Muse, lass' uns nunmehr aus unterirdischen Reichen

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariä: Muse, lass' uns nunmehr aus unterirdischen Reichen Titel entspricht 1. Vers(1751)

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Muse, lass' uns nunmehr aus unterirdischen Reichen
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Wieder zur Oberwelt kehren! Und wenn du mit goldener Leier
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Mir die einsamen Stunden versüßt, und wenn dich Rosaura
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Mit holdseligem Beifall beehrt, so höre gelassen,
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Was der tiefgelehrte Pedant, das spitzige Fräulein,
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Oder der Duns in der Knotenperücke zum Hohne dir sagen.

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Conrad hatte nunmehr das Mausoleum des Katers
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Mit der letzten Erde bedeckt. Er hob nun den Spaten
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Auf die breiten Schultern, und ging, stillschweigend und feiernd,
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Ueber den Edelhof weg. So wenden sich Todtengräber
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Langsam feierlich wieder zurück, wenn unter dem Beileid
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Christlicher Juden und Wechsler ein reicher Geizhals verscharrt ist.
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Ihn sah über den Hof Rosaura; da stiegen ihr Thränen
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In die himmlischen Augen; sie rührten den ehrlichen Raban,
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Und er begleitete sie mit seinem zärtlichen Mitleid.
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Endlich brach Rosaura das traurige Schweigen und sagte:
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Geh' nun hin, getreue Lisette, bezahle den Gärtner
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Für den letzten dem Cyper erwiesenen Dienst, und befiehl ihm
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Veilchen zu pflücken, damit ich sein Grab mit Blumen bestreue!

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Also Rosaura; darauf nahm sie den Hut und stieg mit dem Onkel
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Ueber den Hof. – Am Graben der Burg stehn heilige Linden
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Mit den dicken waldigen Wipfeln bei zackigen Tannen.
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Ihre Wurzeln waschen beständig die silbernen Wellen,
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Und ein höheres Grün belebet die saftigen Zweige.
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In der Mitte strecket ihr Haupt die größte von allen
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Stolz zu den Wolken empor; es wohnen die Vögel des Himmels
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Im ehrwürdigen Baum, der fast den Augen ein Wald scheint.
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Ein erfrischender Balsamgeruch von Thymiansbüschen
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Und Lavendel herrschet allhier; und über dem Rasen
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Blitzen viel tausend gesternte Ranunkeln und schimmernde Blumen,
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Welche die wilde Natur, die Kunst zu beschämen, hervorbringt.
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Hier lag Murner am Fuß der großen Linde verscharret;
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Angenehm war sein einsames Grab von Bäumen umschattet,
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Gleich den Gräbern der Alten, die nicht mit Leichengerüchen
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Ihre Tempel erfüllt, und todt noch Seuchen erweckten.
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Bei dem Grabe standen Rosaura, der Onkel, mit ihnen
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Conrad, Lisette, nebst Herrmann, dem Jäger. Die holde Rosaura
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Nahm zwei Hände voll Veilchen, und streute sie über das Grabmal
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Ihres geliebten Cypers. Da nahm der Jäger sein Jagdhorn,
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Wie der gehörnete Mond gestaltet, von männlichen Schultern,
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Und fing an mit kläglichem Ton in die Haine zu blasen,
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Wie nach Jägers Gebrauch der todte Hase beklagt wird.
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Alle Hunde wurden d'rauf laut; auch kamen die Katzen
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Auf den Dächern des Schlosses zusammen, und heulten erbärmlich
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Ueber den Tod des treuen Gefährten, da Ratten und Mäuse
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Heimlich jauchzten und Festtage hielten, daß Cyper gefallen.
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Endlich wandte Rosaura sich von dem Grabe; sie sprach noch,
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Als sie ging: So ruhet denn sanft im Schatten der Linden,
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Werthe Gebeine des Cypers! O, daß nicht die Musen die Stirne
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Mir mit Lorbeer gekrönt, und daß nicht hier in dem Dorfe
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Jemand die Sprache der Götter gelernt; sonst sollte dein Name,
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Zu den Sternen erhöht, den spätesten Zeiten noch werth seyn.
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So das Fräulein, und kehrte zurück nach ihren Gemächern.

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Fama begab sich indeß mit ihrer hellen Posaune
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Durch das Dorf, und ließ sich herab zum Hause des Küsters,
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Welcher mit majestätischem Ernst die Jugend des Dorfes
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Vor sich sah. Mit lautem Geschrei und stammelnder Zunge
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Wiederholen sie oft die schweren Versuche zum Lesen.
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Ihm naht sich die Göttin und spricht: Du Liebling Apollo's,
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Schweigst du jetzt bei'm Tode des Cypers des gnädigen Fräuleins
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Und versäumst nachlässig, unsterblichen Ruhm zu erlangen?
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Gab die Natur dir umsonst die Wundergabe zu reimen,
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Neujahrswünsche zu machen, mit mancher poetischen Inschrift
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Häuser und Scheuern zu zieren? Und jetzo wolltest du zaudern,
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Einen klingenden Vers dem Cyper zu Ehren zu machen?
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Also goß sie den dicht'rischen Trieb in die Seele des Küsters,
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Der sich erhob vom krachenden Thron, aus Binsen geflochten.
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Und sogleich der lärmenden Schule die Freiheit ertheilte.
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Wie die Heerde geschwätziger Gänse, vom Schießhund gejaget,
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Mit Geschrei über die Lüfte sich hebt, und über dem Dorfteich
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In das sichre Schilf sich rettet, so drangen die Knaben
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Jauchzend aus ihrem dumpfigen Kerker und liefen zum Spielplatz,
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Wo mit Jubelgeschrei der elastische Ball in die Luft stieg.
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Aber der Küster steckte die Fasces des wichtigen Lehramts,
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Seine birkene Ruth' und den Stock, an das schwitzende Fenster.
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Jetzo war er allein. Er nahm die zaub'rische Feder,
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Zog an der Stirne schreckliche Runzeln, verkehrte die Augen,
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Und fing an mit tiefen Gedanken auf Reime zu sinnen.
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Dreimal schmiß er die Feder halb aufgefressen zur Erde,
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Dreimal beschwor er die Muse und seinen getreuesten Hübner.
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Endlich sprang er freudenvoll auf und las mit Entzücken
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Den erstaunenden Wänden die herrliche Grabschrift der Katze.
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Muse! dir ist nichts verhüllt, erzähle der Nachwelt die Grabschrift,
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Wenn dein freierer Vers nicht vor den Reimen zurückbebt.
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Also lautete sie:

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Hier liegt ein Kater der schönsten Art,
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Der Cyper von Fräulein Rosauren zart.
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Zu seinen Ehr'n hat dieses gestellt
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Der Küster Martin Schinkenfeld.

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Als er nunmehr auf Papier, mit Todtenköpfen gezieret,
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Diese Reime gemalet und seine Perücke gekämmet,
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Ging er voll Hochmuth zum Schloß und überreichte Rosauren
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Feierlich seine Geburt mit krummem, scharrendem Fuße.
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Lächelnd nahm Rosaura die Grabschrift und sagte: Herr Küster,
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Dieses werde dem Cyper zu Ehren in Marmor geätzet,
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Als ein ewiges Denkmal sein frühes Grab zu bedecken.
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Ihm, dem Dichter, sollen zwei Lüneburgische Rosse,
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Welche, noch neu, im Silbergewölk die Nasen erheben,
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Seine Mühe versüßen. So sprach sie, und schickte den Jäger
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Nach dem Steinmetz, welcher die Grabschrift mit künstlichem Griffel
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Auf den adrischen Marmor schrieb. Er liegt nun auf ewig
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Ueber der Gruft; der gefällige Fremde betrachtet ihn oftmals;
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Und der neugierige Wand'rer erzählt in fernen Provinzen
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Von dem redenden Stein. So steigt der Name des Cypers
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Zu den Sternen hinauf und reicht in die fernesten Zeiten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariä
(17261777)

* 01.05.1726 in Frankenhausen, † 30.01.1777 in Braunschweig

männlich, geb. Zachariae

deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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