46. Hellebek, eine seeländische Gegend

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Friedrich Leopold Graf zu Stolberg: 46. Hellebek, eine seeländische Gegend (1776)

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Die mich oft auf wehenden Flügeln des rosigen Morgens,
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Oft in tauenden Düften der Abendkühle besuchte,
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Die mir begegnet' auf hangenden Pfaden der heiligen Alpen,
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Und auf grünlichen Wellen des Sees im tanzenden Nachen
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Mich ergriff, daß ich dem Sohne der Felsenkluft zurief:
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»warum stürzest du, Jüngling, herab die donnernden Fluten
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In den stilleren See? Noch bist du frei, wie die Götter!
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Wie die Götter, noch stark! dort unten harret der Knechtschaft
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Ruhe dein! Enteile nicht, Jüngling, dem näheren Himmel!«
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O Begeistrung, wo warst du, da ich, mit flehender Stimme,
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Dich in mitternächtlicher Stunde, vom Monde beschienen,
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Einsamwallend am Ufer des wogenrauschenden Meeres,
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In der Fluten Geräusch, im Schimmer der Sterne dich suchte? –
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Sanft umsäuselten mich und hehr die nächtlichen Schauer;
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Sinkendes Abendrot weilte noch über Schwedens Gebirge,
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Und es tanzten die rötlichen Gipfel auf Wogen des Nordmeers.
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Heller strahlte der Sund, vom steigenden Monde beschienen;
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Lieblich glitten auf beiden Meeren, mit schwellendem Segel,
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Schiffe, mit ruhenden Blitzen gerüstet, und hüpfende Nachen,
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Hier im Mondschein, dort im sterbenden Schimmer des Abends.
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Über mich wehten auf hohem Gestade die heiligen Buchen,
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Deren kein nordischer Sturm, kein Sturm von Osten geschonet.
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Blitzzerschmetterten Wipfeln entsauset festliches Rauschen,
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Das mit Erinnrung und Ahndung den ernsten Waller erfüllet.
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Ach! mir lispelte freundlich die Stimme der jungen Erinnrung;
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Denn hier sah ich vor wenigen Stunden, mit euch, ihr Geliebten!
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Sinken die Sonn' in Wogen des unermeßlichen Meeres.
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Siehe hier den Stein, an welchem Emilia hinsank,
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Stillerrötend vom Schimmer des Abends und sanften Gefühlen;
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Und wir sanken zu ihren Füßen – von Seligkeit trunken
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Irrte dein Blick, o Freund! Von ihren Augen zur Sonne,
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Von der Sonne zu ihren Augen! Dir strahlte sie minder
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Schön in Wogen des Meers, als in Emiliens Thränen.

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Siehe, nun war die Sonne gesunken! Nun sausten die Wipfel
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Lauter, und lauter rauschten am Ufer die purpurnen Fluten!
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Nun umschwebten uns Bilder der Vorzeit; die Leier von Selma
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Tönet' um uns, um uns die liebliche Stimme von Kona.
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Da erhuben wir uns auf Lochlins hohem Gestade,
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Sahen jenseit des Meers, am Fuße des Felsengebirges,
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Starnos unwirtbaren Wohnplatz. Dort landete Fingal; dort sah er
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Agandecka; dort liebten sich Fingal und Agandecka.
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Ach! gleich einem Sterne, der finstre Wolken durchschimmert,
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Sah er das Fräulein zuerst. In ihrem wallenden Busen
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Stieg das Bild des Helden empor, wie die steigende Sonne.
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Starno laurte mit Ränken auf ihn; da bebte des Fräuleins
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Heimliche Thräne; da schlich sie zu ihm in schweigender Stunde:
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»sohn der hallenden Selma, dich will mein Vater ermorden!
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Fleuch! dein harren im Walde versteckt die Söhne des Todes
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Fleuch, und rette mich, Held, aus der Hand des zürnenden Vaters!« –
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Unbekümmert ging er zur Jagd; die Söhne des Todes
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Fielen durch ihn, und Gormal erscholl von der fallenden Rüstung.
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Starno blickte finster umher: »Auf, rufet das Mägdlein,
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Daß ihr reiche die blutige Hand der König von Morven!«
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Bleich erschien, mit fliegendem Haar, das liebliche Mägdlein;
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Seufzend hob sich ihr Busen, wie Schaum des strömenden Lubar;
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Stille Thränen entstürzten den niederblickenden Augen;
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Starno wandte sein Haupt, und durchstach sie – Agandecka
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Fiel, wie rollender Schnee, der Ronans Felsen entgleitet;
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Schweigend lauschen die Haine der Stimme des hallenden Thales.
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Fingal blickt' auf die Helden umher. Da flohen und sanken
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Lochlins Krieger. Er brachte das Fräulein mit sinkenden Locken
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Auf sein Schiff, und suchte die grünende Küste von Morven.
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Dort erhebt sich ihr Grab auf einem einsamen Hügel.
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Agandeckas Wohnung umrauschen die Wogen des Weltmeers.
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Oft umtönte den Hügel die liebliche Stimme von Kona,
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Ossians Leier, mit ihr die Stimme der sanften Malvina.

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So umwallten uns manche Gesichte der grauenden Vorzeit.
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Sie entschwebten dem Wogengeräusch des heiligen Meeres,
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Dem Gesäusel der Buchen, dem roten und tauenden Himmel.

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Lange wallten wir noch am hohen Ufer, und sahen
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Unter uns drei ruhige Hütten, ans steile Gestade
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Angelehnt, und freundlich genetzt von der schmeichelnden Welle.
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Lämmer weideten zwischen den Hütten im wankenden Grase,
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Und am kühlenden Born mit sprudelndem Silbergestäube.
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Weiden und blühende Flieder umschatten die mittelste Hütte.
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Lächelnd weilte beim lieblichen Anblick Emiliens Auge.
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»from sind deine Bewohner, du moosige Hütte!« sie sprach es,
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Und es suchet' ihr Blick den Pfad zur moosigen Hütte.
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Süße Schauer ergriffen dich, Freundin! O, laß dir erzählen,
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Welche Schauer es waren, und wer die Schauer dir sandte!
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Fromme Seelen, das wußtest du nicht! umschwebten dich leise,
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Wehten dir Empfindungen zu und lispelten freundlich.
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Diese Bäume waren noch nicht; auf eben der Stätte
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Waren Hütten gebaut und waren Hütten gesunken,
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Und, in ähnlicher Wohnung, von ähnlichen Bäumen umschattet,
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Lebte Sveno hier, mit seinem Weibe Gotilde,
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Seinen mutigen Söhnen und zartaufblühenden Töchtern.
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Äcker hatten sie nicht; sie lebten von Früchten des Gartens,
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Von der einzigen Kuh, dem Netze, der schwankenden Angel
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Oftmal saßen sie hier, gekühlt von freundlichen Lüften,
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Wenn die Abendsonne das flutende Weltmeer erhellte,
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Bis sich über den Sund die östlichen Schimmer des Mondes
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Zitternd erhuben, und heimzukehren die Glücklichen lockten.
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Kummer kannten sie nicht, nur Sorgen der zärtlichen Liebe.
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Einfalt deckte den frohen Tisch, ihn würzte die Freiheit,
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Und es sorgte kein Tag für seine jüngeren Brüder.
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Vater! es bauet der Mensch sein Haus; es nistet die Schwalbe
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Im Gesimse; du nährest die Schwalbe! du nährest den Menschen!
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Frühe fuhr täglich Sveno ins Meer mit täuschendem Netze,
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Oft die Söhne mit ihm, oft Weib und Töchter und Söhne.
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Also fuhren sie einst zusammen, und freuten sich herzlich
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Über den Mond und den Morgenstern und den kommenden Morgen.
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»sveno, wie gleitet der Nachen so sanft!« – »So führt uns, Gotilde,
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Gott durchs Leben, hinüber ins Land der ewigen Ruhe!« –
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Freudig sagt es der Mann, und thränend erwidert Gotilde:
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»wer von uns wird zuerst, o Sveno, den andern verlassen?
107
Wer von uns zuletzt die Kinder als Waisen verlassen?« –
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»wie Gott will! – Nun rudert, ihr Knaben! Es schwellen die Fluten.«
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Vater und Knaben ruderten rasch; es lächelte weinend,
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Auf die augenverbergende Hand gestützet, Gotilde.
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Gott sah ihre Thränen, und rief dem Winde. Schon rauschte
112
Höher die Flut; schon brauste der Sturm; schon tobte die Windsbraut,
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Daß das Segel zerriß, eh sie's zu senken vermochten.
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Vater und Knaben ruderten rasch. Nun weinte die Mutter
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Laut empor; es weinten wie sie die zagenden Töchter,
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Bis die Welle sich türmender hob, den Nachen am Felsen
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Warf, und Vater und Mutter und Kinder aus einmal hinabschlang. –
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Engel schwebten über der Flut; so schwebet der Bogen
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Gottes über der stäubenden Flut des stürzenden Stromes.
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Ach! nun schweben mit ihnen die Seelen im strahlenden Fluge
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Alle zugleich hinüber ins Land der ewigen Ruhe.
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Ihre Leichen trennte das Meer nicht, und wiegte sie sorgsam
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Ans Gestad, und weinend begrub sie, unter der Buchen
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Auf dem Hügel, der Nachbar, wo uns, im Hauche des Abends,
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Heitre Gedanken von Tod und Auferstehung umschwebten.

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Sonne, du steigst, und sinkest, um wieder zu steigen! Einst wirst du
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Sinken in ewige Nacht! – Dann fragen sich wundernd die Sterne:
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»warum säumt die leuchtende Schwester im purpurnen Lager?
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Weilt sie im kühlenden Bade des Meers?« – Im Bade des Meeres
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Weilt sie nicht, und nicht in ihrem purpurnen Lager.
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Sterne, sie starb! – Einst sterbt ihr wie sie, ihr Söhne des Lichtes! –
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Ach! die goldene Saat von Sonnen und Sternen und Monden
133
Rauschet entgegen der Sichel des Todes, und neue Gefilde
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Keimen empor, dereinst mit neuen Saaten gekrönet,
135
Bis auch diese das rollende Jahr des Himmels gereifet! –
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Laß sie rollen, die Jahre des Himmels! Mit Saaten der Schöpfung
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Und mit Ernten der Schöpfung ein jedes bereichert! Wir werden
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Säen sehn und ernten, geschmückt mit ewiger Jugend!

139
Solche Gedanken führten uns heim. Wir freuten uns innig
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Unsers unsterblichen Lebens und unsrer ewigen Freundschaft.

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Freunde! die Göttin verläßt mich, sonst säng' ich die lieblichen Haine,
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Sie, mit Bächen gewässert, geschmückt mit Hügeln und Thälern,
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Und die zwanzig Seen mit Eichen und Buchen umkränzet.

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Ach Begeistrung! Melodisch erscholl der Flug deiner Ankunft,
145
Nun enteilest du mir im schwebenden Saitengelispel.
146
Kehre wieder und bald aus deiner tönenden Halle!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg
(17501819)

* 07.11.1750 in Bad Bramstedt, † 05.12.1819 in Gut Sondermühlen

männlich, geb. Stolberg

deutscher Politiker und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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