Höre, wie im Ungewitter
148
Meine Stimme mit dir spricht:
149
»wollust hat mich so zerschlagen,
150
Mir bereitet diese Plagen;
151
Ist dir deine Seele theu'r,
152
O so flieh' dies Ungeheu'r!«

153
Aber du, Weltrichter, Gnade! –
154
Nicht um Freiheit bitt' ich dich,
155
Meines Erdenlebens Pfade
156
Seien noch so fürchterlich; –
157
Laß mein Fleisch, mein Fleisch verderben,
158
Aber ewig, ewig sterben
159
Laß mich nicht, ich bitte dich!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

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