Lob der Gottheit

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Carl Friedrich Drollinger: Lob der Gottheit (1715)

1
Mein Geist erhebet sein Gefider
2
Zu seines Ursprungs Göttlichkeit.
3
Verstummet ihr verdammten Lieder,
4
Die meine Dohrheit oft erfreüt!
5
Ich will mich durch die Sterne schwingen,
6
Das grosse Wesen zu besingen,
7
Von welchem alles Wesen stammt.
8
Entzünde mich, o meine Liebe;
9
Und fülle mich mit jenem Triebe,
10
Der deinen David einst entflammt!

11
Wie aber? welch ein Schimmer blendet,
12
Welch grosser Anblick schrecket mich?
13
So weit als sich mein Auge wendet,
14
Erblick ich nur, o Schöpfer! dich.
15
Du schöner Bau gewölbter Lüfte,
16
Durch dessen unerforschte Klüfte
17
Ein ganzes Heer von Welten blickt:
18
O welche Pracht! Welch eine Stärke
19
Hat alle diese Wunderwerke
20
Mit solchem Reichtum ausgeschmückt!

21
Doch durch mein frevels Unterfangen
22
Wird deine Grösse nur verhöhnt.
23
Wer leihet mir der Worte Prangen,
24
Das diese Schätze würdig krönt?
25
In deinen unumschränkten Gränzen,
26
Da so viel Tausend Sonnen glänzen,
27
Vergehet aller Sinnen Kraft.
28
Es eilt mein Geist bestürzt zur Erden,
29
Um neüer Wunder voll zu werden,
30
Die Gott so nahe vor uns schafft.

31
O Schauplatz reicher Meisterstücke,
32
Aus dem die höchste Weysheit strahlt:
33
Worinnen ich ein Bild erblicke,
34
Da sich der Schöpfer selbsten mahlt!
35
Ja wahrlich deiner Schätze Mänge,
36
Ihr unvergleichliches Gepränge,
37
Der Zweck, nach welchem Jedes stimmt:
38
Die lassen uns ein Zeügniß lesen
39
Von einem allmachtsvollen Wesen,
40
Wo alles seinen Ursprung nimmt.

41
Wolan, ihr Zweifler, kommt und höret,
42
Vernemet der Geschöpffe Ruff!
43
Ein jedes Gräsgen spricht und lehret:
44
Es ist ein Gott, der mich erschuff.
45
Eröffnet doch einst Aug und Ohren!
46
Hat alles dies sich selbst gebohren?
47
Kan es sein eigner Ursprung seyn?
48
Wie? oder schuff ein blindes Spielen,
49
Ein Zufall ohne Geist und Fühlen
50
Dies schöne Werck? o Nein! o Nein!

51
Wie müssen sich die schnellen Zeiten
52
In einem steten Zirkel drehn!
53
Erst läßt sich voller Lieblichkeiten
54
Der holde Frühling lächelnd sehn.
55
Bald, wenn sein bunter Schmuck vergangen,
56
Erscheint der Aehren göldnes Prangen;
57
Balb fleüßt des Weinstocks edler Saft.
58
Dann schöpft nach überstandnen Lasten
59
Die müde Welt in sanftem Rasten
60
Zu neüer Arbeit neüe Kraft.

61
Ihr Berge! die ihr eüre Spitzen
62
Bis an die fernen Wolken türmt,
63
Ihr seyd die Mauern, die uns schützen,
64
Wenn Macht und Frevel auf uns stürmt.
65
Durch eüre wundersamen Gänge
66
Eröffnet sich der Erzte Mänge,
67
Der lichten Steine teüre Pracht.
68
Und, wenn uns Pest und Seüchen schrecken,
69
So steüern eüre grünen Hecken
70
Mit tausend Kräutern ihrer Macht.

71
Und du, du Sammlung wilder Fluten!
72
Die, wenn sich ihre Wut erregt,
73
Bald an der Sterne lichte Gluten,
74
Bald in den tiefen Abgrund schlägt;
75
Worinn mit tollem Lustgetümmel
76
Ein unaussprechliches Gewimmel
77
Belebter Berge schrecklich spielt:
78
Wer darf in deine Tiefen blicken,
79
Der nicht mit Zittern und Entzücken
80
Des grossen Schöpfers Allmacht fühlt?

81
Ich schau ein Heer von stolzen Masten
82
Auf deiner Wellen lichter Bahn.
83
Sie eilen reich an seltnen Lasten
84
Von Ost- und Westen schnell heran.
85
Doch muß das Gut aus allen Reichen
86
Dem Balsam deiner Düfte weichen,
87
Der alle Welt erquickt und nährt.
88
Wo diese Segenstropfen fliessen,
89
Muß alles wachsen und erspriessen.
90
Kein Ophir gleichet ihrem Wert.

91
So macht sich uns durch Berg und Gründe
92
Ein Schöpfer überzeügend kund.
93
Die rege Schar der leichten Winde
94
Belebt der Hauch von seinem Mund.
95
Er spricht, so kömmt uns Lust und Leben.
96
Durch ihrer Flügel munters Weben
97
Wird schwarzer Dämpfe Gift getrennt.
98
Doch plötzlich kehrt ihr sanftes Blasen
99
Sich in ein ungezähmtes Rasen,
100
Wenn sein gereizter Zorn entbrennt.

101
Es dunckelt sich. Ein kaltes Grausen
102
Erschüttert uns mit schneller Macht.
103
Ich hör ein ängstlich-hohles Saufen;
104
Der Donner brüllt; der Sturm erwacht.
105
Bald bricht er durch die Wolkenfeste,
106
Und reisset Felsen und Palläste
107
Der bangen Welt aus ihrem Schooß.
108
Ihr ohnmachtsvollen Erdengötter,
109
Verberget eüch vor diesem Wetter!
110
Mein Schöpfer ist alleine groß.

111
Genug, mein Geist, von fremden Werken!
112
Auf, schaue, was du selbsten bist!
113
Du wirst in dir ein Etwas merken,
114
Das mehr, als Stern und Sonnen, ist.
115
Du zählst belebt die todten Sterne;
116
Du missest ihre Größ und Ferne:
117
Sie sind an Witz und Athem leer.
118
Du übersteigst der Sonnen Helle,
119
Und, wenn ihr Lauff unendlich schnelle,
120
So ists dein Denken noch vielmehr.

121
Wolauf, erkenne deine Schätze!
122
Dein Schöpfer heißt dich ewig seyn.
123
Des strengen Todes Schreckgesätze
124
Trifft deinen Körper nur allein.
125
Du selbsten wirst unendlich stehen,
126
Und mit erstauntem Wundern sehen,
127
Wie einst der Bau des Himmels bricht.
128
Dein Wesen, das kein Raum umschränket,
129
Das in die Ewigkeiten denket,
130
Das stirbet nicht, das stirbet nicht.

131
Erhebe denn die muntern Flügel
132
Zu jenem Geist, der alles trägt;
133
Der seiner Gottheit lichtes Sigel
134
Erschaffnen Geistern eyngeprägt!
135
Ist ein Geschöpfe so geschmücket,
136
Welch unermeßner Reichtum blicket
137
Aus unsers Schöpfers Majestät!
138
Der Funke, den er uns verliehen,
139
Soll uns zu seiner Flamme ziehen,
140
Die über Erd und Himmel geht.

141
Ihr, die ihr messet und ergründet,
142
Was Erd und Himmel in sich hält:
143
Auf! daß ihr eine Grösse findet,
144
Die grösser sey, als alle Welt.
145
Vermehret sie mit neüen Zahlen
146
Zu hundert-tausend-tausendmalen!
147
Erschöpfet eürer Geister Macht;
148
Und denket dann, daß eüre Lehre
149
Von eüers Schöpfers Allmachtsmeere
150
Noch keinen Tropfen ausgedacht!

151
Eröffne deiner Weysheit Fülle!
152
Mein Schöpfer, lehre mich verstehn,
153
Welch Opfer sich dein heilger Wille
154
Von meiner Schwachheit ausersehn!
155
Wirst du den Weihrauch wol verlangen,
156
Den meine Hand, mit Furcht befangen,
157
Zu Ehren deiner Gottheit streüt?
158
Wie? oder fallen meine Sinnen
159
Auf ein verwerfliches Beginnen,
160
Das deine Heiligkeit entweiht?

161
Getrost! Ein Strahl von deinem Lichte
162
Zertreibet meine Finsterniß.
163
Dein Wort erleüchtet mein Gesichte,
164
Und machet meinen Gang gewiß.
165
Ich fühle seiner Gottheit Kräfte;
166
Hier spielt kein menschliches Geschäffte;
167
Hier schallt kein eitler Rednersmund.
168
Was aller Klugen Witz verwirrte,
169
Das machet uns ein armer Hirte,
170
Und ein verworfner Fischer kund.

171
Du eitler Schwarm gelehrter Dohren,
172
Der vil mit leerem Wissen prahlt,
173
Du hast das rechte Licht verloren,
174
Das nur aus diesem Buche strahlt.
175
Hier findest du der Weysheit Schätze;
176
Hier sind die heiligsten Gesätze;
177
Hier öffnet sich die Ewigkeit:
178
Daß auch ein Sterblicher erfahre,
179
Was noch der Abgrund später Jahre
180
Mit Nacht und Nebel überstreüt.

181
Hochheiligs Buch! erhabne Lehren!
182
Mein Herze stimmt eüch kräftig bey.
183
Da lässet sich ein Zeügniß hören,
184
Daß eüer Ursprung göttlich sey.
185
Da fühl ich unter Lust und Zittern
186
Ein unaufhörlich-reges Wittern
187
Und des Gewissens leise Stimm.
188
Die lispelt mir im Sündenschlafe,
189
Von einem Lohn, von einer Strafe,
190
Von eines Richters Huld und Grimm.

191
Ja, Herr! du kanst mich nimmer triegen.
192
Ich fühl ein ewig Wol und Weh.
193
O welch unendliches Vergnügen,
194
Wenn ich in deiner Gnade steh!
195
Ein holder West, ein sanftes Wehen,
196
Ein Hauch von jenen selgen Höhen
197
Erfüllet mich mit Muht und Lust.
198
Doch weich ich von dem rechten Wege,
199
O was für bange Marterschläge
200
Erregen sich in meiner Brust!

201
Mein Schöpfer! deine Macht und Güte
202
Erhebt mich immer mehr zu dir.
203
Dein Trieb entzündet mein Gemühte
204
Mit einer heiligen Begihr.
205
Mir eckelt vor der Erde Schätzen.
206
Wenn willt du mich dahin versetzen,
207
Da ich dich näher schauen kan?
208
Wenn seh ich deiner Werke Prangen,
209
Die hier noch stets ein Flor umfangen,
210
Bey dir in voller Klarheit an?

211
Beschleünigt eüch, ihr werten Stunden,
212
Da mich kein Kerker mehr umschleüßt;
213
Da sich mein Geist, der Last entbunden,
214
Zu seines Ursprungs Gottheit reißt;
215
Da meiner Stimme frohes Schallen,
216
Das jetzo noch mit schwachem Lallen
217
Des grossen Schöpfers Macht besingt,
218
Vermischt mit jenen selgen Chören,
219
Dir, Heiligster! zu Ruhm und Ehren
220
Ein ewig Hallelujah bringt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Carl Friedrich Drollinger
(16881742)

* 26.12.1688 in Durlach, † 01.06.1742 in Basel

männlich, geb. Drollinger

Archivar, Lyriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.