58. An die Sonne

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Friedrich Leopold Graf zu Stolberg: 58. An die Sonne (1778)

1
Sonne, dir jauchzet, bei deinem Erwachen, der Erdkreis entgegen,
2
Dir das Wogengeräusch des erdumgürtenden Meeres!
3
Fliehend rollet der Wagen der Nacht, in nichtige Wolken
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Eingehüllet, und schwindet hinab in die schauernde Tiefe!
5
Segnend strahlst du herauf, und bräutlich kränzet die Erde
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Dir die flammenden Schläfen mit tauendem Purpurgewölke!
7
Alles freuet sich dein! In schimmernde Feiergewande
8
Kleidest du den Himmel, die Erd' und die Fluten des Meeres!
9
Siehe, du leitest am rosigen Gängelbande den jungen
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Freundlichen Tag; er hüllt sich in deine Safrangewande:
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Aber, wie wachsen so schnell die Kräfte des himmlischen Jünglings!
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Feuriger blickt er, und greift nach deinem strahlenden Köcher,
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Und schon schnellt er vom goldenen Bogen flammende Pfeile!
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Zürne, Himmlischer, nicht! und soll dein Bogen ertönen,
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O, so richte dein furchtbar Geschoß auf des Oceans Fluten,
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Auf der schneeichten Alpen herunterschmelzende Gipfel,
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Und auf sandige Wüsten, die Löwen und Tiger durchirren!
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Zürne, Himmlischer, nicht! Dir flehn der Vögel Gesänge;
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Dir der säuselnde Wald, und dir die duftende Blume!
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Wollest nicht des wehenden Zephyrs Flügel versengen!
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Wollest nicht austrinken das Labsal kühlender Quellen!
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Wollest vom zarten Gräschen den krümmenden Tropfen nicht nehmen!

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Sonne, lächle der Erd', und geuß aus strahlender Urne
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Leben auf die Natur! Du hast die Fülle des Lebens;
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Schöpfest, näher dem Himmel, aus himmlischen Quellen und dürstest
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Selber nimmer! Als Gott aus seiner gürtenden Allmacht,
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Wie aus gürtendem Schlauch ein Sämann, Sonnen dahinwarf,
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Millionen auf
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Rief er, Sonnen, euch zu: verbreitet Leben und Wärme
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Auf die dürftigen Erden! Erbarmt euch der Dürstenden, daß ich
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Mich am großen Abend des Himmels euer erbarme!
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Also rief er. Gedenke deß, o Strahlende! Früher
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Oder später kommt der große Abend des Himmels,
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Da ihr alle, zahlloses Heer von mächtigen Sonnen,
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Werdet, wie Mücken am Sommerabend in Teiche sich stürzen,
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Mit erbleichenden Strahlen herunterfallen vom Himmel!
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Euer harren Gottes Gerichte, Gottes Erbarmung!
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Wähne nicht zu vergehn! Der große Geber des Lebens
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Wird gefallene Mücken, gefallene Sonnen in neues
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Leben rufen! Wie du auf schwärmende Mücken herabschaust,
41
Schaut er ewig herab auf alle kreisenden Himmel!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg
(17501819)

* 07.11.1750 in Bad Bramstedt, † 05.12.1819 in Gut Sondermühlen

männlich, geb. Stolberg

deutscher Politiker und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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