Kaum beherrschte Lisette nunmehr das eisame Zimmer

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariä: Kaum beherrschte Lisette nunmehr das eisame Zimmer Titel entspricht 1. Vers(1751)

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Kaum beherrschte Lisette nunmehr das eisame Zimmer
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Unumschränkt und allein, so nahm sie die Maske der Trauer
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Von dem Gesicht, und war nicht mehr der Seufzer Rosaurens
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Stets gefälliges Echo. Sie warf auf den Leichnam des Katers,
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Den sie so sehr im Leben gehaßt, zufriedene Blicke.
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Also schaut der würgende Sieger zufrieden in's Schlachtfeld;
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Weidet die Augen am Blut der Erschlagenen; die wiehernden Rosse
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Tragen ihn hoch auf Leichnamen her. – Indem die Posaune
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Siegender Heerschaaren um ihn ertönt, so dünkt er ein Gott sich.
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Höhnisch stieß die erbitterte Zofe den blutigen Leichnam
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Mit dem Fuß, doch riß sie vorher mit entweihenden Händen
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Von dem Halse den blendenden Purpur, mit silbernen Blumen,
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Und mit Laubwerk gestickt; besah ihn mit geizigen Blicken,
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Rollt ihn zusammen und sprach: Dem Himmel sey Dank, daß du endlich
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Deinen verräth'rischen Hals gebrochen, verworf'nes Geschöpfe!
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Wohl mir, daß ich dich todt, du falsche Bestie, sehe!
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O, wie bin ich so sicher nunmehr, daß künftig mein Fräulein
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In dem Schooße dich wiegt und dich aus Zärtlichkeit küsset.
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Pfui! wie konnten die schönsten Lippen so zärtlich dich küssen,
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Und wie konnte die weicheste Hand dein Fuchshaar so streicheln!
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Geh' nun hin, du hungriger Räuber, und friß mir den Braten,
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Oder das braune Ragout, das ich vom Munde mir sparte!
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Geh' nun hin und würge dir Tauben, und hole dir ferner
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Papageyen zum leckeren Fraß! es sey dir erlaubet!

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Also spottete sie des armen getödteten Murners.
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O, wie plötzlich ändern sich nicht die gleißenden Reden
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Eines veränderten Hofs, der nichts mehr fürchtet und hoffet!
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Jetzt eröffnete Lisette das Fenster; sie fasset den Körper
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Bei dem hintersten Bein, und wirft ihn zum Fenster herunter
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Auf den schimpflichen Mist. So stürzten die Statuen eh'mals
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Eines Tyrannen herab; so ward das Schrecken der Römer,
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Nun ein verstümmelter Rumpf, in faule Kanäle geschmissen.

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Fern vom traurigen Zimmer befand sich indessen Rosaura
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Bei dem gütigen Alten, der sie mit holden Gesprächen,
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Von anmuthigen Reisen in's Bad, zu trösten bemüht war,
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Ihr Geschenke versprach von neuen, modischen Stoffen,
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Und mit Soucis, und Lila, und Dauphine sie erfreute.
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Muntrer kam sie zu ihrem Gemach; des Lieblings vergessend,
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Denket sie nicht an sein Grab, und setzt zum Putze sich nieder.
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Schachteln gingen da auf, und Büchsen wurden eröffnet;
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Eisen glühten in schwarzen Vulkanen, und Wolken von Puder
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Wälzten sich gegen den Tag; dann rollte die rasselnde Kutsche
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Glänzender Fremden über den Hof. Es dampfte die Küche
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Hohen Geruch von Braten, Pasteten und kräftigen Brühen.
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Eine muntere Tafel, von leichten Scherzen umflattert,
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Schmauste den langen Nachmittag durch; die hellen Pokale
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Taumelten unter den Junkern herum, bis durch die Gewölke
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Freundlich der Abendstern blinkte; da unterdessen das Fräulein,
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Von der horchenden Schaar am silbernen Flügel umringet,
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Mit dem holden Gesang die eilenden Stunden verkürzte.
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So ward alles Leid und alle Trauer vergessen.

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Und nun eilte bereits die murrende Seele des Katers
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Zu der Hölle hinab. – Verzeiht es, Stygische Mächte
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Ihr Beherrscher der Seelen, ihr einsamen Schatten; du, Chaos,
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Phlegeton, und ihr öden Behausungen, daß ich es wage,
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Vor der Lebenden Blick des Abgrunds Tiefen zu zeigen,
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Murner wandelte fort durch dicke Cimmerische Nächte
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Ueber Pluto's finstre Gefilde. Der Vorhof der Hölle
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Schlang ihn ein. Da wohnten die Klagen, die räch'rischen Sorgen,
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Bleiche, tödtliche Seuchen, das traurige Alter, der Hunger,
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Armuth und Furcht. Viel scheußliche Larven, der Krieg und die Zwietracht
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Mit dem Schlangenhaar hauseten hier. In rauschenden Hainen
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Dunkeler Ulmen flatterten da die schrecklichen Träume.
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Schaarenweis gingen hier auch viel schreckende Ungeheuer,
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Wilde Centauren, Gorgonen, Hyänen und schmutzige Harpyen.
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Bang und zitternd eilete Murner durch diese Gestalten
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Zu den Stygischen Ufern, und wallte verlassen und traurig
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Am Gestade des dunkeln Cocytus. Es brausten die Wasser
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Unaufhaltsam und wild zu den Pforten des Todes hinüber.
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Durch sie fuhr der finstere Charon; ein schmutziger Alter,
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Dessen grauer, verworrener Bart den Gürtel herabfloß.
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Mürrisch saß er im Kahn und steuerte langsam sein Fahrzeug
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Gegen die brausende Fluth zum Ufer, wo Schaaren von Seelen
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Zum Gestade sich drängten. Hier gingen unter einander
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Fürsten, Komödianten und Dichter, und Huren und Nonnen,
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Goldmacher, Räuber und Prokuratoren, und Aerzte; mit ihnen
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Todtengräber, nebst lachenden Erben. Auch gingen hier Seelen
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Vornehmer Damen, mit Seelen von Hunden und Katzen, und Vögeln;
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Da die Schatten indeß von ihren verachteten Kindern
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Einsam an dem Gestade zur Mutter die Stimmen erhuben,
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Welche sie vornehm verließ und lieber die Seele des Hündchens,
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Ihres Vergnügens im Leben in Charons Nachen mit wegnahm,
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Wie im Herbste der Nord die gelbgewordenen Wälder
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Brausend durchfährt, und dicke Wolken von fallenden Blättern
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Ueber die Thäler verstreut; und wie an Thulens Gestaden
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Schreiende Schaaren von wandernden Vögeln die Wogen bedecken:
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Also stürzten die Schatten zum Ufer, und streckten die Hände
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Bittend zum Charon empor, der einige Bittende einnahm,
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Aber andre mit schwankendem Ruder vom Kahne zurückhielt.
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Denn der mürrische Greis führt keine verstorbenen Seelen
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Ueber die Stygischen Wasser und hohen Cocytischen Fluthen,
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Wenn nicht ihr Körper auf Erden die letzten Ehren erhalten
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So ward auch der Schatten des Katers vom Fahrzeug entfernet.
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Traurig ging er am Ufer herum, und hoffte vergebens
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Ueber den Fluß zu kommen. Er sprang zuletzt in die Fluthen,
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Und versuchte herüber zu schwimmen; doch Charon ergriff ihn
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Mit dem mächtigen Ruder, und schlug ihn zum Ufer zurücke.
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Voller Verzweiflung mischt' er sich d'rauf zu bleichen Gespenstern,
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Welche zur Oberwelt eilten, und kam mit ihnen von Neuem
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Zu dem Schlosse zurück, wo sein verachteter Leichnam
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Auf dem Miste noch lag, dem Knecht und der Viehmagd zum Abscheu.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariä
(17261777)

* 01.05.1726 in Frankenhausen, † 30.01.1777 in Braunschweig

männlich, geb. Zachariae

deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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