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Und in Germanien, durch seinen Tod gebeuget,
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Des Mitleids Thräne floß, die Thräne, die uns ehrt,
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Wenn sie die Asche netzt, der sie mit Recht gehört;
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Kam die Melancholey auf schwarzen Rabenschwingen,
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Und gab mir den Befehl, des Dichters Tod zu singen.
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[4] Ich nahm die Leyer hin; die feyerliche Nacht,
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Die schweigend um mich hieng; hob mich mit stiller Macht.
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Doch plötzlich lispelte die Mus' in meine Lieder:
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Verwegner! lege nur die schwache Leyer nieder;
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Wer ihn besingen will, sey erst so groß, wie Er.
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Die Leyer sang nicht mehr. Allein mit starkem Flügel
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Trug mich die Phantasie zum frischen Todtenhügel,
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Den über seiner Gruft die Freundschaft aufgehäuft.
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Ein Schauder, wie er uns in Grotten oft ergreift,
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Wo stolze Könige, die Furcht und Lust der Erden,
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Gleich uns im Staube ruhn, gleich uns vergessen werden;
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Ein Schauder faßte mich. Voll Ehrfurcht, starr und bleich,
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[5] Sah ich auf seine Gruft; dem stummen Marmor gleich,
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Der auf ein werthes Grab voll Schmerz herunter siehet,
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Doch auch als Stein uns rührt, und Mitleid auf sich ziehet.
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Mein Geist empfand indeß, daß eine fremde Kraft
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Mein Aug erheiterte; mit höhrer Eigenschaft
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Sah mein erstaunter Blick, daß göttliche Gestalten,
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Mit stillem schwarzen Pomp, zu seinem Grabe wallten.
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Ein stilles Rauschen gieng durch den Cypressenbaum,
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An den ich mich gelehnt; ich sah mehr, als im Traum;
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Die Muse merkte sich die bangen Klagelieder,
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Und sagt sie nicht so schön, allein getreulich wieder.
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Ein göttliches Gesicht, voll Anmuth und voll Pracht,
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Mit Lorbeern um das Haupt, nahm ich zuerst in Acht.
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Losch eine Thrän' itzt aus; ihr Haupt sank auf die Leyer
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In tiefe Schwermuth hin; zerrissen flog ihr Kleid,
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Und ihr Gefolge war in gleicher Traurigkeit.
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Sie sahn auf dessen Grab, der sie zugleich geliebt.
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Als eines Dichters Tod, den nur der Nachruhm trieb;
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Der stets gedankenvoll, stets rein und gleich sich blieb.
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Wie lange hat voll Stolz mir Deutschland widerstanden!
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Wenn Rechtsgelehrsamkeit und Weisheit Geister fanden,
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[7] Von deren hohen Ruhm die spätste Nachwelt spricht;
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So lag mein Reich zerstört; so schallte kein Gedicht,
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Von Gratien beseelt, in Deutschlands Grenzen wieder.
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Zu meinem Schimpf hört ich des Meistersängers Lieder.
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Gleich einer Nachtigall mit seinem Lied erfreut;
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Seit dem ward ich aufs neu vom schwachen Thron verdrungen.
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Germanien vergaß, daß einst ein
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In edler Einfalt groß, und richtig, ohne Zwang.
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Die Dichtkunst ward ein Spiel von Namen und von Lettern.
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Von Bombast aufgethürmt, und blitzte leeren Schein;
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Verzierte, was er sprach, mit Demant, Gold und Schmelze;
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Von Wortspiel überfloß, und taumelte vor Witz;
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Das Herz geruhig ließ, und zu gefallen dachte,
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Wenn sein gemeiner Held Zweydeutigkeiten machte.
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Ein schlimmres Alter kam mit einem stillern Lauf.
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Die matte Prosa warf an meiner Statt sich auf;
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Wie manchen guten Kopf nahm diese Krankheit ein!
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Geist und Gedankenleer, hieß rein und fliessend sehn.
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Sein kühner Lied verderbt der Sitten Niedrigkeit;
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Und Deutschland ward aufs neu der Dummheit eingeweiht.
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Ihr Tempel wimmelte von kriechenden
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Bey Wieg', und Sarge war der Deutschen Phöbusgeld,
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Der Reimer stand bereit für Handwerksmann und Held.
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In dieser Barbarey, fast finsterer und schlimmer,
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Als jene gothische, brach, wie des Morgens Schimmer,
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Ein besserer Geschmack durch jene lange Nacht,
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Die zu der Nachbarn Spott den deutschen Witz gemacht.
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Der Musen mächtger Reiz erwarb aufs neu sich Freunde.
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Uns unterrichteten Franzosen, unsre Feinde.
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Ein schöpferischer Geist flog kühnen Britten nach,
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Der Reim vermochte nicht den Dichter einzuschränken,
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Sein volles Lied bewies, der Deutsche könne denken.
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Mit gleichem eignen Schwung stieg
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Sein Reim, voll Harmonie, entzückte Deutschlands Ohr;
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Sein starkes Lied verrieth des Dichtergottes Stral;
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Er ahmte glücklich nach, und ward Original.
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O welches wahre Lob ist ihm der Kenner schuldig!
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Er dachte kühn und wahr, und besserte geduldig,
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Und feilte seine Schrift durch manches Probejahr
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So lange, bis der Reim auch ein Gedanke war.
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Und welchen Schwung gab er der deutschen Ode nicht!
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Bald sprach sie, wie im Zorn der laute Donner spricht;
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Und bald ein braunes Haar, und blauer Augen Siege.
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Der freye Rundgesang, und selbst das Vaudevil
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War voll Natur, kroch nie, war edel, und gefiel.
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Doch komm, und nahe dich, du schönste seiner Musen,
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Moralsche Sängerinn, und nimm an meinem Busen
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Kuß und Umarmung an. Durch dich müst' er allein
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Der spätsten Nachwelt noch als Dichter schätzbar seyn.
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Das treu, wie Pylades, stark, wie sein
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Und so ein Lob verdient, wie
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Dies war der edle Geist, den unsre Thräne klaget!
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Dem nie Germanien sein ganzes Lob versaget,
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Der bey dem größten Lob doch stets bescheiden blieb;
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Der glühte, wenn er las, und bebte, wenn er schrieb.
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Die Zähren über ihn sind unerkaufte Zähren.
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Allein wie wenig kann ihn Deutschland noch entbehren!
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Der wankende Geschmack verlieret ihn zu früh,
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Da oft die Prosa noch, trotz aller unsrer Müh,
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[13] Den matten Vers beherrscht; da noch viel
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Und hundert Schüler noch den grossen
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Wofern dein grosser Geist noch auf die Erde sieht,
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So sieh voll Mitleid an, wie wild die
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Sobald ein Dichter spricht, wie andre Völker sprachen,
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Die mit Freymüthigkeit des Reimes Fessel brachen.
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Was nur Metapher heißt, und andre Völker schon
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Zur Prosa sich gemacht, das ist ihm übertrieben,
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Und wer nicht schreibt wie er, hat Schwärmern gleich geschrieben.
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Allein sein Lob ist Schimpf, sein Tadel nur ist Lob.
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Der war des Lorbeers werth, den
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Ein scharfer Kritikus war er bey seinen Fehlern,
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[14] Doch nie trieb ihn ein Neid der andern Ruhm zu schmälern;
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Zu früh stirbt er für mich, und für sein Vaterland,
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Das ihm die Lorbeern schon zu künftgen Preisen band.
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Er war dein Schmuck, ihr Ruhm. Ehrwürdger
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Von wahrer deutscher Treu: Du,
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Zum letztenmal sahst du, o
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Ihr edlen Wenigen, sagt, (denn wer kannt ihn besser?)
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[15] So groß der Dichter war, war nicht der Mensch noch grösser?
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Und war sein Umgang selbst nicht seinem Liede gleich,
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Groß, edel, sanft und hold, an tausend Anmuth reich?
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Voll von Gelehrsamkeit, voll wahrer Wissenschaften,
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Sah auch der Hofmann nichts von Schulstolz an ihm haften.
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Sein Umgang war dennoch ein steter Unterricht,
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Und was er lachend sprach, war oft ein Sinngedicht.
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Ihr sahet ihn so oft in dem geheimern Leben,
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Verdiensten ihren Rang, sein Lob der Tugend geben;
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Ihr saht ihn immer groß, und freundschaftlich, und frey:
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Der wahren Weisheit Freund, und Feind der Heucheley.
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Mich dünkt, ich höre noch die edle Menschenliebe,
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Die sanft, voll Wohlthun spricht; die jeder Großmuth Triebe
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Mit brittschem Edelmuth verkannten Witz befreyt.
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Und stets zuerst sein Lob dem Würdigen zu geben.
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[17] O du, die Zierde nicht von
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Die dir zuerst gehört, und sieh auf deine Brüder,
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Ein irrend schwaches Volk mit hohem Mitleid nieder!
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[18] Wie ängstlich fürchten sie, zu stark, zu kühn zu seyn,
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Und ziehn beym kleinsten Wind die Segel wieder ein.
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Da andre sich zu früh mit
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Zu viel bey Engeln sind, und Menschen drum vergessen;
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Auf lauter Donner, Sturm, und Wirbelwinden gehn,
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Und lauter Scenen nur aus andern Welten sehn.
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Entflamme jeden Geist, daß er nicht dir zur Schande
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Die Reime ganz verschmäht, noch ohne Reim nichts schreibt;
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Da der, der glücklich denkt, in beyden Dichter bleibt.
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Begeistre den Gesang der dichterischen Jugend;
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Ihr Lied sey voll Verstand, doch reicher noch an Tugend.
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Unedler Reime Lob verfliegt, wie es entsteht,
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Kein Niederträchtiger, kein Dummkopf heißt Poet.
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[19] Ein kühner Adlersflug bringt uns nur zu den Sternen.
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Die Göttersprache sey des Pöbels Sprache nie,
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Und nie sey Kühnheit Schwulst, noch Prosa Poesie.
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Dein Beyspiel bessere, was
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So sind wir deiner werth; so bist du nicht gestorben,
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Und lebst im Dichter noch, der durch dich edler brennt,