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In königlichem Pomp'; ein purpurnes Gewand,
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Nicht mehr, wie sonst, das Kleid von wilder Thiere Fellen,
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Floß an dem Ufer hin, und röthete die Wellen.
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Um ihre Stirn bog sich ein frischer Lorbeerkranz;
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Die Wange glühte sanft, und ihrer Augen Glanz
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[4] Schien ungewohnt belebt; aus allen ihren Zügen
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Brach ein glückseelger Tag vom reinesten Vergnügen.
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Der Musen holdes Chor, mit jedem Reitz geziert,
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Drang sich um sie herum, von Gratien geführt;
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Indem um sie schon her die Wissenschaften standen,
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Die mit den Musen nun freundschaftlich sich verbanden.
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Um ihren Thron herum nicht ohn' Entzücken wahr;
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Und voll von einem Glück, das ihr bisher gefehlet,
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Sprach sie, so wie vertraut die Muse mir erzehlet:
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»freundinnen, wie entzückt mich meines Reiches Flor!
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Gerächt für so viel Schwach, heb' ich mein Haupt empor,
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Das eure Lorbeern trägt, mir größre Siegeszeichen,
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Als die im Schlachtfeld mir die Kriegesgötter reichen.
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[5] Kein Sieg hat so viel Glück auf dieses Reich gebracht,
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Als dieser stille Sieg von eurer süssen Macht,
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Durch den die Barbarey aus dem ihr eignen Norden
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Zwar langsam, doch nunmehr auch ganz verjaget worden.
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Mein Adler donnert noch mit ungeschwächter Kraft;
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Schon lange dringt der Ruf von tiefer Wissenschaft,
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Und von Gelehrsamkeit, so sehr den Deutschen eigen,
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In jedes ferne Land. Laßt die Trompete schweigen,
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Die oft bey kleinerm Ruhm partheyisch Fama bläßt;
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Die Wahrheit rühmet uns; der Ruhm, den man uns läßt,
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Ist nicht verachtenswerth; kein Volk hat mehr erfunden,
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Mehr Weise dargestellt, mehr Hindrung überwunden.
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Allein obgleich mein Volk so manche Kunst erdacht,
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[6] So mußt' es doch den Spott der stolzen Nachbarn tragen,
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Da noch Witz und Geschmack in schweren Fesseln lagen.
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Besonders traurtest du, entehrte
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Die Nacht der Barbarey begrub manch groß Genie;
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War groß in Unvernunft, in Reim- und Wortgeklinge.
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Doch endlich kömmt die Zeit, da auch der Deutsche zeigt,
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Der Himmel, den er trinkt, das Land, das ihn gezeugt,
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Sey eben so geschickt, mit mächtgen Influenzen
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Den Dichter zu erhöhn, als unsrer Nachbarn Grenzen.
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So mancher grosse Geist hebt feurig sich empor;
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Von allen Seiten dringt der Glückwunsch in mein Ohr;
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Der Patriot schaut auf, und sieht auf Adlersschwingen
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Der deutschen Dichter Ruhm bis an die Sterne dringen.«
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Aus jedem Aug' ihr zu, da sie die Lippen schloß.
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Itzt aber drang betrübt bis zu der Göttin Füssen
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Hob ungestüm die Brust; tief in dem Auge saß
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Melancholey und Harm und Unmuth – – Sie vergaß,
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Wie sehr das freudge Lob
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Und ließ dem Schmerz den Lauf, den sie im Busen nährte.
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»o Göttinn, (fieng sie an) verzeih, wenn mich das Lob,
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Das zu partheyisch nur, und zu früh mich erhob,
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Wenn mich dies Lob nicht rührt, und statt dir Dank zu sagen,
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Nur Unmuth und Verdruß vor deinem Throne klagen.
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Zwar ist die alte Nacht der Barbarey entflohn;
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Mein ewger Lorbeer grünt um manchen würdgen Sohn,
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[8] Der ohne Fürstengunst, und Reichthum, und Mäcene,
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Sich zu den Sternen hebt; in seine hohen Töne
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Das Lob der Gottheit mischt; die Menschen Großmuth lehrt,
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Die Tugend prediget, und durch sein Leben ehrt:
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Zwar glüht noch manche Brust vom wahren Dichterfeuer;
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Noch schallt Begeisterung aus mancher kühnen Leyer,
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Und stellt der Nachwelt einst ein grosses Zeugnis dar,
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Daß nicht dein ganzes Volk der Dummheit Sklave war:
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Doch, Göttin, welch ein Schwarm von dichterischen Thoren,
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Im leeren Bathos stark, im Unsinn ganz verlohren,
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Copien, nur dem Bild in seinen Fehlern gleich,
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Schreyn ihr prosaisch Lied frech durch dein ganzes Reich.
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So eilt der Thor sein Lied nach seinem Schwung zu richten;
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[9] Ahmt nur die Fehler nach; ist niedrig, dunkel, schwer,
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Von harten Worten voll, und von Gedanken leer.
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Läßt uns ein muntrer Geist des
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So fängt halb Deutschland an Geschwätz und Tand zu singen;
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Jedwede Presse schwitzt von zu viel Lieb und Wein,
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Und für des Heiden Ruhm vergißt man Christ zu seyn.
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Den ihm nur eignen Scherz um seine Leyer fliegen:
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So tändelt jeder Thor, kein Brief und kein Gedicht
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Erscheint, daß nicht darinn ein falscher Gellert spricht.
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Und alles schallt dies Volk gleich einem Echo wieder.
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So stellt sich neben sie der Sänger
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[10] Zwar gern wollt ich die Wuth der Nachahmung vergeben,
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Denn sie wird immer noch des Urbilds Glanz erheben,
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So sehr sie es verfehlt. Der schlechteste Copist
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Mußt' erst Bewundrer seyn, und zeigt auch, daß ers ist:
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Doch, Göttinn, daß man itzt noch mehr als fühlloß bleibet,
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In Leipzig, wo vor dem der
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In Leipzig thront und herrscht ein blinder Aristarch,
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Der Reime Patriot, der Prosa Patriarch.
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Vergebens zeichnen ihn des strengen Satyrs Schläge,
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Er achtet Striemen nicht, und bleibt auf seinem Wege;
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[11] Und tadelt allezeit, sobald ein grosses Lied
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Nicht an dem Boden kriecht, und seiner Zucht entflieht.
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Sey Richter zwischen mir, und diesem stolzen Manne,
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Den ich mit ewgem Haß aus meinem Reich verbanne!
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Sey Richter zwischen mir, und seiner feilen Zunft,
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Und räche dich und mich, und Tugend und Vernunft.
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Ists möglich, daß ihn noch der Deutsche lästern hören
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Und ihm vergeben kann, wenn von Seraphschen Chören
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Das größte Lied ihm tönt, der göttlichste Gesang,
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Der nie so groß, so rein im Alterthum erklang?
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Wie konnt' er? Heidnisch schön sang nur der fromme Heide,
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Und göttlich singt der Christ. Ein Geist beseelte beyde,
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[12] Welch' eine Hoheit herrscht in diesen Epopäen!
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Die Thräne folget bald, wenn wir die Leiden sehen,
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Die unser Heil erkauft. Wir fühlen unsern Werth,
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Indem wir sehn, wie treu der Engel Schutz uns ehrt.
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Dann hebt das heilge Lied, voll von der reinsten Tugend,
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Des Alters frohe Brust, und feurt das Herz der Jugend.
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In ewgem Glanze stralt die
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Und die Religion bekehret auch durch
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Dies alles fühlt der nicht, der niemals sich erhoben
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Aus Tiefen, wo er kriecht; der nie was anders loben,
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Was anders fühlen kann, als seiner Schüler Lied,
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Das, seinen Reimen gleich, dem Staube nie entflieht.
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Und nicht die Dummheit nur der Reimer lehrt er schmähen;
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[13] Mischt die Religion in seinen Dichterkrieg,
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O Göttinn ist denn dies der Lohn der größten Gaben,
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Die viel Jahrhunderte uns vorenthalten haben;
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Und schützt es darum nur ein Nordischer
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Er, und der Dunse Schaar, solch' einen Angriff wagen?
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Und ist kein Patriot, der itzt das Schweigen bricht,
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Und meine Rechte schützt, und für die Tugend spricht?«
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In Wolken ihre Stirn. Der Gram, der sie erfüllte,
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Stieg auf den Wangen auf, und bald sprach sie voll Muth:
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[14] »Die Klagen sind gerecht, o Freundinn, die ich höre.
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Doch, Göttinn, glaub' auch noch zu meines Volkes Ehre,
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Daß nicht in kleiner Zahl noch Kenner übrig sind,
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Ihr Zorn verachtet längst den Schüler und den Meister,
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Und die gesamte Schaar der niedern kleinen Geister,
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Mich zu befreyen sucht; mich aber in der Nacht
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Und Dummheit Fessel schlägt, und deinen Zorn verdienet,
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Daß um sein leeres Haupt entweihter Lorbeer grünet.
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Doch, Göttinn, wen rührt noch der schaale deutsche Held,
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Und seine plumpe Magd im blutgen Siegesfeld?
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[15] Der kluge Deutsche lacht und sieht mit bitterm Hohn
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Sieht, wie voll Wörtertand, sich zwölf Gesänge dehnen,
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Und die Bewunderer des
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Blick auf, und tröste dich! Der Schmuck der Nation,
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Und alle, welche längst dem deutschen Helikon
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Zur wahren Zierde stehn, sie alle Tugendfreunde,
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Entzückungsvoll nenn' ich die werthen Namen her:
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Und oft gezüchtigt hat, ein
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Jedwedes Hertz entflammt, in dem vom Tugendfeuer
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Nur noch ein Funke glüht; und jener grosse Geist,
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Der uns mit sich hinauf zu dem Olympus reißt,
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Die Prüfung Abrahams an
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Und sie, vom Geiste voll, nach Davids Harfe stimmt;
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Den fernen Nord entzückt, und mit den neuen Saiten
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Die Tempel staunend macht von Gottes Herrlichkeiten;
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Der guten Sache da; stolz,
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Von reger Dankbarkeit, und fühlt, und preißt die Schriften,
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Die bey der Nachwelt uns ein ewges Denkmal stiften.
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[17] Und was am meisten dich durch sie vertheidgen kann,
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Ist nicht der witzge Kopf, – – ist der rechtschaffne Mann.
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Sieh nun die andern auch, die
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Die Namen werden schon unwidersprechlich sagen,
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Daß sie verachtenswerth, doch gar nicht furchtbar sind,
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Und daß, wenn sie dich schmähn, dein Ruhm mehr Glanz gewinnt.
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Vernunft und Tugend Hohn. Ihm folgt die ganze Schaar,
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Die Unsinn je geträumt, und Reime je gebahr,
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Grammatikalisch recht, rein, fliessend, unvernünftig;
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Als Deutschlands Lehrer an, sobald als nur ein Blat
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[18] Ein plumpes Pöbelvolk. Sie ziehn dahin beladen
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Ihr unverschämter Spaß macht Sänftenträger roth;
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Ihr Tadel ist Pasqvil, ihr Sinngedicht ist Koth.
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Allein wer kennt auch noch Geschmack und Poesie,
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Der nicht dies Volk verschmäht? – – Laß drum den Kummer fahren,
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O Göttinn, der dich drückt! Nur erst nach vielen Jahren
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[19] So ras' er! Ihn verfolgt durch alle meine Lande
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Des strengen Satyrs Spott, und
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Ihr Auge lachte Muth auf ihre wahren Söhne,
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Und Deutschland freute sich. Die feyerliche Scene
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Zerfloß drauf nach und nach, so wie ein Thau, am Strand,
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Bis vor der Muse Blick sie ganz und gar verschwand.