87. Ikaros

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Friedrich Leopold Graf zu Stolberg: 87. Ikaros (1784)

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Daidalos hub sich auf wächsernem Fittich,
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Ikaros weinete: Vater, dich bitt' ich,
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Lehre mich fliegen! Doch Daidalos sprach:
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Hättest du Flügel, so flögst du mir nach!

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Aber dem Ikaros braust es und pocht es
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Tief in dem Herzen, und saust es und kocht es
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Hoch in dem Köpfchen: Du bildetest dir
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Flügel, so bilde doch Flügel auch mir!

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Nun denn, mein Bübchen, sollst Flügelein haben,
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Sagte der Vater zum wimmernden Knaben,
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Schritt zu der künstlichen Arbeit, und stracks
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Knetete Daidalos Flügel aus Wachs.

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Ikaros bebet vor Wonn' und Verlangen,
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Als ihm der Vater mit goldenen Spangen
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Heftet die Flügel an Schulter und Brust,
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Ist sich der Ammenmilch nicht mehr bewußt.

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Höre, mein Söhnchen, der Klugheit bedarf es
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Oben in Lüften, drum achte mein scharfes
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Weises Verbot, und bedenk nicht zu spät,
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Daß man aus Wachs nur was wächsernes dreht.

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Folge mir nach in den mittleren Lüften,
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Wittere nicht nach ätherischen Düften,
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Weit ist die Reise nach Welschland und schwer,
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Oben die Sonne, und unten das Meer.

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Nahest du steigend der Sonne, so schmelzen
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Flugs dir die Fittiche; tauchst du, so wälzen
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Wogen des Meers dich ins gläserne Haus
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Wilder Tritonen, den Hechten zum Schmaus.

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Daidalos sprach es, und hub sich; der Junker
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Fühlte sich nicht vor Entzücken! Kühn schwung er
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Nach sich dem Vater, hoch über ihn hin,
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Über die Wolken mit trunkenem Sinn!

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Aber die Flügel begannen zu triefen,
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Eh er es merkte, die Schwingen entliefen
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Sinkend dem Sinkenden, und er entstürzt
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Purzelnd dem Flug, nicht zur Seefahrt geschürzt.

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Merke sich das der Bescheidneren Tadler,
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Keck ist der Käfer, und kühn ist der Adler!
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Haben die Götter dir Schwingen versagt,
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O so geh nicht auf ätherische Jagd!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg
(17501819)

* 07.11.1750 in Bad Bramstedt, † 05.12.1819 in Gut Sondermühlen

männlich, geb. Stolberg

deutscher Politiker und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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