10. Ob eine Gesellschaft, die Sprache zu verbessern, durch öffentliches Ansehn müsse berechtigt werden

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Abraham Gotthelf Kästner: 10. Ob eine Gesellschaft, die Sprache zu verbessern, durch öffentliches Ansehn müsse berechtigt werden (1741)

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Ihr Deutsche, die ihr euch für Deutschlands Ruhm vereinigt,
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Ihr, die ihr unsern Witz und unsre Mundart reinigt,
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Mit Zweifel, der die Lust in engen Schranken hält,
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Erblick' ich diesen Tag, der mich zu euch gesellt;
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Vielleicht, daß meine Kraft durch eure Hülfe steiget,
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Vielleicht, daß neben euch sich meine Schwäche zeiget.
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Ich wag' es, nehmt von mir nur Fleiß und Eifer an,
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Wo ich durch Witz und Geist mich nicht erheben kann.

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Ist's euer Eifer doch, den ich an euch geschätzet,
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Noch mehr, als euer Witz, so sehr er mich ergötzet:
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Ihr liebt das Vaterland, nur dadurch brennt der Fleiß,
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Der noch der Klugen Lob statt alles Lohnes weiß;
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Zu glücklich, sollt' ihn nur dies Lob allein vergelten,
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Und ihn nicht jeder Thor, der euch nicht kennet, schelten.

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Ihr Deutsche, die ihr euch von deutschem Sinn entfernt,
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Und fremde Thorheit nur von fremden Völkern lernt,
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Den Satz noch nicht erkennt, den sie so deutlich zeigen:
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Es steigt des Landes Ruhm, wenn Witz und Mundart steigen.
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An euch bekehrt man nichts. Es sey euch immer recht,
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Daß ihr mit Fremden schön, mit uns barbarisch sprecht:
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Darf eure Thaten doch kein deutscher
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Werd' ich ein

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»wie aber? Ist dein Fleiß, Gesellschaft, nennenswerth?
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Dein scharfer Richterspruch, der Das für falsch erklärt,
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Und Jenes richtig heißt, was ist es, das er nützet,
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Wenn ihn dein Eigensinn statt alles Ansehns stützet?
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So redet Der
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Jetzt Frankreichs Fehler zeigt, jetzt Deutschlands Mängel weist,
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Gut, wenn er sich zuvor genugsam unterrichtet,
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Schlecht, wenn er übereilt und ohne Kenntniß richtet.
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Dies widerfähret ihm, wenn er der Sprache lacht,
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Wo
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Und
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Und ein verachtet Lied für
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Und, als verstünd er deutsch, es ohne Zittern wagt,
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Aus

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Der ist es, der an euch die eitle Mühe tadelt,
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Daß ihr, die kein Gesetz zu deutschen Richtern adelt,
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Nur kühn auf eigne Kraft, ganz Deutschland Regeln gebt,
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Da, wie er sicher weiß, ganz Deutschland widerstrebt.

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Er selbst gestehet dies. Nun wundre man sich nicht.
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Wenn er, so wohl gelehrt, ein weises Urtheil spricht.

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»die deutsche Zierlichkeit ist nicht den
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Der
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Der freyen Völker Zahl, die Deutschlands Weite hegt,
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Wird keiner Sprachkunst Joch von

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So wird dadurch ein Volk als Oberherr verehret,
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Daß es ein gleiches Volk der Sprache Schönheit lehret?
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Wenn
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Was ging Böotien an seiner Freyheit ab?

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Ja, soll das Deutsch des
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So wird Der ohne Streit auch seinen Zweck erreichen,
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Der nach der Sprache Glanz, die Frankreichs Ruhm erhöht,
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Zum

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»da, wo der König selbst der Sprache Richter setzet,
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Da wird durchs ganze Land ihr Urtheil hochgeschätzet.«
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Dies ist der kühne Satz, den kein Beweis beschützt,
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Den selbst das Beyspiel fällt, durch welches er ihn stützt.

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Gebeut man auch dem Ohr in drohenden Gesetzen?
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Nein, zwar die Sprache steigt, wo der Monarch sie liebt,
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Weil man durch's ganze Land des Hofes Sitten übt,
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Allein, will er sein Volk des Ausdrucks Schönheit lehren,
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Wird man sein Beyspiel nur, nicht sein Befehlen ehren.
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Der Sprachkunst Quellen sind: Brauch, Ursprung Aehnlichkeit;
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Was der Gelehrte schreibt, nicht was der Fürst gebeut.

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Der Fürst, der Lehrer setzt, macht sie zugleich nicht tüchtig;
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Ihr Ausspruch wird dadurch nur bey dem Pöbel wichtig.
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Oft trotzet träger Stolz auf ein erschlichnes Amt,
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Doch geht der Fleiß ihm vor, der sich nur selbst entflammt.

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Muß man die
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So, wie den König selbst, der sie gesetzt, verehren?
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Hat dieses Ansehn wohl ein
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Wenn die Gesellschaft hier, dort er mit Frankreich stand?
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Durft ihren Wörterbau kein
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Und sie kein
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Doch ist man jetzt vielleicht nicht wie vor Zeiten kühn;
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Denn wer jetzt denken will, muß Frankreich öfters fliehn.
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Vielleicht muß man sich jetzt nur nach den
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Und, schreibt man nicht wie sie, nach

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Gefühl, und nicht Gebot, regiert des Deutschen Ohr;
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Er zieht, was
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Nicht, weil ein
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Nein, nur weil er doch mehr durch Richtigkeit ergötzet.
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Lehrt unser
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Noch weiter, als
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Selbst, wo der
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Selbst, wo um
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Kennt zwar das freye Volk der Deutschen Herrschaft nicht;
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Doch uns gehorchet es, und red't, wie

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Gelehrte, fahret fort die Mundart auszubessern,
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Daß ihr nur selbst euch hebt, muß euren Werth vergrößern.
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Laßt nicht den Eifer nach, der Deutschlands Ruhm vermehrt:
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Hofft keinen schlechtern Lohn, als daß euch Deutschland ehrt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Abraham Gotthelf Kästner
(17191800)

* 27.10.1719 in Leipzig, † 20.06.1800 in Göttingen

männlich, geb. Kästner

deutscher Mathematiker und Epigrammdichter

(Aus: Wikidata.org)

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