Herr! willt du uns denn gar verdammen?

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Carl Friedrich Drollinger: Herr! willt du uns denn gar verdammen? Titel entspricht 1. Vers(1715)

1
Herr! willt du uns denn gar verdammen?
2
Sind wir auf ewig ausgetahn?
3
Wie schlagen deines Zornes Flammen
4
Von allen Seiten auf uns an?
5
Wir ligen schmählich auf der Erde.
6
Hilf, o Erlöser, hilf geschwind!
7
Gedenke, daß wir deine Heerde
8
Und dein erworbnes Erbe sind!

9
Gedenke deines Zions wieder,
10
Des Berges, da man dich verehrt;
11
Und stürze bald die Feinde nider,
12
Die deinen Tempel so verstört!
13
Kein Grimm ist ihrem Grimm zu gleichen;
14
Sie brüllen um dein Haus herum;
15
Und setzen ihre Graüelzeichen
16
In deiner Allmacht Heiligtum.

17
Ich schaue Beil und Aexte blicken.
18
Halt innen du verwegne Schar!
19
Du schlägest einen Schmuck zu Stücken,
20
Der aller Völker Wunder war.
21
Umsonst! die Fackeln sind vorhanden.
22
Der Tempel wird der Flammen Raub.
23
Wo erst das Heiligste gestanden,
24
Erscheint ein Hauffe Schutt und Staub.

25
Sie ruffen: Drauf mit Mord und Bränden!
26
Dies Volk muß ausgetilget seyn.
27
Ihr Toben reißt an allen Enden,
28
Herr! deine Haüser grimmig ein.
29
Nichts zeiget uns mehr dein Erbarmen,
30
Wie unsern Vätern vormals, an;
31
Und kein Prophete sagt uns Armen,
32
Wie lang dein Grimm noch währen kan.

33
O Herr! wie lange willt du dulden,
34
Daß dich ein frevels Volk verlacht?
35
Sie haüffen immer Schuld auf Schulden,
36
Und spotten aller deiner Macht.
37
Kan deine Rache sich verweilen?
38
Hast du denn keinen Donner mehr?
39
Auf, spiele doch mit Tausend Keilen
40
Nach deiner Widersacher Heer!

41
Herr! alle Hülfe, die man kennet,
42
Entspringt doch ja von deiner Hand.
43
Du hast des Meeres Flut getrennet,
44
Und Israel hindurch gesandt.
45
Wie schlugest du den Wasserdrachen
46
Die stolzen Haüpter schnell entzwey,
47
Und gabst der wilden Tiere Rachen
48
Ihr gräßlichs Aß zur Speise frey!

49
Du bringst aus Felsen starke Flüsse,
50
Und trocknest grosse Fluten auf.
51
Du schaffest Licht und Finsternisse,
52
Und ordnest aller Sterne Lauff.
53
Die unerforschlich-weiten Grenzen
54
Des grossen Rundes setzest du.
55
Du ruffest bald des Sommers Glänzen,
56
Und bald des Winters Frost herzu.

57
Doch alle diese Wunderwerke
58
Verachtet der vermeßne Hauff.
59
Sie höhnen dich und deine Stärke,
60
Und gehen immer frecher drauf.
61
Wie? läßst du deine Daube sterben,
62
Auf die ein grimmer Adler stößt,
63
Und dein erwähltes Volk verderben,
64
Das sonst dein Arm so oft erlöst?

65
Herr! soll dein Bund denn nicht mehr gelten,
66
Den du so heiliglich gelobt;
67
Und willt du nie den Frevel schelten,
68
Der stets in deinem Erbe tobt?
69
O gönn uns einst die süssen Stunden,
70
Da dir der Arme fröhlich singt,
71
Und der Bedrängte, nun entbunden,
72
Dir sein Erlösungsopfer bringt!

73
Zernichte bald des Feindes Rasen!
74
Er wagt sich bis an deinen Trohn,
75
Und spricht, von Hochmuht aufgeblasen,
76
Dir, Fürst der Ehren! Trotz und Hohn.
77
Erwache, grosser Herr, erwache!
78
Es fordert dich dein Feind heraus:
79
Und führe selbsten deine Sache
80
Mit Macht auf seinen Scheitel aus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Carl Friedrich Drollinger
(16881742)

* 26.12.1688 in Durlach, † 01.06.1742 in Basel

männlich, geb. Drollinger

Archivar, Lyriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.