11. Auf den Tod des Breslauischen Rectors, Herrn Christian Stief

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Abraham Gotthelf Kästner: 11. Auf den Tod des Breslauischen Rectors, Herrn Christian Stief (1759)

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Bey Einer Kenntniß stets verzagt und träge stehn,
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Nie lehrbegier'gen Blick nach andrer Wahrheit drehn,
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So wie der Thiere Witz nur Eine Kunst vollbringet,
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Die Spinne nichts, als webt, die Lerche nichts, als singet,
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Kommt schlechten Seelen zu; erhabner Geister Kraft
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Erschöpft die Arbeit nicht von Einer Wissenschaft.
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Ihr Fleiß, den nichts vermag in engen Raum zu schränken,
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Durchreist der Wahrheit Reich, und denkt wo Menschen denken.

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So war, zu Breslau's Ruhm, der theure Greis gelehrt,
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Den es fast funfzig Jahr und noch zu kurz verehrt.
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Zu wenig war für ihn, der Weisen Sprachen kennen,
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Mit Schätzung ihres Werths die großen Alten nennen;
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Noch bey der Alten Werth der Neuern Werth verstehn,
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Im Schicksal manches Volks der Vorsicht Herrschaft sehn;
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Auch was Natur und Kunst für Wunderwerke zeigen,
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Da, wo der Schöpfer spricht, und Bücher öfters schweigen;
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Wie viel der kleine Mensch voll Ohnmacht sich erkühnt;
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Wie Himmel, Erd' und Meer nur seinem Witze dient;
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War seiner Einsicht werth; er sah in tiefen Klüften
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Des armen Bergmanns Fleiß; in Gluth und Schwefeldüften,
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Wie Bley aus Steine fließt; mit nützlichem Bemühn,
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Ließ er erst fremden Klee auf Breslau's Wiesen blühn.
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So ward durch seinen Fleiß auch Andrer Fleiß gelenket,
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Zu sehn, was Gott erschuf, zu brauchen, was er schenket.

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Vollkommner sieht er jetzt, von langem Dienst befreyt,
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Den Schöpfer unsrer Welt, als Herrn der Seligkeit.
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O möchte, da wir ihn für uns noch früh verlieren,
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Nur manchen Geist bey uns sein großes Beyspiel führen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Abraham Gotthelf Kästner
(17191800)

* 27.10.1719 in Leipzig, † 20.06.1800 in Göttingen

männlich, geb. Kästner

deutscher Mathematiker und Epigrammdichter

(Aus: Wikidata.org)

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