Wie im Gewimmel von der großen Stadt

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Friedrich Leopold Graf zu Stolberg: Wie im Gewimmel von der großen Stadt Titel entspricht 1. Vers(1783)

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Wie im Gewimmel von der großen Stadt
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Diogenes bei hellem Sonnenschein
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Mit einer Leuchte in der Hand umher
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Lief, und den Menschen suchte, ihn nicht fand;
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So lief Jean Jacques umher mit scharfem Blick
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Und heißem Seelendurst. Hoch schlug das Herz
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Dem Jüngling und dem Mann, dem Greise hoch.
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Er suchte Weisheit, fand sie nicht im Tand
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Der Wisserei; der Schulstaub war ihm Staub;
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Der Afterweisheit lauter Jahrmarkt, wo
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Der Thorheit Schell' in allen Winkeln tönt,
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Wo feil der Lehrstuhl seine Panazee
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Unmündigen anpreiset, wo das Bild
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Der Göttin sich im Narrenmantel bläht,
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War ihm, was dem ein leerer Becher ist,
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Der in der Wüste, unter heißem Strahl
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Des Mittags, nach der Quell' im Thale lechzt.

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Wohl dem, der an der Quell' im Schatten ruht!
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Der Schatten ist kein Traum, die Quelle nicht.
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Sie floß zu allen Zeiten, überall,
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Hier trüber, heller dort, hier schmal, dort breit,
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Genährt vom Himmel und aus tiefem Schoß
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Der heimlichen, allnährenden Natur;
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Und wo sie fleußt, da labet sie und stärkt
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Den Trinkenden mit immer neuer Kraft.
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Doch immer fanden sie nur wenige;
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Denn eitel gräbt der Fürwitz, und wo der
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Den Spaden einsenkt, grüb' er noch so tief,
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Entquillt dem Boden nie die helle Flut.
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Doch schreit er jubelnd, wann er feuchten Schlamm,
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In welchem nie des Himmels Bild sich zeigt,
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Aufgräbt, und ruft die Irrenden herbei,
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Die, oft aus Trägheit, oft aus Unverstand,
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Aus seiner Grube schöpfen, und den Quell
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Bald für ein Märchen halten, jenem gleich,
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Der in Elysium die Helden tränkt.

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O Einsamkeit, in deinen Schatten fleußt
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Der Weisen Labsal, o, wer stärket mich,
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Dich zu ertragen! Nie genügte mir
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Des Hörsaals hochgelahrter, leerer Tand,
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Und nie der eitlen Schlüsse hoher Bau.
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Mit Mitleid und Verwundrung sah ich oft
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Pedanten auf erhabnen Stufen stehn,
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Um welche sich der Schwarm der Jugend drängt
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Mit offnem Munde der Aufmerksamkeit,
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Den nackten Vögeln in dem Neste gleich,
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Die, blind und piepend, mit gedehntem Hals,
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Heißhungrig schnappen nach dem hohen Kiel,
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Mit welchem sie der lose Bube nährt,
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Der sie der Mutterpflege selbst entriß.
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Ich hätte blind vielleicht wie sie geschnappt,
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Wofern nicht Hellas mich auf mildem Schoß
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Gewieget und gesäuget hätte, mir
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Das Aug erhellt, und unter Bäume mich
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Geführt, die immer Duft und Kühlung wehn,
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An Blüten und an goldnen Früchten reich.
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Nun sucht' ich auf der Logik Dornen nicht
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Die Rosen, welche mir mein Plato gab,
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Und hört', o Quelle, deinen Silberton;
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Doch Schwäche hielt mich lang von dir zurück,
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Und wie das Kind den irren Kräusel treibt,
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So trieb die Thorheit lange mich umher,
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Und wie das Kind dem bunten Drachen folgt,
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Der an dem langen Faden in der Luft
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Hoch schwebet und ein Spiel des Windes ist,
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So riß auch bunter Wahn mich hin und her
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Und itzt? – Der Schule Lehrern und dem Papst
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Ward nur Unsterblichkeit – doch sehn' ich mich,
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Dem mattgejagten Hirsche gleich nach dir,
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O Quell! nach deinem Thal, o Einsamkeit!
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In deine Schatten nahmst du Numa auf,
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Den Edlen, welcher weinend dich verließ,
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Und auf dem Throne, dem er Würde gab,
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Sich sehnte nach den Hainen, wo vordem
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Die Weisheit in Egerias Gestalt
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Mit ihrem Nektar tränkte seinen Geist.
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Im Sonnenglanz, o Weisheit, strahltest du
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Dem Seher Gottes; nicht im lauten Sturm,
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Nicht im Erdbeben und im Feuer nicht,
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Nein, im Gesäusel walltest du ihm sanft
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Vorüber, bei der stillen Felsenkluft,
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Entfernt vom irrejagenden Geräusch.
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Als Gottes Weisheit selbst auf Erden kam,
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Da suchte sie die stillen Wüsten oft,
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Und weihete zu Paradiesen sie.
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Der Seele Leben atmeten in dir,
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O Einsamkeit! des hohen Altertums
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Gesunde Söhne, Weise wurden die
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In deinen Schatten, jene Heilige!
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Dein spottet der moderne Moralist,
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Und bauet ein Gebäu von Pflicht und Recht,
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Wo Schluß auf Schluß sich paßt, wie Stein auf Stein
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Sehr fest vielleicht, wofern der lockre Grund
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Nicht stürzte, wann der Leidenschaften Strom
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Hochschwellend an den Sand des Ufers braust.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg
(17501819)

* 07.11.1750 in Bad Bramstedt, † 05.12.1819 in Gut Sondermühlen

männlich, geb. Stolberg

deutscher Politiker und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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