O Würden mir noch einst die angenemen Stunden

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Carl Friedrich Drollinger: O Würden mir noch einst die angenemen Stunden Titel entspricht 1. Vers(1740)

1
O Würden mir noch einst die angenemen Stunden,
2
Die ich mit Stehelin, durch gleichen Trieb verbunden,
3
Von gleichem Reiz gelockt, in meinem Vaterland
4
Den Schätzen der Natur vor diesem zugewandt;
5
Da wir in Wald und Busch uns oftermals verwirrten,
6
Und um den grünen Fuß des stolzen Blauen irrten!
7
Da war kein Platz an Lust, kein Raum an Nutzen leer.
8
Mein Auge sah vergnügt der Blumen buntes Heer,
9
Die eine reine Luft und nahen Himmel fühlen,
10
In tausendfachem Schmuck, in Tausend Farben spielen.
11
Da reckte manches mal aus dem bekannten Chor
12
Ein ungewohnter Strauch sein seltnes Haubt empor,
13
Und reizte meinen Freünd, mir durch geschickte Lehren
14
Den kleinen Wunderbau der Pflanzen zu erklären;
15
Da stellt Er, was dem Sinn sonst unerkänntlich war,
16
Ihr zärtestes Gespinst durch Gläser sichtbar dar.
17
Bald sah ich Ihn bemüht, die Kraft gesunder Quellen,
18
Der Bäder innern Schatz, dem Auge vorzustellen,
19
Da Er das feste Band der Teilgen aufgelöst;
20
Ein stärkend Eisenerzt verkörpert hier entblößt;
21
Da ein eröffnend Salz, im innersten verstecket,
22
Und einen Schwefel dort, ein Heilungsöl entdecket.
23
Und, wenn wir dann vergnügt die Arbeit eingestellt,
24
So lockt ein heitrer Tag uns wieder auf das Feld.
25
Da ließ sich unserm Blick, zu neüer Lust und Lehre,
26
Ein seltsam Muschelvolk, die Bürger fremder Meere,
27
Auf hohen Bergen sehn. Da schloß ein Kieselstein
28
Oft eine ganze Brut gewundner Schnecken ein.
29
O Zeügen jener Flut, in harten Stein verkehret,
30
Daß ihr der zweyten Welt ein warnend Denkmahl wäret,
31
Wie, als die erste sich mit Sünden überhaüfft,
32
Ein schrecklich Strafgericht ihr frevelnd Volk ersaüfft!
33
Dann zog uns unser Trieb, die Klüfte zu befahren,
34
Die Werkstatt der Natur, gefüllt mit seltnen Waaren.
35
Da legt ein tiefer Schacht ein reiches Vorrahtshaus,
36
Metall und Stein vermischt, in krausen Klumpen aus.
37
Den blauen Amethyst mit blankem Erzt umkränzet,
38
Samt jenem Wunderstein, der in dem Dunkeln glänzet,
39
Und, wenn ein sachtes Feür allmählich ihn erhitzt,
40
In blaulich-hellem Schein gleich einem Sterne blitzt.
41
Da konnten wir zuletzt auch in den Tiefen spüren,
42
Wie oft Gestalt und Schein die Sterblichen verführen;
43
Wie sich ein reiches Erzt in grauen Kittel schmiegt,
44
Und schlechter Schwefelkies mit göldner Farbe triegt.

45
O möcht ich für und für mit innigstem Ergetzen
46
Die Schätze der Natur, gepaart mit andern Schätzen,
47
In Badens Gränzen sehn: sein Glücke nie gestört,
48
Sein Land an Segen reich; und, was sein Boden nährt,
49
Verbessert durch den Fleiß, mit klugem Raht genützet,
50
Und durch Gesätz und Recht gesichert und beschützet!
51
Dann sollt ein neüer Trieb mir durch die Adern gehn,
52
Und mein gesuncknes Lied zu neüer Kraft erhöhn.
53
Getrost! mein Wunsch gelingt. Ein günstiges Geschicke
54
Versichert meine Lust in meines Landes Glücke.
55
Schau, wertes Baden, an, was dir der Himmel schenkt!
56
Wohin mein Auge nur die frohen Blicke lenkt,
57
Erscheint dein Segensstand; die ährenreichen Felder;
58
Die Wiesen reich an Klee; an Holz und Wild die Wälder;
59
Ein fettes Rinderheer, bestimmt zu deiner Kost;
60
Der Wasser Schuppenvolk; der Hügel Nectarmost.
61
Der Berge Gipfel schmückt gewürzter Kraüter Mänge,
62
Und mancher Heilungsbrunn durchrauschet ihre Gänge;
63
Und, wenn in deinem Kreis der Sonnen schwächre Kraft
64
Schon keinen Demant reifft, und deiner Klüfte Saft
65
Zu keinem Golde kocht, so bist du doch dargegen
66
An andern Erzten reich; so hat des Himmels Segen
67
Ein blankes Eisen dir in Fülle zugezählt,
68
Das jenes nackte Volk vor allem Golde wählt.
69
Sein Witz beschämet uns. O daß doch so bedöhret
70
Der Mensch sein bestes Erzt in Mordgewehre kehret!
71
O möchte wenigstens ihr Vorwurf nur allein
72
Ein raüberischer Wolf und wilder Hauer seyn,
73
Und keine Frevelhand, begihrig aufs Verderben,
74
Den unschuldsvollen Stahl in Menschenblute färben!
75
Dann würde Baden auch, (o möcht es stets geschehn!)
76
Durch seiner Fürsten Huld sein Glücke blühend sehn,
77
Bey frölichem Genuß den guten Himmel preisen,
78
Und ein gesegnet Land vor Tausend Ländern weisen.

79
Was kan auch sonsten mehr, als strenge Kriegeswut,
80
Das Blut der Zäringer, das königliche Blut,
81
An dem ererbten Trieb zu stetem Woltuhn hindern,
82
Und unsern Segensstand bey solchen Fürsten mindern?
83
Schau Heil und Sicherheit durch Ihren Arm gestützt;
84
Der Kirche reines Wort; der Bürger Recht beschützt;
85
Von keinem strengen Joch Ihr treües Volk gedrücket;
86
Das Land gebaut und schön; die Wege neü-geschmücket!
87
Es trabt der muntre Gaul getrost auf ebner Bahn,
88
Und kündigt seine Lust mit frohem Wiehern an.
89
Der Reiter darf nicht mehr gefahr und Stürzen scheüen;
90
Der rohe Fuhrmann selbst verlernt sein wildes Schreyen,
91
Vergißt je mehr und mehr der Geisel strenge Zucht,
92
Und segnet nun den Weg, dem er zuvor geflucht.
93
Die Räder rollen sanft und zeichnen ihre Reise
94
Mit einem leichten Strich und nicht mehr tiefem Gleise.
95
Ein Fluß, der oft erzörnt aus seinem Ufer drang,
96
Und Wagen, Mann und Pferd in wilde Strudel schlang,
97
Vermerkt sich unverhofft gezähmt durch Damm und Brücken,
98
Und läßt den Wandersmann nun über seinen Rücken
99
Mit sichern Schritten gehn. Kein ausgeworfner Sand
100
Verwüstet, wie zuvor, das umgelegne Land.

101
Es schaut der Reisende des Wolstands holde Zeügen,
102
Gebaüde mancher Art aus mancher Gegend steigen,
103
Nicht dürftig, nicht zu stoltz, mit Mäßigkeit geschmückt,
104
Und zu bequemem Brauch vernünftig angeschickt.
105
Oft fängt ein kleiner Herr sich mächtig an zu brüsten,
106
Und meynt sich noch so groß, wenn sich auf sein Gelüsten
107
Ein ungemeßner Bau aus seinem Boden streckt,
108
Und bald den halben Raum von seinem Ländgen deckt.
109
So steht ein Riesenkopff auf einem Zwergenleibe.
110
Wie aber gehts zuletzt dem teüern Zeitvertreibe?
111
Der Untertahn verarmt; dem Herren fehlt das Geld;
112
Die Arbeit stecket sich; der Wunderbau zerfällt;
113
Bald soll der Pflug aufs neü in seinen Gränzen spielen,
114
Und durch den teüern Schutt zerknirschten Marmors wühlen.
115
Hier wird Gebaü und Lust dem Fürsten nie vergällt,
116
Weil kein erpreßtes Ach an Hof und Mauern prellt,
117
Noch der Palläste Zahl der Länder Mark verschlinget,
118
Und ein erarmtes Volk aus seinen Hütten dringet.
119
Bescheidne Masse dient zum steten Augenmerk;
120
Und Nutzen und Gebrauch veredeln jedes Werk.
121
Auch ich geniesse nun der lang gewünschten Freüde:
122
Was meiner Hut vertraut, beschirmt ein fest Gebaüde,
123
Das der verblichne Carl, auch in Gebaüden groß,
124
Eh Ihm die Todesnacht Sein wachsam Auge schloß,
125
Zur Letzte noch befahl, vor künftigen Gefahren
126
Der Schriften teüern Schatz gesichert zu bewahren.
127
Wie manche Kirche steigt aus ihrem Schutt hervor!
128
Die Türme strecken sich in neüem Schmuck empor;
129
Der Spitzen Schimmer blinkt zurings um in die Ferne,
130
Und ein entlegnes Land bemerkt die neüen Sterne,
131
Dieweil der Glocken Klang durch die gerührte Luft
132
Das umgeseßne Volk zum Andachtsopfer rufft.
133
Hier steht ein Waisenhaus mit ungespahrtem Fleisse
134
Der Armut aufgebaut. Der Saügling, satt von Speise,
135
Erfährt nicht, daß er erst der Muter Brust verlor,
136
Und ein gebückter Greis sitzt lächelnd an dem Thor.
137
Die Sorgfalt wacht allhier auch bey des Bettlers Bette;
138
Der arme Kranke ruht auf sanfter Lagerstätte;
139
Verpflegt, erquickt, erfrischt vergißt er seiner Pein,
140
Und mängt den heissen Wunsch in seine Seüfzer ein:
141
O gib dem Fürsten, Herr! o gib Ihm Heil und Segen,
142
Der so für Kranke sorgt! Doch, weil das Unvermögen,
143
Weil wahre Schwachheit stets die Hülfe fröhlich kennt,
144
Wird fauler Müssiggang Gesunden nicht vergönnt.
145
Ein Kind, das erst die Hand recht ohne Wanken führet,
146
Und mit gewissem Tritt den Boden erst berühret,
147
Erleichtert sich bereits durch Arbeit seine Noht,
148
Und ißt mit frohem Muht sein selbst erworbnes Brot.

149
Kein Dürftiger verzagt, wenn Noht und Hunger schrecken;
150
Der Landesvater läßt ihn nicht in Mangel stecken.
151
Schau, wie der bleiche Gram den Wucherer verzehrt,
152
Den Teürung fett gemacht, und Mißwachs oft ernährt,
153
Wenn sein gehaüfftes Korn, den Armen abgedrücket,
154
Ihm kein gedoppelt Geld mehr in die Kisten schicket.
155
Betrug und Falschheit wird durch Vorsicht eingeschränkt,
156
Der Segen, den uns oft ein guter Himmel schenkt,
157
Zum Vorraht eingelegt, der bey besorgter Teüre
158
Nach Nohtdurft ausgeteilt, dem nahen Mangel steüre.

159
Der Wälder reiche Frucht, der Holzung Kostbarkeit
160
Enhielt ein bergicht Land, mit Felsen überstreüt,
161
In dessen Wildniß kaum sich eine Deichsel waget.
162
Der arme Landmann sah, von strengem Frost geplaget,
163
Den ungenoßnen Schatz von ferne seüfzend an;
164
Des Fürsten Sorge dacht auf eine neüe Bahn:
165
Bald leiht ein wilder Bach ihm seinen dienstbarn Rücken,
166
Mit der Gebirge Frucht die Länder zu beglücken.
167
Ein frohes Volk begrüßt die segensreiche Flut,
168
Und nimmt mit Tausend Lust das mitgebrachte Gut
169
Von ihren Wellen ab, wenn Schnee und Winde stürmen,
170
Sich vor der Kälte Grimm bey sanfter Glut zu schirmen.

171
Hier war ein sumpficht Land, bedeckt mit Schilf und Rohr,
172
Der Frösche Wohnungsplatz, woraus der laute Chor
173
Sich quackend hören ließ durch manches Sommers Länge.
174
Der Vater Rhein empfieng durch ausgeworfne Gänge,
175
Worein das viele Naß gesammelt abwerts floß,
176
Den feüchten Uberfluß in seinen tiefen Schooß.
177
So bald erschien das Land in einem neüen Kleide,
178
Geschmückt mit fettem Klee und nahrungsreicher Waide,
179
Die mit gesunder Milch die satten Eüter füllt.

180
O wenn der Himmel nur mein heisses Sehnen stillt,
181
Und uns den Frieden läßt zu keiner Zeit gebrechen,
182
So sollte Baden nie von Noht und Mangel sprechen.
183
Schau andre Völker an! Schau das berühmte Land
184
Dort um den Tyberstrom und am Tyrrhener-Strand
185
Von der Natur beglückt vor Hundert andern Reichen!
186
Ist auch sein Glücke wol dem Deinen zu vergleichen?
187
Obschon ihm für und für ein milder Himmel lacht,
188
Und seinen holden Kreis zu einem Eden macht;
189
Ob seine Baüme schon mit göldnen Aepfeln prangen,
190
Und Reben beßrer Kraft an seinen Ulmen hangen.

191
Doch wie? wenn auf einmal, von innerm Brand entsteckt,
192
Ein wütender Vesuv mit Rauch und Flammen schreckt,
193
Die Luft mit Aschen schwärzt, und bald aus seinem Rachen
194
Metall und Stein vermängt mit ungeheuerm Krachen
195
Zu rings um von sich schmeißt; bald nach verstärkter Glut
196
Sein schmelzend Eingewaid, als eine Feüerflut,
197
Die Gegend überschwemmt, den schönen Kreis verheeret,
198
Und Menschen, Saat und Feld in schneller Wut verzehret
199
Wenn der erzörnte Schooß der Erden sich bewegt,
200
Und aus dem tiefen Grund ein grauser Donner schlägt,
201
Palläst und Türme stürzt, der Städte Pracht zerstücket,
202
Und oft ein ganzes Volk durch ihren Schutt erdrücket;
203
Wenn mit gehaüffter Last der Untertahn gequält
204
In strenger Sclaverey die Tage seüfzend zählt,
205
Verhungert bey dem Korn, nach rauhen Wurzeln gräbet,
206
Und unter stetem Fluch im Paradise lebet;
207
Wenn Aberglaub und Wahn dem Mangel sich gesellt,
208
Die Kinder nahrungslos ihr väterliches Feld,
209
Nunmehr der Mönche Raub, erschwatzt mit frommen Lügen,
210
Für die geweihte Zunft der Müssiggänger pflügen:
211
Alsdann erkennst du erst, durch fremde Noht gelehrt,
212
Den Vorzug deines Glücks und deiner Schätze Wert;
213
Da wirst du, wolvergnügt mit deinem Wolergehen,
214
Um keine Güter mehr, als um den Friden, flehen.
215
Denn, gibt die Allmacht nur noch diesem Wunsche Platz,
216
So soll der Künstler Fleiß, der Handlung reicher Schatz,
217
Gewerbe mancher Art in unsern Gränzen blühen,
218
Und Tausend Hände mehr für Baden sich bemühen.
219
Dann blieb, o wertes Land! dein Wolstand unverrückt;
220
Dein Fürstenhaus im Flor; der Untertahn beglückt;
221
Ernährt, dieweil er lebt; vergnüget beym Erblassen,
222
Sein lang genoßnes Feld dem Sohne zu verlassen.

223
Doch welch ein Donnerschlag betaübt mir Ohr und Geist?
224
Ist Carl der Sechste todt, und unser Reich verwaist?
225
O was für Wetter ziehn sich über uns zusammen!
226
Wie droht der Himmel schon mit neüen Zornesflammen!
227
Du Macht, die alles schafft, und alles lenken kan,
228
Sih ein erschrocknes Land auch jetzo gnadig an,
229
Und halt den nahen Strahl von unserm Haupt zurücke!
230
Gib unserm vierten Carl, zu Seines Volkes Glücke,
231
Gib Seinem Fürstenstamm noch länger sichre Ruh!
232
Dann sende, wenn du willt, mich meinen Vätern zu!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Carl Friedrich Drollinger
(16881742)

* 26.12.1688 in Durlach, † 01.06.1742 in Basel

männlich, geb. Drollinger

Archivar, Lyriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.