7. Der Nutzen der schönen Wissenschaften beym Vortrage philosophischer Lehren

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Abraham Gotthelf Kästner: 7. Der Nutzen der schönen Wissenschaften beym Vortrage philosophischer Lehren (1742)

1
Freund, dir sind Recht und Brauch vom alten Rom bekannt,
2
Doch kein gelehrter Stolz verschmäht dein Vaterland;
3
Dein Eifer ist bemüht mit Mustern und mit Lehren
4
Den Ruhm Germanien's, der Sprache Glanz zu mehren:
5
Bald, wenn ein muntrer Vers, der deinen Einfall ziert,
6
Das Ohr durch Harmonie, durch Witz das Herze rührt;
7
Bald, wenn der freye Geist zwar nicht die Sylben zählet,
8
Doch Wort und Redensart voll Reiz und Nachdruck wählet.

9
O Freund, ist nicht der Fleiß, der Witz und Schönheit schätzt,
10
Auf's höchste Zeitvertreib, der ohne Frucht ergötzt?
11
Die Kraft, die Grund und Schluß erkannter Wahrheit geben,
12
Braucht die wohl Putz und Kunst, sich erstlich zu beleben?

13
So glaubt vielleicht ein Geist, der nur für sich gelehrt,
14
Nie Wahrheit und Vernunft durch Unterrichten mehrt,
15
Vergnügt, wofern nur er, den Schwierigkeit entzündet,
16
Durch unbewegten Fleiß den tiefsten Satz ergründet,
17
Er lerne, wie man sich zum schwächern Geiste senkt,
18
Der nicht so scharf, wie wir, auch nicht so eifrig denkt.
19
Vergebens wird man dem, die Wahrheit vorzutragen,
20
In unzertrennter Reih', nur trockne Schlüsse sagen,
21
Zeigt nicht des Lehrers Witz, was er begreifen soll,
22
Ihm leicht für den Verstand, dem Sinne reizungsvoll;
23
Kann muntrer Vortrag nicht die Schläfrigkeit erheitern,
24
Oft Ausdruck mancher Art nur einen Satz erläutern;
25
Macht Beyspiel, Aehnlichkeit, was eine Rede schmückt,
26
Nicht, daß Beweis und Satz sich stärker in ihn drückt.

27
So läßt uns
28
Auch wenn er Weisen schreibt, mit Rednerkunst empfinden.
29
Als Redner ist er groß, weil ihn die Weisheit stärkt,
30
Als Weiser schreibt er schön, weil man den Redner merkt.
31
Vor ihm mag noch die Schaar von ungelehrten Weisen
32
Die trockne Barbarey als tief und gründlich preisen.
33
Das heißt nicht gründlich seyn, daß man die Sprache kränkt,
34
Neu und barbarisch spricht, gemein und dunkel denkt,
35
Im Schreiben Satz an Satz mit Syllogismen bindet,
36
Im Denken falschen Schluß auf falsche Sätze gründet.

37
Soll stets der Criticus des Weisen Schreibart schmähn?
38
Wer scharf und richtig denkt, der sprech' auch rein und schön,
39
Daß er im Ausdruck sich so wie im Denken übet,
40
Die Kunst der Redner kennt, den Geist der Dichter liebet,
41
Und dennoch nicht dabey, von Munterkeit verführt,
42
Ganz den Verstand vergißt, wenn er die Sinne rührt,
43
Für strenge Gründlichkeit mit Witze spielend pranget,
44
Und uns ein Gleichniß giebt, wenn man Beweis verlanget.
45
Ein prächtiger Palast sey seiner Lehrart gleich,
46
Befestigt durch Vernunft, durch Witz an Anmuth reich.

47
Am meisten sey er da auf Reiz und Schmuck beflissen,
48
Befiehlt sein Unterricht zu thun und nicht zu wissen.
49
Vergebens, daß er nur den trocknen Satz gebeut
50
Und ewig wiederholt:
51
In Rechten ungelehrt, unwissend in Geschichten,
52
Mag er vom
53
Der Tugend Reiz vergeht, wenn uns sein ernster Geist
54
Ein metaphysisch Bild von ihrer Schönheit weist.

55
Der Dichtkunst altes Recht ist, von der Tugend spielen;
56
Den Menschen lehrte sie längst seine Pflichten fühlen,
57
Eh' ein Gelehrter noch mit Arbeit ohne Frucht
58
Vom Rechte der Natur den ersten Satz gesucht,
59
Durch Schlüsse kann das Kind nicht gut und böses trennen;
60
Es wird den Unterschied in ihrer Fabel kennen.
61
Sie zwingt uns, daß man selbst der eignen Thorheit lacht,
62
Und lehrt den Bürger fliehn, was Helden elend macht.
63
O daß doch öfters Der, den ihre Gluth beseelet,
64
Der Laster falschen Reiz zum Gegenstande wählet!

65
Und wenn die Redekunst der Städte Freyheit schützt,
66
Auf
67
Bleibt ihr der Vorzug noch, daß sie manch Volk regieret,
68
Wenn heil'ger Wahrheit Kraft durch sie die Herzen rühret.

69
Freund, glücklich, wer von dir, was die Natur uns lehrt,
70
Wie voller Gründlichkeit, so voller Anmuth hört.
71
Zeuch hin, wo Ueberfluß der Freyheit Fleiß beglücket,
72
Und Lust zur Wissenschaft auch Reicher Seelen schmücket,
73
Und lieb' uns, weil uns noch der Trieb, der dich auch führt,
74
Für Deutschlands Redlichkeit und Deutschlands Mundart rührt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Abraham Gotthelf Kästner
(17191800)

* 27.10.1719 in Leipzig, † 20.06.1800 in Göttingen

männlich, geb. Kästner

deutscher Mathematiker und Epigrammdichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.