9. Der Magisterschmaus

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Abraham Gotthelf Kästner: 9. Der Magisterschmaus (1745)

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Mit Tönen, die die Enkel hören,
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Will ich das Freudenfest beehren,
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Gesellschaft, Scherzen, Spiel und Wein
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Soll durch mein Lied verewigt seyn.
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Doch wenn es bey der lauten Menge
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Von Meistern tändelnder Gesänge
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Nicht in der Nachwelt Ohren dringt,
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So wird es weit genug erschallen,
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Kann nur sein Klang noch euch gefallen,
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O Freunde, deren Lust es singt.

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Du hast uns diese Lust gegeben,
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Du Anfangstag vom neuen Leben,
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Da man, seit uns der Titel ehrt,
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Den Namen seltner nennen hört.
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Geburtstag ungezählter Lieder,
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Da viel nur einmal und nicht wieder
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Den Glanz von deinem Lichte sehn,
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Und ihres Helden Trefflichkeiten
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Recht nach Verdiensten auszubreiten,
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Zur Heringsfrau, zum Kramer gehn.

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Der niedern Sonne schwächrer Schimmer
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Versammelt auf des Wirthes Zimmer
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Die Freunde, die er werth geschätzt,
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Daß sie und ihn sein Fest ergötzt:
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Nicht roher Brüder wilder Haufen,
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Geübt, zu schwärmen und zu saufen,
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Und ihre Thorheit auszuschreyn.
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Nur wenig, aber ausgewählt,
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So viel man Grazien gezählet:
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Der Wirth kann statt der Venus seyn.

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Getränk, dazu aus weiter Ferne
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Vom Osten rother Beeren Kerne,
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Vom Abend süßen Schilfes Saft
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Europens Wollust sich verschafft,
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Komm, dich in braungefärbten Flüssen
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Aus dem Metalle zu ergießen,
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Das Spiegeln gleich an Schimmer strahlt,
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Ins Glas, durch dessen zärtlich Prangen
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Mein Sachsen kann den Ruhm erlangen,
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Mit dem das eitle China prahlt.

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Du stockst? welch zaubrisches Bemühen
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Will dein Vergnügen uns entziehen?
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Hast du ein frostig Lied gehört,
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Das dich in starrend Eis verkehrt?
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Nein, stets bereit hervor zu schießen,
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Läßt dich des Hahnes Trotz nicht fließen,
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Der fest in enger Rundung steht;
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Die Kraft von Leipzigs zarten Söhnen
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Sehn wir ihn unbewegt verhöhnen,
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Bis ihn des Fremden Stärke dreht.

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Zwar, deiner Heldenthat zu lohnen,
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Verlangst du keine Siegeskronen,
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Du, der des Hahnes Widerstand
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Geschickt und mächtig überwand:
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Doch dankbar dein Verdienst zu schätzen,
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Verstatten wir dir ein Ergötzen,
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Das sonst des Zimmers Putz versagt,
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Daß, trotz der großen Spiegel Glanze,
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Virginiens verbrannte Pflanze
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Sich an den Gips der Decke wagt:

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Nun, daß wir vom Caffee zum Essen
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Die Stunden nicht verdrüßlich messen,
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Was thun wir, das vergnügungsvoll
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Uns ihren Lauf verbergen soll?
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Zwar pflegt die Zeit uns ohn' Empfinden
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Zu bald nur öfters zu verschwinden,
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Wenn Witz und Wahrheit uns erfreun;
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Doch jetzt soll Witz und Wahrheit schweigen:
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Wenn wir uns oft als Weise zeigen,
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So laßt uns einmal Menschen seyn.

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Papier voll zaubrischer Figuren,
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In dir sind tiefer Weisheit Spuren,
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Die Schöne, die kaum lesen kann,
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Fängt gar bey dir zu denken an;
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Hilf du uns jetzt die Zeit verschwenden
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Mit vierzig Blättern in vier Händen,
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Die in zwey Paar das Spiel zertheilt;
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Da der, den wir zum Beystand zwingen,
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Uns oftmals hilft den Sieg erringen,
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Oft mit uns ins Verderben eilt.

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Bey deinen scherzerfüllten Kriegen
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Vergehn zwo Stunden mit Vergnügen;
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Und eh' vier andre noch vergehn,
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Wird unter uns die Sonne stehn.
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Nicht weil uns Kampf und Sieg ermüden,
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Begehren wir zuletzt den Frieden,
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Den matte Furchtsamkeit erzwingt:
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Nein, kühn und stark zu fernern Streiten
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Sehn wir beym Frieden beßre Zeiten,
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Nur weil man uns das Essen bringt.

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Was soll mein Lied noch ferner preisen?
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Die Menge, Wahl, Geschmack der Speisen,
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Den Wein von ungeschwächter Kraft,
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Wie er in Frankreich Dichter schafft;
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Die Freyheit von gezwungnen Sitten,
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Das Recht der Franzen und der Briten,
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Das deutsche Höflichkeit sich raubt;
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Die Wollust, die Gespräche schenken,
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Bey den wir reden, wie wir denken,
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Und Lachen, das Vernunft erlaubt.

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Hier zeigt euch Freunde dieß Vergnügen
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Sich noch einmal in todten Zügen,
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Mein Vers erinnert euch daran,
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Was er nicht lebhaft schildern kann.
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Ihr wißt, so schwatzhaft er gewesen,
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Daß ihr nicht Alles noch gelesen,
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Womit uns dieser Tag erfreut;
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Doch heischt von mir nicht mehr zu reimen,
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Ich seh', wie für mein spielend Säumen
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Mit schon die ernste Meßkunst dräut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Abraham Gotthelf Kästner
(17191800)

* 27.10.1719 in Leipzig, † 20.06.1800 in Göttingen

männlich, geb. Kästner

deutscher Mathematiker und Epigrammdichter

(Aus: Wikidata.org)

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