Fünftes Buch

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariä: Fünftes Buch (1751)

1
Die träge Finsterniß warf schon mit brauner Hand
2
Auf Leipzig Schlaf und Traum, die Still auf Feld und Land.
3
Schon sah man den Booth
4
Und manche Welt mit ihm sich in den Norden drehen.
5
Die Schönen änderten die Farb in dem Gesicht,
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Von ihrer glatten Stirn floh das erborgte Licht,
7
Das sie zuvor beglänzt, der Nachttisch, der sie schmückte,
8
Wars, der itzt ihrem Haupt den fremden Putz entrückte.
9
Wie wenn der wilde Nord die rauhen Flügel regt
10
Und sich vom kalten Pol zu unsern Hainen trägt,
11
Er noch das gelbe Laub dem nackten Wald entführet
12
Und falbe Blätter streut, wenn sich sein Fittig rühret;
13
So wird der Nachttisch auch mit Bändern übersät.
14
Der Putz entflieht nunmehr, die Schleifen sind verdreht.
15
Die Locken werden schlaff, gleich prangenden Narcissen,
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Die, wenn der Abend kömmt, die Häupter neigen müssen.
17
Da kam der schwere Fuß von Raufbolds treuer Schaar
18
Auf den beglänzten Markt, der oft ihr Kampfplatz war.
19
Gestiefelt ist der Fuß, umgürtet ihre Lenden
20
Und Schlägerhandschuh sind an den bewehrten Händen.
21
Sie gehn, so oft ihr Fuß mit Schrecken niedertritt,
22
So oft erbebt der Markt und jeder Wächter mit.
23
Zuletzt erblicket sie der arme Raufbold wieder.
24
Vor Freuden ruft er aus: Willkommen, werthe Brüder!
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»itzt seh ich, daß ihr noch Jenensern ähnlich seyd,
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Itzt seh ich, daß ihr auch in Leipzig mich nicht scheut.
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Kommt, itzo sollt ihr hier als treue Räthe sitzen;
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Euch folg ich, doch ihr müßt auch meinen Ruhm beschützen.«
29
In seiner Stube tönt ein allgemeines Ja;
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Ihr Degen und ihr Arm ist ihm zum Beystand da.
31
Darauf erzählt sein Mund, wie ihn Sylvan verschmähet.
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»sagt selbst, rief er zuletzt, da er sich so vergehet,
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Sagt, ist der Jungferknecht nicht meiner Strafe werth?
34
Ja, Bruder, riefen sie, was wäre sonst dein Schwerdt?
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Was wäre sonst dein Arm, willst du ihn nicht gebrauchen?
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Geh hin und laß den Schimpf mit seinem Blut verrauchen.«
37
Gleich schreibt der Renommist das kriegrische Cartell.
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Da er von Rache hört, wird seine Feder schnell.
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Sein Blatt und auch zugleich Sylvans geschwornes Sterben
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Wird schleunig fortgeschickt, den Stutzer zu verderben.
41
Ein alter Hausknecht wars, der es zum Stutzer trug,
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Jedoch sein Wesen war ein listiger Betrug;
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Es war der Kobold selbst, der sich zum Hausknecht machte,
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Und Raufbolds Fehdebrief dem Stutzer überbrachte.
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Ein Schlüssel hing an ihm, der seinen Schatz bewahrt;
46
Um seine Lippen floß ein brauner Zwickelbarth.
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Kurz: wie die Pallas sich in Mentor einst verstecket,
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So ward er mit der Tracht vom Hausknecht überdecket.
49
Man wartet, ob der Kampf Sylvanen schmackbar dünkt,
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Und man vertreibt die Zeit nach jenscher Art und trinkt.
51
Zweymal zerbricht dabey die volle Las in Stücken,
52
Zweymal muß man den Tisch aus braunen Fluthen rücken.
53
Wie wenn der nasse Sud im Herbst vom Meere stürmt,
54
Die schweren Dünste häuft und eine Wolke thürmt,
55
Die oft als wie ein Schlauch auf nahe Berge hänget,
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Aus der, wenn sie zerbricht, sich ein Gewässer dränget,
57
Das alles überschwemmt und alles fliehen heißt:
58
So wird der Tisch benetzt, da dieß Gefäß zerreißt.
59
Sylvan empfing nunmehr das fürchterliche Schreiben.
60
Der Rothmündinn Befehl zwang ihn, bey ihr zu bleiben.
61
Es traf ihn das Cartell gleich bey dem Spieltisch an,
62
Und gleich sah er sich ihm die Schöne schalkhaft nahn.
63
Sie las, wie er, das Blatt. Vor Schrecken fällt sie nieder;
64
Sie sinkt in einen Stuhl; es zittern ihre Glieder.
65
So wie ein Feiger bebt, wenn ihn um Mitternacht
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Ein polterndes Geräusch mit Schrecken munter macht,
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Und wenn er ein Gespenst darbey zu sehn geglaubet,
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Die lächerliche Furcht ihm die Empfindung raubet:
69
So bebt auch sie vor Angst, ihr schöner Mund wird blaß,
70
Der Wangen Röthe flieht, ihr Auge selbst wird naß.
71
Die Seufzer flieht Sylvan, die ihn zu ändern drohten,
72
Und spricht mit innrem Grimm zu Raufbolds schnellem Bothen:
73
»verwegner, geh und sprich zum tollen Renommist,
74
Daß, ob Sylvan nicht prahlt, er doch nicht furchtsam ist.
75
Sprich, daß ihm morgen noch mein Degen zeigen solle,
76
Daß auch ein Leipziger sich tapfer schlagen wolle.«
77
Hierauf geht er zurück. »Du bist nicht meiner werth,«
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Rief seine Rothmündinn, die alles angehört,
79
»sylvan, Sylvan, ists wahr, du willst ein Schläger werden?
80
Ja, ja du bist es schon in Sitten und Geberden.
81
Geh, Wilder, geh nur hin; doch rühme dich nur nicht,
82
Daß ich den je geliebt, der sich mit Schlägern ficht.
83
Geh hin, ich werde dich von nun an ewig hassen.
84
Dich, Lieb und Zärtlichkeit, will ich ergrimmt verlassen.
85
Doch warum bleibt mein Herz dir dennoch zugethan?
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Warum verehr ich dich, feindseliger Sylvan?
87
Entweder mußt du nicht zum nahen Kampfe gehen,
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Wo nicht, so muß ich dich und deine Gunst verschmähen.«
89
Sie schwieg. So wie ein Baum den stolzen Wipfel neigt,
90
Wenn ihn itzt bald der West, und bald der Ostwind beugt:
91
So wird Sylvan bestürmt. Bald heißt die Ehr ihn kämpfen,
92
Bald sucht die Zärtlichkeit den regen Muth zu dämpfen.
93
Doch endlich fing er an: »was forderst du von mir?
94
Die Ehre soll ich fliehn? bin ich nur darum hier?
95
Ein Stutzer und zugleich ein feiges Weib zu heissen?
96
Nein, Schöne, nein, verzagt kann ich mich nie erweisen.
97
Viel lieber will ich hier wild und verwegen seyn,
98
Als einen blassen Stal von meinem Feinde scheun.
99
Wie würde Jena nicht die Leipziger verschmähen,
100
Nein, morgen soll man mich im Rosenthale sehen.
101
Da stürz ich meinen Feind, ich hab ihn da besucht,
102
Doch hab ich stets den Gang zu diesem Kerl verflucht.
103
Du hast ihn selbst gesehn, du hast ihn selbst betrachtet;
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Er war in der Allee, in der ich ihn verachtet.
105
Drum fordert er mich aus; ich willige darein.
106
Auch er hat mich verschmäht; er soll bestrafet seyn!
107
Wie? hörte man darauf die Schöne trostlos klagen:
108
Mit diesem Renommist wilst du den Zweykampf wagen?
109
Armseliger Sylvan, worein begiebst du dich?
110
Dein fürchterlicher Feind raubt dir, durch einen Stich,
111
Dein Leben, ja mich selbst. Wird man mir Nachricht geben,
112
Daß du getödtet bist, so wünsch ich nicht zu leben.
113
Grausamer, sieh, wie hoch dein seltnes Wüten steigt,
114
Du bist, Rachgieriger, in Leipzig nicht erzeugt;
115
Sonst wüßtest du ihn wohl großmüthig zu verklagen.
116
Nie hast du gegen mich die kleinste Gunst getragen;
117
Vergebens bitt ich dich; denn hab ich wohl dein Herz
118
Durch Thränen weich gemacht? hat dich mein wahrer Schmerz
119
Ein einzigmal gerührt? Geh hin in dein Verderben,
120
Geh, dich bedaur ich nicht, denn du verlangst zu sterben.«
121
Ihr misvergnügter Blick, der den Sylvan erreicht,
122
Sprach noch, obgleich ihr Fuß ergrimmt von ihm entweicht.
123
So wie ein Schooßhund bebt, wenn von dem weichen Sitze,
124
Auf dem er ruhig lag, die aufgebrachte Hitze
125
Ihn wider Willen treibt, sich aus dem Zimmer drängt,
126
Die Augen niederschlägt, die schlaffen Ohren hängt:
127
So bebt der Stutzer auch; sein Fuß verläßt das Zimmer,
128
Aus dem die Schöne floh, und eilt beym Mondenschimmer
129
Nach seiner Wohnung zu; er flucht, er ist ergrimmt.
130
Sein frecher Feind wird schon dem nahen Tod bestimmt.
131
In jedem Putzgemach sitzt auf den großen Spiegeln
132
Ein aufgeputzter Geist mit himmelblauen Flügeln.
133
Da, wo das breite Band die große Schleife macht,
134
Ist dieser Geister Sitz, wo ihre Sorge wacht.
135
So oft ihr Amt befiehlt, die Schönen zu bebändern,
136
So oftmals können sie in Schleifen sich verändern.
137
Stets triegt ihr Angesicht; sie halten in der Hand,
138
Den Menschen unsichtbar, ein purpurfarbnes Band.
139
Mit diesem wissen sie die Schönen anzuziehen,
140
Daß sie die Arbeit zwar, doch nie den Spiegel fliehen.
141
Das Band wird leicht und zart um ihren Arm gethan;
142
Dann fesseln sie sie sanft am flachen Nachttisch an.
143
Der eine Geist, Rubor, erfuhr Sylvans Entschließen.
144
Er sah die Rothmündinn, er sah die Thränen fließen,
145
Die sie vor ihm vergoß. Er wird dadurch bewegt,
146
Und spricht: »Geist, den wie mich ein großer Spiegel trägt,
147
Den man hieher gebracht, den Nachttisch zu beschützen,
148
Ists möglich, kannst du itzt in stolzer Ruhe sitzen,
149
Da unsre Schöne seufzt, da unsre Göttinn klagt,
150
Ja da ein Stutzer sich in einen Zweykampf wagt?
151
Nein, Geist, laß uns bemühn, wo nicht den Kampf zu hindern,
152
Doch wenigstens die Noth der Schönen zu vermindern.
153
Wir müssen uns bemühn, daß, wenn Sylvan noch kriegt,
154
Er den Jenenser stürzt, und kämpft, jedoch auch siegt.
155
Wie würde sich um ihn die Rothmündinn betrüben?
156
Sie würde niemals froh, sie würde niemals lieben.
157
Und niemals träte sie vor unser Spiegelglas,
158
Vor welchem sie doch oft den ganzen Morgen saß.
159
Sprich, würde sich auch wer an diesen Nachttisch setzen,
160
Und unsern lüstern Blick durch Putz und Reiz ergetzen?
161
Nein, unser Reich muß auch in diesem Zimmer blühn,
162
An diesem Nachttisch muß sich manche Hand bemühn,
163
Vor unserm Spiegelglas die Locken aufzubauen,
164
Auf die mit munterm Blick geschmückte Stutzer schauen.«
165
Er schwieg. Der andre Geist, der gegen über war,
166
Zupft erst mit reger Hand das aufgeputzte Haar,
167
Wie oft ein Redner thut, der, eh er seine Blicke
168
Auf die Versammlung wirft, erst an der Staatsperücke
169
Die stolzen Zipfel faßt. Er hustet dreymal laut,
170
Eh er von seinem Blatt zu reden sich getraut.
171
Drauf sprach er: »kannst du auch von einem Freund dieß denken?
172
Geliebtester Rubor, mich, mich sollt es nicht kränken,
173
Wenn unsre Schöne seufzt? Nein, mir auch geht es nah.
174
Ich bin zu ihrem Schutz und dir zum Beystand da.
175
Wohlan denn! sprach Rubor, so gieb auf meinen Spiegel
176
Mit aller Sorgfalt Acht; mich tragen meine Flügel
177
Zu der Galanterie. Die schütze den Sylvan;
178
Sie schütz ihn, denn er ist ihr treuster Unterthan.«
179
Er wirft sich alsobald in die gewölbten Lüfte.
180
Sein dunkelrothes Band bestralt die nassen Düfte.
181
Er eilt, sein blauer Schwung, der durch die Lüfte streicht,
182
Macht, daß sein Fuß behend des Tempels Dach erreicht.
183
Wie eine Lerche sinkt, verstört man ihre Lieder:
184
So flattert dieser Geist auch auf die Erde nieder.
185
Sogleich begiebt er sich zu der Galanterie,
186
Und sprach vor ihren Thron: »sieh, große Göttinn, sieh,
187
Sieh einen Geist vor dir, den Zeit und Noth gezwungen,
188
Daß er von Leipzig sich zu deinem Thron geschwungen.
189
Er kömmt und meldet dir Sylvans beschloßnen Streit,
190
Des artigen Sylvans, den itzt ein Raufbold dräut,
191
Ein Raufbold, dessen Stal ihn grimmig wird zerspalten,
192
Suchst du nicht seinen Arm, o Göttinn, aufzuhalten.
193
Der Zweykampf ist gewiß, Sylvan ist voller Wuth,
194
Und Raufbold geht auf nichts, als auf sein rieselnd Blut.
195
Kaum glänzt das Morgenroth auf hoher Berge Spitzen,
196
So wird sie schon der Kampf im Rosenthal erhitzen.
197
O Göttinn, deine Macht steh diesem Stutzer bey,
198
Sonst stürzt ihn Raufbolds Faust«. Er schwieg, ein Lustgeschrey
199
Theilt die bewegte Luft; man wirft die lüstern Blicke
200
Auf diesen fremden Geist, und zieht sie schnell zurücke.
201
Ein murmelndes Geräusch schwirrt in der Göttinn Ohr,
202
Und jede Mode lobt den artigen Rubor.
203
Wie wenn im warmen Lenz das Volk der jungen Bienen,
204
Die sich das erstemal den Stock zu fliehn erkühnen,
205
Mit summendem Getöß um eine Tanne schwärmt:
206
So war auch das Geschrey, das in dem Tempel lärmt.
207
Die Göttinn winkt und sprach: »wenn doch der Renommiste
208
Nur meinen nahen Zorn und seine Schwachheit wüßte!
209
Er wäre nicht so kühn. Rubor, soll denn sein Stal,
210
Soll denn sein wilder Arm auch noch im Rosenthal,
211
Ja über meinen Sohn, den besten Stutzer, siegen?
212
Nein, wir sind stark genug, sein Auge zu betriegen;
213
Sind wir gleich nicht so stark, daß seine Raserey
214
Von uns gehindert wird. Wohlan, Rubor, es sey!
215
Es sey! Sylvanens Arm erlang auch Ehr im Schlagen;
216
Man soll durch meine Macht von ihm in Jena sagen.
217
So bald der Morgen graut, soll man im Rosenthal
218
Mich auf dem Kampfplatz sehn, nebst meiner Krieger Zahl.
219
Wir wollen den Sylvan im Kämpfen unterstützen,
220
Wir wollen unsichtbar sein zart Gesicht beschützen.«
221
Sie sagt es, und der Geist eilt auf den Westwind fort,
222
Und kam im Augenblick an seinen alten Ort.
223
Der Renommist erfuhr indeß Sylvans Bezeigen.
224
Der falsche Hausknecht sprach: sehr viel muß ich verschweigen
225
»das er im Zorn geredt. Ihr wärt ein Renommist,
226
Der nur durch Raserey in Jena furchtbar ist.
227
Doch kurz, sein Mund versprach, mit seinem Stutzerdegen,
228
Euch in dem Rosenthal verächtlich zu erlegen.«
229
Er schwieg. Wie wenn der Nil sein nasses Haupt erhebt,
230
Die aufgebrachte Fluth erst um die Dämme schwebt,
231
Und denn, wenn keine Macht die stolzen Wellen hemmet,
232
Das Wasser auf einmal die Aecker überschwemmet.
233
»so war auch Raufbolds Zorn. Seht des Verwegnen Muth!
234
Es schlägt doch wohl in ihm ein jenisch tapfres Blut.
235
Beym Teufel! wenn Sylvan im Fechten glücklich wäre,
236
Und überwände mich; wo bliebe Ruhm und Ehre?
237
Doch nein, mein Name schon ist Stutzern fürchterlich.
238
Ich trau in diesem Kampf auf meinen Muth und mich.
239
Drum, Brüder, welcher will mein Secundante werden?«
240
Die Schaar veränderte die muthigen Geberden.
241
So wie ein Krieger bebt, wenn der Befehl ihn zwingt,
242
Daß er im ersten Glied mit in die Feinde dringt;
243
So sieht man auch die Schaar von Raufbolds Brüdern beben.
244
Sie liebten zwar sein Bier, jedoch noch mehr ihr Leben.
245
Dieß sieht der Renommist. »Ihr wollt Jenenser seyn?
246
Sprach er, und ihr erschreckt vor eines Degens Schein.
247
Nun will ich nicht einmal von euch, ihr feigen Seelen,
248
Da ihr so furchtsam seyd, den Secundanten wählen.«
249
Er schwieg. Der eine sprach: »verdamm uns nicht zu bald;
250
Du siehst an uns auch hier die jenische Gestalt,
251
Und auch ein jenisch Herz, das vor Begier schon brannte.
252
Es weis von keiner Furcht, ich bin dein Secundante.«
253
Im nahen Streit erschrickt ein munterer Husar,
254
Der von Begierde schon sich auf des Pferdes Haar
255
Mit krummem Sebel wirft, wenn ihn die tapfern Brüder
256
Im dicksten Kampfe fliehn; doch er erfreut sich wieder,
257
Wenn ein Freywilliger ihn tapfer unterstützt;
258
Er sieht es, und sein Schwerdt, das auf den Feind geblitzt,
259
Zeigt nun den blutgen Kopf erschlagner Saracenen;
260
Er schwebt mit krummem Leib an seines Pferdes Mähnen:
261
So rief auch Raufbold nun: »o Bruder, du hast Muth!
262
In dir erkenn ich noch das edle jensche Blut.
263
Komm, hilf mit mir den Feind, den stolzen Feind bezwingen,
264
Du kämpfst und siegst mit mir; uns muß der Streich gelingen.«
265
Ein Krug, der durch die Last selbst seine Hand beschwert,
266
Wird in dem Augenblick mit Freuden ausgeleert.
267
Wie wenn der laue Lenz die langen Nächte kürzet,
268
Der aufgelöste Schnee sich von den Felsen stürzet,
269
Mit rauschendem Getön in öde Thäler dringt,
270
Wo ihn im Augenblick der dürre Sand verschlingt:
271
So stürzt das braune Bier, bewegt von starkem Zuge,
272
In Raufbolds wilden Mund aus dem gefüllten Kruge.
273
Des glimmenden Tabacks verdoppelter Gebrauch
274
Umnebelt das Gemach mit aufgestiegnem Rauch.
275
Ein dicker dunkler Dampf steigt aus den rauhen Hälsen.
276
Den Tisch bedeckt die Zahl durchglühter Aschenfelsen.
277
So wie das gleiche Feld mit Hügeln sich erhebt,
278
Wenn mit bemühter Hand der blinde Maulwurf gräbt:
279
So ist die Tafel auch mit rauchenden Vesuven
280
Und Aetnen überdeckt. Drauf fing er an zu rufen:
281
»ihr Brüder, da mein Kampf nunmehr beschlossen ist;
282
So folgt nur noch einmal dem tapfren Renommist.
283
Folgt mir, ich führ euch an; wir wollen etwas wagen,
284
Davon ganz Leipzig soll mit Furcht und Schrecken sagen.
285
Ich muß von Leipzig gehn; jedoch ich geh nicht ehr,
286
Als bis ich auch der Stadt mein glänzendes Gewehr
287
Und seine Kraft gezeigt. Der ausgestreute Schatten
288
Der dunklen Finsterniß kömmt uns hierbey zu statten.
289
Ihr wißts, durch Häscher wird der Gassen Ruh beschirmt.
290
Wie wärs, wenn unsre Faust die Häscher selbst bestürmt?
291
Kommt, laßt uns sie zerstreun, sie des Gewehrs berauben,
292
Und wenn sie Stang und Stock auf uns zu werfen glauben;
293
So nehmt die Stangen weg, und werfet sie getrost
294
Auf ihren eignen Kopf. Kommt, ich bin schon erboßt.
295
Mein Stal, mein Arm, mein Muth soll, Brüder, euch begleiten.
296
Ist Raufbolds Stal bey euch, könnt ihr die Welt bestreiten.
297
Kommt, fürchtet euch vor nichts; seyd tapfer, kämpft, und wagt,
298
So flieht die Räuberschaar bestritten und verzagt.«
299
Ein jeder fällt ihm bey: »ja, Bruder, laß uns kriegen!
300
Wir wollen unter dir die Feinde sehn, und siegen!«
301
Sogleich bewaffnet man die Hände mit dem Schwerdt,
302
Das vor Verlangen selbst aus weiter Scheide fährt.
303
Man eilet auf den Markt mit heimlichem Erfreuen,
304
Wie wenn ein Löwe sich aus öden Wüsteneyen
305
Des dürren Lybiens mit seinen Jungen trägt,
306
Und sich mit trägem Schritt nach einem Wald bewegt,
307
Er das verdorrte Laub mit scharfen Klauen drücket,
308
Der Buchen sprödes Holz mit breiter Brust zerstücket,
309
Und ein Geräusch erregt, das durch die Felder eilt,
310
Und in der finstern Nacht die stillen Lüfte theilt:
311
So hört man ihren Schritt und die gezognen Degen,
312
Auf dem itzt leeren Markt, ein sanft Geräusch erregen.
313
Da, wo der grüne Thurm am Rathhaus sich erhebt,
314
Ist der bekannte Platz, vor dem der Pursche bebt.
315
Da wohnt der Knechte Schaar.
316
Steht an der dunkeln Thür, und an den beyden Ecken
317
Lauscht schlaue Hinterlist und die Verwegenheit,
318
Die allen voller Wuth, jedoch unsichtbar, dräut.
319
Dahin gelangt ihr Fuß; der Renommist steht stille,
320
Und auch die ganze Schaar; er sagts, gleich ists ihr Wille.
321
»ihr Brüder, fing er an, ihr Brüder, die ich schon
322
In Jena angeführt, sprecht den Canalljen Hohn!
323
Kommt, ruft und wetzt und schreyt, daß sie ihr Loch verlassen,
324
So können wir sie frey an ihren Hälsen fassen.«
325
Sogleich durchdringt die Luft ein lautes Pereat
326
Man schimpft auf ihren Kopf und flucht die Hälse matt.
327
Drauf wetzt die ganze Schaar; die Gluth fährt aus den Steinen,
328
Daß diese Krieger fast in lauter Funken scheinen.
329
So wie der Heiden Zevs den rothen Blitz ergreift,
330
Der schnell aus seiner Hand auf die Giganten streift:
331
So scheinen diese Zevs mit Gluth und Blitz zu spielen,
332
Indem sie mit dem Stal in glatten Kieseln wühlen.
333
Zuletzt gehn sie zur Thür, und Raufbold geht voran.
334
So wie Aeneas dort, was wenig noch gethan,
335
Mit fürchterlichem Schritt zu dem Cocytus
336
Den dicken Schwefeldampf mit seinem Schwerdte theilet,
337
Den Fürst der Höllen sieht und die Verstorbnen schreckt,
338
Wenn er den starken Arm auf falbe Schatten streckt:
339
So eilt auch Raufbolds Fuß zu der bewachten Pforte,
340
Mit seiner treuen Schaar, an diesem dunkeln Orte.
341
Das Schrecken bläst ihm zwar den Hauch in das Gesicht.
342
Er fühlt auch dessen Kraft; doch aber weicht er nicht.
343
Indeß erblickte man die fürchterlichen Schaaren,
344
Die Knechte, die schon nah am Renommisten waren.
345
Ein Harnisch, den noch nie ein treffend Schwerdt versehrt,
346
Bog sich um ihren Leib, den noch ein Stal beschwert.
347
Und destomehr bewehrt und fürchterlich zu heissen,
348
Füllt ihr verwildert Haupt ein alt verrostet Eisen.
349
Sie schwungen in der Hand die Stange, die so oft
350
Den kühnen Feind gestürzt, der auf den Sieg gehofft.
351
Die Spitze war behakt, schnell zum zurück zu weisen,
352
Und schnell, ein schön Gewand im Anziehn zu zerreißen.
353
Wie, wenn von dem Gebürg ein wilder Auer
354
Der seinen starken Feind, den gelben Löwen, sieht,
355
Er aus dem niedern Busch mit rauher Stimme schreyet
356
Und mit gehörntem Fuß den rothen Sand zerstreuet,
357
Den dickbemoßten Kopf hochmüthig seitwerts trägt,
358
Ihn an die steife Brust mit wilden Schütteln legt,
359
Sich endlich auf den Feind mit stolzen Schritten lenket
360
Und mit dem festen Horn ihn zu durchbohren denket:
361
So eilt der Renommist auf den verspürten Schwarm.
362
Flieht, rief er, oder sterbt! und gleich senkt er den Arm
363
Auf den umstählten Kopf, den er zuerst erblicket.
364
Jedoch er steht erstaunt, da ihn der Hieb nicht glücket.
365
Wie wenn ein Crocodill dem dichten Schilf entweicht,
366
Und ein Aegyptier, der schon vor Angst erbleicht,
367
Sich noch zu retten denkt, und seinen Sebel ziehet,
368
Doch durch den öftern Hieb den Arm umsonst bemühet;
369
Der Panzer, der die Haut des Crocodills umstählt,
370
Macht, daß der starke Hieb des breiten Sebels fehlt:
371
So gehts dem Renommist. »Ich glaube, rief er, Brüder,
372
Die Schaar bepanzert sich die fürchterlichen Glieder.
373
Werft eure Degen weg, folgt meinem Beyspiel nach,
374
Bedienet euch der List! Sogleich, da er dieß sprach,«
375
Erreicht er einen Pfahl nicht brennender Laternen;
376
Er schmiegt sich hinter ihm, die Feinde zu entfernen.
377
Jedoch den Augenblick nimmt er mit Schrecken wahr,
378
Daß man, mit wilder Faust, von seiner Brüderschaar
379
Zween aus dem Kampfe schleppt, die an zu fluchen fangen.
380
Er bebt, als fühlt er selbst schon die erzürnten Stangen.
381
In dieser Noth sprach er zu seinem Secundant,
382
Der seine Sicherheit noch unterm Sturmfaß fand:
383
»auf, Bruder, schlag dich durch, jetzt denk an meine Lehre,
384
Sieg oder lauf davon; denn dieß bringt doch noch Ehre!«
385
Er sagts und dringt sogleich, da sich sein Zorn vereint,
386
Mit flüchtendem Geräusch durch den zertheilten Feind,
387
Sein edler Secundant folgt seinen schnellen Schritten;
388
Umsonst wird ihnen nur die schnelle Flucht bestritten.
389
So wie Serini
390
Den Sebel in der Hand, den Sieg im Herzen trug:
391
So schlug sich Raufbold durch; er kriegte noch mit Blicken.
392
Konnt er nicht in der That, so droht er zu zerstücken.
393
»der Teufel hat den Kerls die Panzer angethan!
394
Sieh, Bruder, rief er aus, sieh meinen Degen an.
395
Wie hab ich ihn zerhaun! doch laß uns nur entspringen;
396
Man möcht uns sonsten noch um unsre Freyheit bringen.«
397
Er geht mit steifem Schritt, nach seinem Gasthof zu.
398
Es lag die halbe Welt jetzt mitten in der Ruh,
399
Und auch sein Gastwirth schlief schon auf dem müden Ohre;
400
Allein sein Schutzgeist kam und öffnete die Thore.
401
Doch warum stund er denn nicht seinem Helden bey?
402
Er hatte kurz zuvor, mit wüthendem Geschrey,
403
Den Caffeegott bestürmt, das Porcellan zerbrochen;
404
Drum hat er nicht gehört, was man vom Kampf gesprochen.
405
»o Bruder, geben wir wohl Alexandern nach?«
406
So sprach der Renommist im sicheren Gemach,
407
»gieb Achtung, wie wir auch den Stutzer zwingen wollen,
408
Daß alle Leipziger an uns gedenken sollen.
409
Indessen mache dich und deinen Stal bereit,
410
Denn nun ist dieser Nacht doch keine Ruh geweiht.«
411
Dieß hört sein Schutzgeist an; sein gräßliches Gefieder
412
Trägt ihn behend davon; er läßt sich plötzlich nieder.
413
Da wo bey Jena man die stille Saale sieht,
414
Die oft ein ganzer Wald von Floßholz überzieht,
415
Sieht man das Paradies
416
Die ihre Flächen stets mit bunter Anmuth decken.
417
In diesem Paradies ist eine dunkle Gruft;
418
Sie wird, wenn sie ein Pursch bey ihrem Namen ruft,
419
Das
420
Sieht man den seltnen Thron, von einen wilden Gotte.
421
Der Gott der Schlägerey hat seine Wohnung hier,
422
Der Hohn bewacht bemüht die rundgewölbte Thür.
423
Denn dieses ist der Geist, der manches Herz vergiftet,
424
Des Spotten meistentheils die Schlägereyen stiftet.
425
Ihm gegenüber steht die träge Trunkenheit;
426
Sie wankt bey jedem Schritt, sie rast, sie schimpft, sie schreyt,
427
Sie hält mit trübem Blick ein Paßglas in den Händen.
428
Das Schlagen ist ihr Recht, und ihre Kunst, Verschwenden.
429
Da irrt und wankt der Fuß der blassen Eifersucht;
430
Da hier der Argwohn tobt und dort die Zanksucht flucht.
431
Der Neid, das Spiel und Geld stehn an des Thrones Seiten,
432
Die noch die Unvernunft mit Lust zum Kampf begleiten.
433
Auf einem blutgen Thron sitzt, in besondrer Pracht,
434
Der Gott der Schlägerey, der alles zitternd macht.
435
Ein weißlichter Caput
436
Ist seine liebste Tracht, die er zeither getragen.
437
Ein Degen, dessen Stal das Eisen übertrifft,
438
Das man in Japan gräbt, und durch ein blaues Gift,
439
Das alles leblos macht, mit seltner Wuth bestreichet,
440
Ist an des Zepters Statt, vor dem der Schnurre weichet,
441
Sein Stichblatt ist so groß, als wie des Satans Schild,
442
Den Milton uns beschreibt. Manch fürchterliches Bild
443
Ist auf ihn eingeetzt. Die ersten Renommisten,
444
Wie sie den Himmel drohn durch Felsen zu verwüsten,
445
Giganten, sieht man hier; ihr scheusliches Gesicht
446
Verstellt noch mehr ein Mund, der Lästerungen spricht.
447
Auf die folgt Herkules, der um die starken Lenden
448
Die Haut des Löwen wirft. Er hält, mit festen Händen,
449
Den Riesen in die Höh, den er so knirschend drückt,
450
Daß er an seinem Kopf mit wildem Laut erstickt.
451
Der Macedonier
452
Wie dort Pompejus fällt, da Cäsar muthig sieget,
453
Und wie ein Roland ficht, wenn er die Riesenhand
454
Mit fürchterlichem Schlag auf seinen Feind gewandt.
455
Dieß alles sieht man hier. Von jäher Berge Höhen,
456
Die stets ihr bärtig Haupt in leichten Wolken sehen,
457
Sieht man den jenschen Markt. Da kämpft ein wüthend Paar,
458
Das bloß durch Lieb und Bier zum Kampf gekommen war.
459
Ein runder Burschenkreis, der sie bemüht umzirket,
460
Lacht freudig, wenn ein Stoß den andern Wunden wirket.
461
Nicht weit davon sieht man noch andre Stürmer stehn,
462
Die in der freyen Hand gesuchte Felsen drehn,
463
Mit einer Hand den Stal auf glatten Kieseln schärfen,
464
Und mit der andern Hand in stolze Scheiben werfen.
465
Zween andre, welche sich aus Unvorsicht berührt,
466
Sieht man, daß ihre Wuth darum den Degen führt.
467
Noch andre, die vergnügt in nassen Zimmern sitzen,
468
Im Saufen Helden sind, beym Taback rühmlich schwitzen,
469
Sieht man in vollem Zank. Ein großes Paßglas eilt
470
Nach eines Gastes Kopf, der sich im Ziehn verweilt
471
Kurz: die in Jena sich mit Ruhm geschlagen haben,
472
Die alle sah man hier im Stichblatt eingegraben.
473
Zum Gott der Schlägerey kam Raufbolds Schutzgeist an.
474
Er sprach vor seinem Thron: »sieh, was mein Arm gethan,
475
Sieh! Gott der Schlägerey, dein Raufbold kämpft und streitet,
476
Doch so, daß ihn der Ruhm bey jeder That begleitet.
477
Ganz Leipzig fürchtet sich vor seinem seltnen Muth.
478
Kein Stutzer nimmt nunmehr den aufgesteiften Hut
479
In den gebognen Arm; was soll ich größers sagen?
480
Noch Morgen wird er sich mit einem Stutzer schlagen.
481
Der Zweykampf ist gewiß, der Ort ist schon bestimmt.
482
Sylvan und Raufbold sind in gleichem Grad ergrimmt.
483
Vor kurzem hat er auch die Knechte selbst bestürmet,
484
Er hieb sich da auch durch, da ich ihn nicht beschirmet.
485
O du, des Zweykampfs Fürst, steh ihm auch Morgen bey,
486
Damit er noch zuletzt in Leipzig glücklich sey;
487
Denn er wird nach dem Kampf sogleich auf Halle reiten,
488
Und da von neuem blühn, und da von neuem streiten.«
489
Der grause Schlägergott, der von dem Throne sprang,
490
Sprach, daß vom starken Ton die runde Höl erklang:
491
»wie sehr bin ich erfreut, daß Raufbold glücklich kämpfet,
492
Ja, daß er auch so gar den Stolz der Stutzer dämpfet.
493
Komm, ich beschütz ihn selbst. Ich kann es dir gestehn,
494
Daß ich mit keinem Blick das Leipzig ie gesehn,
495
Das zwar wohl prächtig ist, doch weibisch sich bezeiget.
496
Komm, daß wir, ehe noch die Sonne glänzend steiget,
497
Im Rosenthale sind.« Sein Flügel eilet fort.
498
Ihm folgt die ganze Schaar aus seinem Schreckensort;
499
Allein er heißet sie nach seiner Höhl entweichen;
500
Drey Schlägergeister sinds, die Leipzig mit erreichen.
501
Wie, wann sich von dem Feld ein schwerer Trappe
502
Die hartgepreßte Luft vor seinem Fittich bebt,
503
Der ihn erst nach und nach von grüner Erde bringet,
504
Bis er sich auf einmal schnell in die Wolken schwinget:
505
So bringt ihr schwerer Flug sie flatternd in die Höh;
506
Zuletzt erreichen sie die schattigte Allee.
507
Es war fast um die Zeit, da sich der Himmelswagen
508
Vom kalten Norden fort nach Osten zu getragen,
509
Als diese Geisterschaar in der Allee sich sieht,
510
Und ferner durch die Luft nach Raufbolds Zimmer flieht.
511
Man sieht sie im Gemach unsichtbar sich bewegen.
512
Der Renommist besah gleich seinen großen Degen,
513
Und sprach: »o welcher Stal, o Stal! mein höchstes Gut,
514
Mit dem ich meine Macht, mit dem ich meinen Muth
515
Den Schnurren oft gezeigt; o Stal, von seltner Treue,
516
Hilf, daß ich meinen Ruhm durch deinen Stoß verneue.
517
Sey mich zu schützen schnell, schnell in den Feind zu gehn,
518
Und fest, im ganzen Kampf vor deinem Herrn zu stehn.«
519
Er schwieg. Sein starrer Blick besieht die glatte Fläche;
520
Er beugt ihn und erforscht die Stärk und auch die Schwäche.
521
So wie Minervens Hand dem Telemach den Schild
522
Unsichtbar weggethan und ihn Egidens Bild,
523
Statt dessen hingelegt; so nahm auch Raufbolds Degen
524
Der Gott der Schlägerey, um seinen hinzulegen.
525
Armseeliger Sylvan, bewahre dein Gesicht!
526
Da Raufbolds kühne Faust mit Götterwaffen ficht,
527
Da wilde Geister ihn zum Kampf noch mehr erhitzen;
528
Wer will dich, o Sylvan, vor seiner Wuth beschützen?
529
Drauf sprach der Renommist, wormit wird diese Nacht,
530
Die bald die Erde flieht, noch vollends hingebracht?
531
Doch, daß wir Morgen früh nicht ohne Kräfte streiten,
532
So wollen wir uns selbst ein Lager zubereiten.
533
Er leget sich so fort mit siegesvollem Muth
534
Gestiefelt und gespornt auf den zerfetzten Huth.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariä
(17261777)

* 01.05.1726 in Frankenhausen, † 30.01.1777 in Braunschweig

männlich, geb. Zachariae

deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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