2. Gedanken über die Verbindlichkeit der Dichter, allen Lesern deutlich zu seyn

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Abraham Gotthelf Kästner: 2. Gedanken über die Verbindlichkeit der Dichter, allen Lesern deutlich zu seyn (1759)

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Dich, Freund, reizt muntrer Witz, so wie erhabnes Wissen,
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Du denkst bey
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Sprich,
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Gemeiner Leser Schwarm sich nie entziehen soll?
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Sprich, ob es strafbar ist, nicht Allen deutlich bleiben,
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Manch Lied den Schönen weyhn, und Manches Weisen schreiben?

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Den Reimer schütz' ich nicht, der, was er dunkel denkt,
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Zu seiner Leser Qual in dunklern Ausdruck senkt.
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Mir wird er deutlich seyn, wählt er sich auch zum Muster
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Den Ruhm Lusatiens, den
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Mir sagt ein jeder Ort, der Manchem Mühe macht,
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Dies war des Autors Sinn; er hatte nichts gedacht.
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Ein Andrer kennt vielleicht der Weisheit äußre Schalen,
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Und gleichwohl soll sein Vers mit hohem Wissen prahlen;
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Drum führt er, was er sagt, in Dampf und Nebel ein.
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Drückt es nur deutlich aus, so wird nichts Schlechters seyn;
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So wie uns manchen Satz, den jedes Kind erkennet,
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Der Thelematolog in dunkeln Wörtern nennet.

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Mich reizet nur ein Lied von tiefem Denken voll,
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Gemacht, daß man es mehr als einmal lesen soll:
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Nicht, das durch Dunkelheit des Einfalls Armuth decket,
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Nicht, das mit Fleiße nur, was man schon weiß, verstecket.
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O nein, ein solches Lied, das hohe Wahrheit singt,
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Die stärker in den Sinn durch kühnen Ausdruck dringt,
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Das man von neuem liest, und neue Schönheit findet,
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Und den zu reichen Schatz stets gräbet, nie ergründet

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Wie, wenn durch unrein Pech das Feuer lodernd dringt,
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Der Flamme schwaches Licht in dicken Dampf versinkt:
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Wird Der, den Stolz und Wahn für gründlich Wissen füllen,
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Oft den gemeinsten Satz in dunkle Pracht verhüllen.
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Doch wie wenn heitre Gluth aus weißem Wachse strahlt,
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Sich deutlich und belebt das Bild im Auge malt:
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Wird des Gelehrten Werk mit Deutlichkeit ergötzen;
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Nur Augen blöder Art kann selbst sein Glanz verletzen.

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Ein Schüler, der bereits das Octaedrum kennt,
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Des Zirkels Umfang mißt, die Logarithmen nennt,
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Erblickt des Briten Werk, das alle Weisen ehren,
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Er liest, versteht es nicht, schmäht
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Ein Mädchen, die den Werth der Hochzeitlieder schätzt,
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Die, (so gelehrt ist sie!) selbst
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Will
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Sie liest, versteht es nicht, schmäht
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Mit Rechte schmähte sie, brächt', um ihr Herz bemüht,
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Der Stutzer, den sie liebt, ihr ein so schweres Lied:
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Was schilt sie
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Das, stärker an Vernunft, des Liedes Reiz durchdrungen?

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Der Leser, dem man schreibt, bestimmt des Autors Pflicht:
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Wenn
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Sagt, was den Dichter zwingt, nur Lesern ohne Denken,
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Ein Lied, das höher strebt, beständig zuzusenken?
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Unglücklich, wenn ihn nur die Dichtergluth entflammt,
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Daß ihn ein harter Spruch zum Pöbel hin verdammt!

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Ja, spricht man: denn es soll der Dichtkunst weise Lehren,
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Zu seiner Besserung der Ungelehrte hören:
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So hat, da
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Der Menschheit ersten Trieb der rohe Mensch gefühlt;
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So hat den Deutschen einst des Barden Lied erhitzet,
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Wenn auf der Freyheit Feind sein siegreich Schwerdt geblitzet.

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Doch wie? verstand ein Geist, im Denken unbemüht,
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In allem Wissen fremd, der ersten Dichter Lied?
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Den Bau der großen Welt, das göttliche Geschlechte,
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Die Wunder alter Zeit, der Menschen Amt und Rechte,
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Dies hat die erste Welt von ihnen angehört.
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Wer lernt jetzt halb so viel, und dünkt sich nicht gelehrt?

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Doch, Dichter, prahlet nur mit eurer Ahnen Thaten,
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Laßt Wahn und Eitelkeit erfinden, nicht errathen;
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Sagt, was ihr Lied vollbracht, und was es nie vollbracht,
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Und was Vernunft nur kann, das sucht in seiner Macht.
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Es sey, daß
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Ward denn durch jedes Lied der Tugend Reich vergrößert?
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Erregte
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Empfand nicht mancher Thor oft ihren Witz und Muth?
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Und konnt', eh'
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Kein Lied der Schäferinn die Sprödigkeit benehmen?
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Vor Zeiten gab
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Doch ein
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Gleich neben dem
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Der lehrt den
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Wenn aber ja dein Werk so Manche lehren soll:
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So sey es auch zugleich vom Reiz für Weise voll,
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So wie ein Altarblatt, mit kunsterfüllten Zügen,
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Des Volkes Andacht mehrt, und Kenner kann vergnügen,
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Kein bunt Marienbild, vom Holzschnitt abgedrückt,
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Das Kinder nur ergötzt, und Bauerstuben schmückt.
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Es folgt nicht, daß kein Lied mit Nutzen Lust verbindet,
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Wo der gemeinste Geist nicht jeden Satz empfindet;
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Genug, trifft er für sich da gute Lehren an,
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Wo Manches ihm zu hoch, Gelehrte rühren kann.

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Doch Niemand zieht vielleicht den Dichter ganz zur Erden:
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Er soll kein Lehrer nicht des schlechten Pöbels werden;
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Man will nicht, daß sein Lied ein Weib zum Weinen zwingt,
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Wenn es am Petersthor ein deutscher
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Genug, bemüht er sich, für einen Sinn zu spielen,
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Der richtig denken kann, und zärtlich weiß zu fühlen.
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Gut, doch wofern ihr nur für solche Seelen schreibt,
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Sagt, wo der Dichtkunst Zweck, das Unterrichten, bleibt?
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Was braucht's, daß sie von euch die Lebensregeln hören,
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Die ihnen eigner Witz, Fleiß und Erziehung lehren?
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Als nur, damit ein Satz, den eure Kunst geschmückt,
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Zwar den Verstand nicht lehrt, doch in das Herz sich drückt.

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Auch das geb' ich euch zu, doch selbst aus diesen Seelen,
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Die ihr vom Pöbel trennt, werd' ich von neuem wählen.
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Dürft ihr nicht euren Vers gleich jedem Bürger weyhn:
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So darf auch meiner nicht für jeden Leser seyn.
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Ihr irrt, wofern ihr glaubt, frey von gelehrten Sätzen
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Werd' eure Deutlichkeit auch Alle gleich ergötzen.
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Für Leser mancher Art sind
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Für Leonoren das, und das für den Eugen.
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Ihr straft es, wenn man singt, nur Weise zu vergnügen:
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So straft auch, wenn man singt, nur Schönen zu besiegen.
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Euch mißfällt, wenn mein Vers von
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So braucht im Trauerspiel Geschicht' und Fabel nicht.
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Soll ein Gelehrter nur vor euren Schauplatz gehen:
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So sey auch Der gelehrt, der will mein Lied verstehen.
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Den Leser wähl' ich mir; sagt, ob ich strafbar bin?
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Hat jeder eurer Zunft doch gleichen Eigensinn.
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Der, der die Schäferinn mit Lied und Einfalt zieret,
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Was fragt er, ob ihr Bild den Philosophen rühret?
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Ein Andrer singt entzückt von seiner Chloris Kuß:
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Ich bin nicht so entzückt, und les ihn mit Verdruß.
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Wie, soll der Dichter stets sich Stutzern ähnlich zeigen?
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Bey Mädchen witzig seyn, bey Klugen aber schweigen?

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Doch geh' ich nicht zu weit? Wer ist es, der es schilt,
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Wenn Kunst und Wissenschaft erhabne Lieder füllt?
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Nur das verbietet man, daß tiefer Sätze Menge,
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Zu dunkel ausgedrückt, im schweren Vers sich dränge.
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Gut, theilt den Einfall gleich in zwanzig Zeilen ein;
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Nur merkt, ihr werdet matt, und doch nicht deutlich seyn.
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Vergebens, daß man Dem, dem alle Kenntniß fehlet,
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So, wie ein Lehrer thut, Satz und Beweis erzählet.
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Nicht Alles faßt der Vers; und wenn er Alles faßt,
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So wird die Deutlichkeit dem Leser selbst zur Last.
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Mit ekelem Geschwätz wird uns der Dichter plagen,
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Der uns nichts denken läßt, und Alles strebt zu sagen;
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Doch ist ein Mittel hier: auch Der gefällt uns nicht,
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Der nicht genug uns sagt, und wie Orakel spricht.
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Die freche Buhlerinn, die mehr giebt, als vergönnet,
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Die Spröde, die uns kaum mit halbem Blicke kennet,
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Sind beyde reizungsleer
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Wo muntre Sittsamkeit bemüht und auch vergnügt.
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Doch heißt die Schöne nicht durch eitlen Stolz verblendet,
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Die Jedem unverdient nicht ihre Gunst verschwendet:
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So wißt auch, daß ihr oft ein Lied als dunkel schmäht,
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Und denket nicht daran, daß ihr nur blöde seht.

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Ihr sprecht, das sey nicht Lust, was uns mit Denken quälet,
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So hört zu guter letzt noch was mein Vers erzählet.

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Sonst, als den Deutschen noch kein seiner Witz vergnügt,
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Und nur sein redlich Herz mit tapfrer Faust gesiegt,
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Gebraucht' er sich, die Zeit ergötzend zu verlieren,
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Der bunten Heere schon, von streitenden Papieren.
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Vier gleiche Haufen sinds. Des Schicksals Eigensinn
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Giebt einem Mächtigern der Andern Leben hin.
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Vor seiner Sieben muß zu oft ein Taus erbleichen,
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Doch wird ihr bald darauf nicht eine Sieben weichen.
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Die Stunden kürzten sich mit Spielen mancher Art;
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Da hoffte man ein Glück, das Fürst und Ober paart
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Auch ging man Wetten ein, wo stets die Hand verspielte,
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Die Blätter eines Rangs in mindrer Anzahl hielte,
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Bot einem Spieler Trotz, der zu verwegen war,
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Und setzte sich ihm gleich in Hoffnung und Gefahr.
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Drauf, als die Rohigkeit von Deutschland sich entfernte,
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Und man der Fremden Kunst und fremde Thorheit lernte,
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Ward auch der Zeitvertreib, den Spanien erdacht,
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Und Frankreich ausgeputzt, bey uns bekannt gemacht.
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Dem Tutti wich der Martsch, der Sequens Matadoren;
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Vom Spieler ward a Tout, kein Trumpf vom Glück erkoren.
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Voll Ordnung war das Spiel, nur war sie mehr versteckt,
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Voll Regeln, deren Zahl gemeine Seelen schreckt:
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Und wem zum Denken sonst Geduld und Stärke fehlte,
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Der ward ein
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Wie hörte man dabey die schwächern Geister schreyn:
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Was so viel Mühe macht, kann kein Vergnügen seyn!
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Umsonst, die Schönen selbst gewöhnten sich zu denken,
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Der Wenzel und das Taus flohn endlich in die Schenken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Abraham Gotthelf Kästner
(17191800)

* 27.10.1719 in Leipzig, † 20.06.1800 in Göttingen

männlich, geb. Kästner

deutscher Mathematiker und Epigrammdichter

(Aus: Wikidata.org)

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