O Schöpfer, der mit Huld und Stärke

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Carl Friedrich Drollinger: O Schöpfer, der mit Huld und Stärke Titel entspricht 1. Vers(1715)

1
O Schöpfer, der mit Huld und Stärke
2
Noch stets erhält, was er gemacht;
3
Und für das Kleinste seiner Werke
4
So, wie für Erd und Sonne, wacht!
5
Mein schwacher Geist will sich bestreben,
6
Dich, grosser Herrscher, zu erheben.
7
O rühre du mir Herz und Mund!
8
Wenn Trieb und Andacht dir gefallen,
9
So wird auch durch der Kinder Lallen
10
Die Grösse deines Namens kund.

11
Was träumt der Wahn bedöhrter Weysen
12
Von einer Gottheit ohne Kraft?
13
Was hör ich für ein Wesen preisen,
14
Das weder Wol noch Ubels schafft:
15
Das sich in seiner Himmelsfeste,
16
Unsorgsam für uns Erdengäste,
17
In stiller Wollust zärtlich pflegt:
18
Das nie die Tugend sucht zu schützen,
19
Und niemals mit verdienten Blitzen
20
Nach der Verächter Scheitel schlägt?

21
Was mag denn auch den Schöpfer hindern,
22
Daß er nicht für die Menschen wacht?
23
Was zieht ihn ab von seinen Kindern?
24
Gebricht ihm Willen oder Macht?
25
Erschreckt ihn wol der Sorgen Bürde?
26
Beleidigt dies auch seine Würde,
27
Um einen Wurm sich zu bemühn?
28
Und gleicht er Göttern dieser Erden,
29
Die mit ermüdenden Beschwärden
30
Sich ihrer Herrschaft unterziehn?

31
O kränkt doch nicht der Allmacht Grösse
32
Durch ein so schlechtes Schattenbild!
33
Was ist ein Mensch, der seine Grösse
34
Umsonst in Gold und Purpur hüllt?
35
Der Klügste wird verführt, betrogen,
36
Von Lüsten hin und her gezogen,
37
Von Wahn und Irrtum stets beklemmt:
38
Der Beste wünscht, und will vergebens,
39
Weil die Gefährtinn seines Lebens,
40
Die Schwachheit, ihn beständig hemmt.

41
Den aber, der die Welt regiret,
42
Hält nichts in seinem Tuhn zurück.
43
Sein Wille wirkt; sein Wink gebihret;
44
Das Werden folgt auf seinen Blick.
45
Die Himmel aus den Angeln rücken,
46
Und den geringsten Wurm zerdrücken,
47
Das macht ihm beides gleiche Müh.
48
Kein Widerstand kan ihn bekümmern.
49
Er spricht, so fällt die Welt zu Trümmern.
50
Er will, so steht sie wieder hie.

51
Und sollt er wol ein Volk verlassen,
52
Das seine Hand hervorgebracht:
53
Und sollt er sein Geschöpfe hassen,
54
Warum denn hat er uns gemacht?
55
Unmöglich, daß wir nur ins Blinde
56
Des Glückes Ball, ein Spiel der Winde,
57
Und jedes Zufalls Beüte seyn!
58
Ich fühle wider solche Lehren
59
Vernunft und Sinnen sich empören.
60
Die Blindheit gab sie Menschen eyn.

61
Zwar, wie er seinen Raht vollbringe,
62
Das soll kein Sterblicher verstehn.
63
Es mag sich oft der Lauff der Dinge
64
Nach allgemeinen Regeln drehn.
65
Wolan! Er hat die Welt hierniden
66
Zum Vaterlande mir beschieden,
67
So teil ich mit ihr Wol und Weh.
68
Ich will nicht, daß mir zu Gefallen,
69
Mir Staübchen von dem grossen Allen,
70
Des Ganzen Ordnung stille steh.

71
Ich will nicht, daß der Wolken Triefen
72
Mein dürres Feld zu oft erquickt,
73
Wenn in des Nachbarn feüchten Tiefen
74
Die fette Saat davon erstickt.
75
Und soll ein Heer gemeiner Plagen
76
Auf meines Landes Grenzen schlagen,
77
So steh ich ihnen gleichfalls bloß.
78
Der Schöpfer kan mir stets entziehen,
79
Was er aus Gnaden mir verliehen.
80
Sein Tuhn ist so gerecht, als groß.

81
Genug, daß nie kein Nohtgeschicke
82
Sein freyes Wirken hindern kan.
83
Natur und Zufall, Schicksal, Glücke
84
Sind seiner Allmacht untertahn.
85
Wenns seiner Weysheit nur gebüret:
86
Wenn ihn mein wahrer Nutze rühret,
87
Denn muß sein Raht mit Macht geschehn;
88
Denn zeigt er seiner Herrschaft Stärke;
89
Vollbringt sein Tuhn durch Wunderwerke,
90
Und heißt das Rad der Schöpfung stehn.

91
Und dann, was ist ein kleines Leiden,
92
Von seiner Vatershand geschickt,
93
Wenn einst dafür ein Meer der Freüden
94
Mich ewig labet und erquickt?
95
Was zeitlich heißt, ist bald verschwunden
96
Hier mängen sich auch trübe Stunden
97
In unsrer Tage Klarheit ein.
98
Dort aber wird im Reich der Seinen
99
Sein Licht uns unvergänglich scheinen,
100
Und Nacht und Schatten nicht mehr seyn.

101
Nur dämpf, o Herr, in meinem Herzen,
102
Was deiner Gnade widersteht!
103
O laß mich nicht ein Gut verscherzen,
104
Das über alle Schätze geht!
105
Auch Böse hält in diesem Leben
106
Dein allgemeiner Schutz umgeben,
107
Und deiner Sonne wärmend Licht.
108
Doch deine Zarten Vaterstriebe,
109
Den Ausfluß ewig-milder Liebe,
110
Gewährst du den Verkehrten nicht.

111
Drum bleib ich nur auf deinen Wegen,
112
Und deiner Satzung stets getreü.
113
So mag sich alle Welt erregen:
114
Mein Schöpfer steht mir kräftig bey,
115
Sein Wort gebihrt mir Heil und Fülle.
116
Er droht dem Meer, so wird es stille;
117
Er schilt den Feind, so fällt er hin.
118
Laß Tausend Scharen auf mich stürmen,
119
Sie müssen, will er mich beschirmen,
120
Erschreckt vor meinem Schatten fliehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Carl Friedrich Drollinger
(16881742)

* 26.12.1688 in Durlach, † 01.06.1742 in Basel

männlich, geb. Drollinger

Archivar, Lyriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.