4. Auf M. Theodor Lebrecht Pitschel

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Abraham Gotthelf Kästner: 4. Auf M. Theodor Lebrecht Pitschel (1743)

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Zu lange fast, o
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Und bringt dir noch verjährte Thränen dar,
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Kein Dichterleid, mit unbetrübtem Herzen,
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Nein, treu und stark, wie unsre Freundschaft war;
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Nicht wie der Sturm erregter Sinnen wüthet,
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Der bald sich legt, wenn man vernünftig denkt,
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Nein, ein Affect, den die Vernunft gebietet,
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Weil dein Verlust, erkannt, nur stärker kränkt.

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Ja,
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Erpreßte sie gleich keiner Freundschaft Pflicht:
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Da wo den Schmerz Verlust und Sehnsucht nähren,
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Da lindert ihn der Zeiten Länge nicht.
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Ach wollt' ich doch als Freund dich gerne missen,
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Verlör' ich nichts, als einen Freund in dir!
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Dein redlich Herz, dein viel und nützlich Wissen
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Entgeht mir auch, doch nicht allein nur mir.

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Gott, dessen Macht, nach uns zu hohen Gründen,
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Mit weiser Huld die beste Welt regiert,
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Verzeihst du wohl ein kühnes Unterwinden
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Der Menschlichkeit, die herber Schmerz verführt?
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Ach dürfte dich gekränkte Neugier fragen:
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Warum du stets das Gute zeitig nimmst,
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Und oft den Lauf von allzuwenig Tagen
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Dem besten Theil der Sterblichen bestimmst?

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Wie reizet uns des Geistes muntre Jugend,
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Der viel gewährt, und mehr dadurch verspricht!
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Er brennt allein für Wahrheit und für Tugend,
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Stärkt den Verstand, und übet seine Pflicht.
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Wie wird er einst, o Herr, dein Reich zu mehren,
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Sich voll von Kraft, von Eifer voll, bemühn!
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Zu eitler Wahn! da wir ihn hoffend ehren,
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Zeigt er sich uns, und muß von uns entfliehn.

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Giebst du uns denn nicht darum edle Seelen,
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Die deine Huld mit höh'rer Einsicht ziert,
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Daß ihre Zahl, die wir zu bald durchzählen,
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Das große Heer gemeiner Geister führt?
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Stark an Vernunft, im Glauben fest gegründet,
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Für beyder Werth, und beyder Eintracht kämpft,
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Durch sichern Schluß den leichten Zweifler bindet,
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Des Irrgeists Wahn durch deine Worte dämpft?

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Doch wer, o Herr, darf deine Wege meistern?
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Dein Rathschluß liegt für unsern Blick zu tief;
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Gehorchen nur, gebührt erschaffnen Geistern,
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Auf dessen Wink, der sie zum Daseyn rief:
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Wie spät, wie früh sie für den Himmel reifen,
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Wie lang' ihr Dienst der Körperwelt gehört,
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Das will umsonst ein Sterblicher begreifen,
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So lang' er hier nur glaubt und nicht erfährt.

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Du lebst, mein Freund, wo Menschenwitz verschwindet,
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Wo außer Gott die Seele nichts mehr denkt,
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Und kaum auf das, was hier ihr Fleiß ergründet,
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Noch einen Blick, als auf ihr Spielzeug senkt.
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Was besser werth, als Sterbliche zu lehren,
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Nahm dich die Zahl beglückter Geister ein:
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Doch bis ich darf mit dir den Schöpfer ehren,
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Soll mir dein Tod stets lehrreich rührend seyn.

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Zu gut für uns, die Welt zu schlecht für ihn,
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Nahm Gott ihn uns, den Gott uns nur geliehn:
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Doch sind wir fromm, wird uns die Tugend leiten,
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So sehn wir ihn in frohen Ewigkeiten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Abraham Gotthelf Kästner
(17191800)

* 27.10.1719 in Leipzig, † 20.06.1800 in Göttingen

männlich, geb. Kästner

deutscher Mathematiker und Epigrammdichter

(Aus: Wikidata.org)

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