[daß du an mich im Himmel solltest denken]

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Abraham Gotthelf Kästner: [daß du an mich im Himmel solltest denken] (1759)

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Daß du an mich im Himmel solltest denken,
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Sang ich von dir, und nannte dich schon Geist:
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Ach! wollte Gott dich damals mir noch schenken,
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Daß er dich jetzt mir schmerzlicher entreißt?
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So spät, so kurz, wollt' er den Wunsch gewähren,
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Den frommen Wunsch: dein vor der Welt zu seyn;
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Und unbenetzt von einer Freundinn Zähren
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Nimmt fremder Sand hier deinen Leichnam ein!

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Mißfielen denn dem Höchsten unsre Triebe?
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Vor Ihm stellt sich der Herzen Abgrund dar:
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Er strafe mich, wenn nicht für meine Liebe
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Dein größter Reiz nur deine Tugend war.
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In Einsamkeit, wo Gott und Engel hören,
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Wo sich das Herz von Erd' und Tand erhöht,
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Hab' ich, mit dir Ihn eifriger zu ehren,
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Ihn oft um dich mit Thränen angefleht.

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Wir, deren Blick nicht in die Ferne reichet,
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Verstehn es nie, was unsere Bittet wagt:
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Mit einer Huld, die seiner Weisheit gleichet,
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Verzeiht sie Gott, auch wenn er sie versagt.
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Wie, daß mit dir mein Glück hier zu genießen,
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Noch jetzt mein Wunsch sich unbedachtsam sehnt!
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Gott hat vielleicht dich meiner Noth entrissen:
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Ruft mich zum Kampf, und du bist schon gekrönt.

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Und wär mir hier nur Freude zugetheilet,
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Wär er nunmehr doch gegen dich kühn,
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So bäte den, der nun aus Grönland eilet,
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Ein wilder Freund: bey Fischtrahn zu verziehn.
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Welch eine Lust im Reich der Eitelkeiten,
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Wär wohl für dich erlittner Schmerzen werth?
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Was gönnt dir Der, der auf dein hartes Streiten
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Den Sieg noch fern, und neuen Kampf begehrt?

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Noch konnt' ich mich nicht von dem Wunsch entwöhnen,
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Ihn that das Herz, wenn ihn Vernunft verbot:
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Lang' ließ dich Gott nach deiner Rettung stöhnen;
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Und dein Gebet war nur Geduld und Tod.
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Und sahst du uns voll Jammer um dich treten,
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So batest du, um deinen Tod zu flehn:
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Nichts hast du noch umsonst von mir gebeten,
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Die Bitte nur konnt' ich nicht zugestehn.

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Herr, deine Huld hüllst du in Grausamkeiten!
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Machst Frommer Kreuz der Bösen Strafe gleich;
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Pflegst Seelen so zu Engeln zu bereiten,
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Und bist zum Lohn für sie gerecht und reich.
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Die Christinn ächzt, nur noch den Durst zu stillen,
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Wenn ängstend schon der Tod im Schlunde drückt:
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Sie ächzt umsonst, ergiebt sich deinem Willen,
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Und wird indem mit Engeltrank erquickt.

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Ihm dankst du jetzt, Beglückte, für dein Leiden,
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Dem Gott voll Huld, der nicht von Herzen plagt.
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Er führte dich zu ewig großen Freuden
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Durch eine Qual, wo die Natur verzagt.
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Soll ich zu dir, durch gleiche Pein bald dringen,
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Ist härtre noch, mich mehr zu läutern, noth,
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Und hilft es mir, der bey dir stand, vollbringen:
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Welch irdisch Glück ist mehr, als so ein Tod?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Abraham Gotthelf Kästner
(17191800)

* 27.10.1719 in Leipzig, † 20.06.1800 in Göttingen

männlich, geb. Kästner

deutscher Mathematiker und Epigrammdichter

(Aus: Wikidata.org)

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