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Du, o holde Rosaura, die du das Ende des Lieblings
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Fast drei Stunden beweint; (wie öfters weinet so lang' nicht
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Um den Tod des podagrischen Manns die buhl'rische Wittwe!)
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Holde Rosaura, beseele dies Lied mit dem siegenden Auge,
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Welches so viele Herzen entflammt, und lächle der Muse
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Würdige Kühnheit in's Herz, wenn sie die Stygischen Wasser
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Unter sich brausen hört, und zu den traurigen Schaaren
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Wandelnder Schatten sich mischt, die Charons Ueberfahrt fordern!
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Mitten in einem veralteten Schloß am Ufer der Elbe
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Wohnte der ehrliche Raban mit seiner Nichte Rosaura.
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Artiger war kein Fräulein umher, als seine Rosaura;
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Holder waren die Grazien nicht, und schöner nicht Venus,
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Als sie, vom Schaume des Meers noch tröpfelnd, die Fluthen herausstieg,
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Zärtlich liebte die Nichte den Onkel, und was sie nur wünschte,
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War zu ihrem Befehl; doch wünschte das Fräulein nur wenig,
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Welches d'rum mehr noch das Herz des häuslichen Alten ihr neigte.
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Einsam im Zimmer, zufrieden mit sich, durchlebte sie Tage,
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Nicht vom Neide getrübt, noch von dem Stolze verdunkelt.
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Mit ihr wohnten in einem Gemach zwei gesellige Thiere,
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Cyper, ein fleckiger Kater, und ein geschwätziges Papchen,
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Welches über das Weltmeer kam, und seiner Gebiet'rin
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Manche Stunde, so gut wie ein leerer Stutzer, verplaudert.
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Eben hatte der weichende Winter von stürmischen Schwingen
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Seine letzten Schauer von rieselndem Hagel geschüttelt;
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Ueber sanft wallende bunte Tapeten und Veilchen und Tulpen
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Fuhr im Triumph der Frühling daher; und Pandions Tochter
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Stammelte schon gebrochene Versuche zu mächtigen Liedern
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Unter halbgrünendem Laub; als an dem östlichen Himmel
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Blutroth sich Aurora erhob, und schneidende Lüfte
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Vor ihr her das einsame Schloß lautheulend umbrausten.
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Daß die murrende Magd zum Vorrath des Holzes hinabstieg,
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Und von Neuem wohlthätige Feuer die Ofen erhitzten.
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Jetzt kam Cyper über das Dach. Er hatte die Nacht durch
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Einsame Böden durchirrt, und Legionen von Ratten
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Aus einander gejagt; mit ihrem rinnenden Blute
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Seinen zähnvollen Rachen genetzt, und trunken von Siegen
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Ueber die todten Leichname her sich brüllend gewälzet.
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Leise schlüpft' er zum Zimmer hinein, als eben die Zofe
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Brausendes Wasser geholt, mit sanftem Chinesischen Tranke
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Ihre Gebiet'rin zu wecken. Doch als sie das gnädige Fräulein
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Schlummernd noch fand, da fiel auf's Neu' der rauschende Vorhang
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Wieder über das seidne Bett, und schleichend verließ sie
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Ihrer Fräulein Gemach. Von Abenteuern ermüdet,
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Legte nun Cyper sich hin dicht an den glühenden Ofen;
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Streckte die Löwenklauen von sich, und sank bald geruhig
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In den süßesten Schlaf. Die phantasirenden Sinne
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Schweiften in güldenen Träumen umher. Er sah die Gestalten
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Schöner Katzen versammelt um sich, und hörte die Seufzer,
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Welche vom moosigen Dach, von alten verwachs'nen Gemäuern,
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In vertraulicher Nacht um seinetwegen erschollen,
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Und dann dünkt' ihm, er läge Rosauren vertraulich im Schooße,
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Würde von ihrer marmornen Hand liebkosend gestreichelt,
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Und vom hölzernen Junker und zierlichen Fähndrich beneidet.
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Eitle Gedanken! Er sollte nicht mehr die Höhlen der Ratten,
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Noch die Geliebten, Minzchen, besuchen! er sollte nicht wieder,
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In Rosaurens Armen gewiegt, sanftschnurrend entschlummern!
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Eine der Furien, welche das Herz der wildesten Xanthippe
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Mit der brennenden Fackel zum Zank mit dem Eh'mann entflammet;
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Wollte die Oberwelt jetzt mit der finstern Hölle vertauschen,
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Und flog, scheußlich und schwarz, auf einer stinkenden Wolke,
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Bei Rosaurens Fenster vorbei. Ihr plauderndes Papchen
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Saß im drähternen Haus, und rief laut schimpfend: Du Scheusal!
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Als die schlangenhaarige Furie bei ihm vorbei flog.
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Auch die Furien tragen den Stolz im scheußlichen Busen,
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Schön zu seyn, zum Mindesten schön für der Hölle Bewohner.
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Selbst Alekto war Dame genug, voll Zorn zu entbrennen,
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Daß sie der Vogel für häßlich geschimpft. Wie leicht, o Verweg'ner,
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(sagte sie bei sich selbst) kann dich Alekto bestrafen!
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Deinen verräth'rischen Hals könnt' ich im Zorne dir umdrehn,
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Oder mit dieser höllischen Fackel zu Asche dich brennen!
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Aber du bist zu klein für einer unsterblichen Göttin
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Eigene Hand! Geh', schimpfe mich mehr im Magen des Katers,
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Der hier schläft, und welchem ich dich zum Opfer bestimme!
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Rasend für Wuth begab sich Alekto zum schlafenden Kater;
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Hauchte mit Mordsucht ihn an, und sprach mit gleißenden Worten:
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Ist es möglich? du schnarchst hier ruhig unter dem Ofen,
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Edler Murner, du Zierde der Kater; und hast es vergessen,
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Daß dich die Ehre zu herrlichen Thaten, zu Siegen gerufen,
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Welche vor dir kein Kater erstritt? – Verwandter der Tiger,
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Willst du die Schaaren allein der fliehenden Mäuse verfolgen,
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Und mit tapferer Klau' langschwanzige Ratten nur würgen?
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Durstet dich nicht nach edlerem Blut? O siehe, wie trotzig
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Sitzt der Liebling Rosaurens in seinem güldenen Käfich,
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Schimpft nach seinem Gefallen dich aus, und waget oft selber
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Flüche wider die holde Rosaura, worüber sie lächelt,
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Und ihn mit gütigem Blick und Schmeicheleien belohnet,
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Da sie indeß dich, Cyper, vergißt. O leide nicht länger,
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Da der geschwätzige Vogel die Gunst des Fräuleins dir raube,
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Und den männlichen Laut von deiner Stimme verspotte,
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Wenn er so oft dich lächerlich macht! Den Plauderer schützet
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Nur sein Käfich umsonst! Wie mancher Canarienvogel
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Ward von deinen tapferen Ahnen im Käfich zerrissen!
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Würge denn du auch den plaudernden Spötter und streu' im Triumphe
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Seine Federn, worauf er stolzirt, in alle vier Winde!
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Also sagte die höllische Göttin. Der Kater erwachte,
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Sah mit funkelnden Augen umher und brüllte nach Blute.
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Wie ein Blitz sich vom hohen Olymp in die Felder hinabreißt
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Und den blühenden Baum zerschmettert, worunter der Schäfer
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Oft auf seinem harmonischen Horn die Auen ergötzet:
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So riß Cyper sich auch, den Nebenbuhler zu tödten,
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Unter dem Ofen hervor, und sprang so behend wie ein Panther
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Auf den goldenen Käfich. Der Vogel sinket vor Schrecken
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Auf den Boden des Käfichs; doch hätt' ihn Cyper unfehlbar
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Voller Mordsucht gewürgt, wenn nicht der ehrliche Raban
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Auf das wilde Geschrei dem Vogel zu Hülfe geeilet.
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Eben hatte der häusliche Greis den knotigen Dornstock,
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Seinen Feldstab, in zitternder Hand; kaum sah er den Kater
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Ueber den Käfig geklammert, so schlug er mit männlichen Kräften
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Seiner Nichte Liebling auf's Haupt. Die grausame Parce
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Schnitt sein neunfaches Leben entzwei, und Cyper, entseelet,
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Fiel vom Käfich, der Käfich auf ihn, und über den Käfich
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Stürzte der Alte; vom donnernden Lärm erbebte das Zimmer!
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Aengstlich erwacht die holde Rosaura vom wüsten Getümmel;
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Fliegt im leichten Gewand zu ihrem Gemache, worin sie
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Mit erstarrendem Blick das blutige Trauerspiel wahrnimmt.
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Dreimal klang mit ängstlichem Schall die silberne Schelle
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Durch das hallende Schloß; doch eh' Lisette sich nahet,
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Hilft das Fräulein dem Alten bereits in den sammeten Lehnstuhl.
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Als er Athem geschöpft, erhub er zur weinenden Nichte,
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Welche den Leichnam des Cypers erblickt, die donnernde Stimme:
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Siehe, der Hund! Schon war er bereit, den Papen zu würgen!
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Doch, potz Stern! ich habe noch Kraft in den Knochen! da liegt er
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Todt der gierige Räuber! Er thut es nicht wieder, ich wette!
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Also sprach er prahlend und stolz, und drohte noch dreimal
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Mit dem knotigen Stock dem schon verblichenen Cyper.
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Aber das Fräulein weinte laut; ihr Antlitz verbarg sich
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Tief in ihr Schnupftuch, mit Thränen genetzt sie fiel in den Lehnstuhl.
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Sage mir, Muse, die schmerzlichen Klagen des traurigen Fräuleins,
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Und vergiß nicht das laute Geheul der Zofe Lisette,
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Welche der Wiederhall ward von ihrem gnädigen Fräulein.
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Armes Cyperchen! (seufzete laut die holde Rosaura)
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Welch ein erbärmlicher Tod entreißet dich meiner Gesellschaft! –
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So unrühmlich fällst du dahin in der Blüthe des Lebens,
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Todtgeschlagen, mit einem Stock, unedel und grausam –
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Todtgeschlagen von dem, der dich mir selber geschenket!
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Regt kein Leben sich mehr in dir? Und haben auf ewig
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Deine grünen funkelnden Augen für mich sich geschlossen?
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Werd' ich dir nicht mehr den Knebelbart streichen und nicht mehr im Dunkeln
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Feuer dem seidenen Haar entlocken? und wirst du mich nicht mehr
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Mit dem krummen Buckel, mit scherzenden Sprüngen ergötzen?
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Also Rosaura. – Die Zofe fuhr fort: Du Krone der Kater,
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O, wie vornehm sahest du aus! Ganz anders, wie Kater
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Niedrer Bauern im Dorf! Dein rothes, schimmerndes Halsband
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Wurde von allen Katzen im ganzen Umkreis beneidet.
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O, wie artig ließ es dir nicht! Nun sollst du vermodern
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Und das schöne Halsband mit dir? das niedliche Halsband,
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Nein! ich nehm' es für mich! es soll nicht mit dir vermodern!
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O, wie rinnet dein purpurnes Blut nicht über dein Haupt her!
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Ja, du bist todt! Du bist es auf ewig, du armer Cyper!
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Als sie dies sprach, erhub sich von Neuem der Fräulein Gewinsel,
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Und der Alte weinete selbst. Er faßte die Nichte
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Bei der Hand und führte sie weg vom traurigen Zimmer.
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Und die Zofe heulete lauter: Der arme Cyper!
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Und das Fräulein antwortete schluchzend: Der arme Cyper!
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Cyper! rufte die Wand, und Cyper! Cyper! der Pape,
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Welcher dem Feind im Tode vergab. Die Furie sah es
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Voller höllischen Fröhlichkeit an, und stürzte sich zischend
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Durch die verdunkelte Luft, und sank in die Fluthen des Orkus.