1
Wie, wenn ein rauher Bär aus Lapplands kalten Wäldern,
2
Die stets der Nord entlaubt, zu den beschneiten Feldern
3
Mit trägen Klauen kömmt, sie halb erstarrt bewegt,
4
Sich mit bereifter Haut durch öde Furchen trägt,
5
Die Menschen zwar nicht flieht, jedoch sie nicht verletzet,
6
Bis wenn die Lappen ihn durch ein Geschrey gehetzet,
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Er sein befrohrnes Haupt unwillig aufwerts hebt,
8
Den lichten Schnee zerscharrt, mit breiten Tatzen gräbt,
9
Doch wenn sein feiger Feind auf ihn zu gehn verweilet,
10
Er wiederum zurück in finstre Wälder eilet,
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Mit brummendem Getöß zu seinen Höhlen irrt;
12
So murrt der Renommist, da er verachtet wird.
13
Er geht mit schwerem Tritt nachsinnend auf und nieder;
14
Doch da der Gram ihn quält, so wirft er seine Glieder
15
Auf eine nahe Bank, die er zuvor verschmäht,
16
Und spricht: »Sieh, Raufbold, sieh, wie schlecht es dir hier geht!
17
Ein Stutzer, der aus Furcht vor Fechten, Streit und Schlachten
18
Aus Jena sich entfernt, der soll dich hier verachten?
19
Der untersteht sich, dich und deinen Stal zu scheun,
20
Dem soll ein Mägdchen mehr, als du sein Bruder, seyn?
21
Ists möglich, konntest du bey diesem Schimpf dich halten,
22
Und konnte denn dein Stal den Sclaven nicht zerspalten?
23
Was hinderte mich denn, da er allein mich ließ,
24
Daß ich ihn nicht sogleich in meinem Grimm durchstieß?
25
Ach Jena! mußtest du mich darum nur vertreiben,
26
Von Stutzern hier verhöhnt, von Rach entblößt zu bleiben?
27
Bin ich nicht mehr wie sonst den Feigen fürchterlich?
28
Verhöhnt man jetzt den Arm, dem man sonst zitternd wich?
29
Ja, ja, mein großer Stal dient nur, mich zu verlachen;
30
Er kann nicht mehr wie sonst die Stutzer zitternd machen.
31
Doch nein; er kann es noch; ich zeig als Renommist,
32
Daß Raufbold noch voll Muth, mein Stal noch furchtbar ist.«
33
Er schwieg, gleich sah man ihn an seinen großen Degen
34
Die ausgestreckte Faust mit trüben Blicken legen.
35
Sein blankes Stichblatt schwirrt, sein gelbes Ohrband bebt,
36
Da er den scharfen Stal aus brauner Scheide hebt.
37
Doch, Muse, sage mir, was macht ihn so erbittert?
38
Macht es Sylvan allein, daß alles vor ihm zittert?
39
Nein, eine Leidenschaft, und nicht der Schimpf allein,
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Macht seinen Muth geschwächt und ihn im Unglück klein.
41
Er greift nach seinem Stal, da ihm der Muth entfliehet;
42
Er rast, da er sich doch im Herzen furchtsam siehet.
43
O Liebe, machst du stets die Tapferkeit verzagt?
44
Machst du, daß auch sogar ein Raufbold liebend klagt?
45
Soll man beym seltnen Muth von diesem jenschen Helden
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Mit seiner Liebespein auch seine Schwachheit melden?
47
Rothmündin, dieß ist groß, was hier dein Blick verübt,
48
Du zwingst den Renommist; er sieht und wird verliebt;
49
Der Held, der wüthend schwur, Sylvanen zu zerstücken,
50
Sieht dir mit Zittern nach, und bebt vor deinen Blicken.
51
»ach, Raufbold! rief er aus, bist du ein Renommist?
52
O fühlst du, daß dein Herz auch zu bezwingen ist?
53
Der Hagel! nie hab ich ein solch Gesicht gesehen;
54
Soll ich nicht ohne Scham die Leidenschaft gestehen,
55
Die – – geh, o leichter Rock, nun bist du mir zu klein;
56
Mich zwingt ein schöner Blick, ein Leipziger zu seyn.«
57
Dieß hört der Kobold an, der mit hieher gegangen;
58
Das Schrecken und die Wuth entfärben ihm die Wangen.
59
So wie der krumme Blitz, wenn er die finstre Nacht
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Durch rothes Feuer theilt, mit Schrecken lichte macht,
61
Und etwan vor den Fuß erschrockner Wandrer fähret,
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Durch den geschwinden Stral sie zwar nicht sehr versehret,
63
Doch durch den Schlag, der folgt, ihr zartes Ohr betäubt,
64
Daß die bestürzte Schaar vor Schrecken starre bleibt:
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So und noch mehr erstaunt schlägt er den Blick zur Erde;
66
Er hört, was Raufbold spricht, mit ängstlicher Geberde.
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»ists möglich, rief er aus, ist der auch schon verführt?
68
Ein Mägdchen macht ihn sanft? dieß flieht er, was ihn ziert?
69
Statt dieses engen Kleids, das er bisher getragen,
70
Soll ein gesteift Gewand um seine Schultern schlagen?
71
O Geist der Schlägerey, sieh, sieh, ein Renommist
72
Beschimpfet deinen Thron indem er dich vergißt.
73
Vermaledeyter Blick, vermaledeyte Schöne,
74
Du machst es, daß mein Held, der Liebste meiner Söhne,
75
Daß der, des kühner Stal nie, als mit Ruhm, geirrt,
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Zum Stutzer und zugleich zu einem Weibe wird.«
77
Er sagt es und springt auf. Von seinen schnellen Schritten,
78
Wird die bewegte Luft mit Sausen durchgeschnitten.
79
Was erst etherisch war, läßt sich jetzt menschlich sehn;
80
Er geht in solcher Tracht, wie Renommisten gehn.
81
»jenenser, rief er aus, da er den Raufbold siehet,
82
Jenenser, da dein Fuß verjagt von Jena fliehet:
83
So mußt du nicht auch fliehn, was dich in Jena hob,
84
Ein Renommist zu seyn, bringt auch in Leipzig Lob.
85
Du siehst in mir den Stamm, den ersten Renommisten,
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Du folgst mir; und du fliehst, da sich die Feinde rüsten?
87
Wohl! thu es, sey verzagt! verändre dein Gewand,
88
Doch dieses, wenn dus thust, bleibt feiger Unbestand.
89
Und wie wirst du dereinst, wie ich, kühn in Geberden,
90
Ein ewger Renommist, am Leib etherisch werden?
91
Denn siehst du, wer wie ich sein Jena nie verschmäht,
92
Stets renommistisch flucht, in Leipzig jenisch geht,
93
Und keinen Sammt sonst trägt, als den zu seinem Kragen,
94
Der kann sich als ein Geist auch nach dem Tode schlagen.
95
Dem stärksten Renommist, der schwarzen Schnurren Trutz,
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Der jeden Feind besiegt, dem wirst du dann zum Schutz,
97
Den mußt du als ein Geist, so wie ich dich, begleiten,
98
Siegt er, so siegst du mit, schlägt er, so hilfst du streiten.
99
O Raufbold, willst du noch an Jena untreu seyn?
100
Nimmt dich nun noch ein Kleid, ein Blick, ein Mägdchen ein?
101
Nein, thu es nicht, mein Sohn, verlaß, verlaß die Linden,
102
Du kannst das, was dich reizt, auch noch in Halle finden.
103
Steig auf dein muthig Roß, begieb dich nach der Stadt,
104
Die den Jenenser schätzt, der sie geschätzet hat;
105
Flieh Leipzig, so hast dus, kannst du es standhaft hassen,
106
Als Renommist gesehn, als Renommist verlassen.«
107
Er sagt es, und verschwand. So wie, wenn durch den Wald
108
Das schwirrende Getön des muntern Hüfthorns schallt,
109
Mit wild gestreubtem Haar ein aufgebrachter Hauer
110
Den dick verwachsnen Hayn, wo er im kühlen Schauer
111
Bemoßter Eichen lag, mit festem Zahn zerstückt,
112
Und den beharzten Leib aus spröden Büschen rückt:
113
So eilte Raufbold auch aus schattigten Alleen;
114
Man sah ihn nach dem Thor mit wilden Schritten gehen.
115
»o Raufbold, rief er aus: so sey es denn gewagt,
116
Entweder flieh von hier, wo nicht, so sey verzagt!
117
Willst du in Leipzig seyn, willst du in Leipzig brennen:
118
So bist du mehr ein Sclav, als Renommist zu nennen.«
119
Er sagts, ein edler Zorn, der seinen Blick erfüllt,
120
Macht ihn von neuem stark, macht ihn von neuem wild;
121
Er eilt gestiefelt fort, und kömmt, voll von Gedanken,
122
Vom stolzen Petersthor bis an die vordern Schranken.
123
Hier stund auf seiner Post ein ehrlicher Soldat,
124
Der noch die Flinte trug und auf die Wache trat,
125
Ob gleich sein graues Haar, die abgelebten Hände
126
Und manche Runzel wies, daß ihm ein nahes Ende
127
Vier Jahr bereits gedräut; der sein geladnes Rohr
128
Nie auf den Feind gekehrt, und dessen altes Ohr
130
Wenn der bepflanzte Wall mit dickem Rauch sich decket.
131
An dem stieß, halb mit Fleiß
132
Der wilde Raufbold an, der mit sich selbsten spricht.
133
Wie wenn man mit der Hand an die bejahrten Rinden
134
Gehöhlter Weiden stößt, die in den sichern Gründen
135
Noch stehn, weil sie ein Bach, der sie benetzt, belebt,
136
Das zitternde Gebäu der alten Wurzeln bebt:
137
So wird von dem Soldat die dürre Brust erschüttert;
138
Er wankt vom starken Stoß, das schlaffe Haupt erzittert.
139
»blitz, Donner, Hagel, Dampf, und Schrecken, Tod und Graus
140
Sey dir auf deinem Kopf! rief Raufbold wüthend aus.
141
Canalje, kannst du mir nicht aus dem Wege gehen?
142
Stehst du nur darum da, mir zum Verdruß zu stehen?«
143
Er sagts, und der Soldat, der sich nicht schlagen will,
144
Großmüthig ihn verschmäht, geht furchtsam, zitternd, still
145
Ins falbe Schilderhaus, wo er mit Freuden siehet,
146
Wie Raufbold durch das Thor mit großen Stiefeln ziehet.
147
Er geht indeß gespornt kühn mitten durch die Schaar,
148
Die zu der Mauren Schutz in diesem Thore war;
149
Sein hönisches Gesicht wies in den schiefen Blicken,
150
Nichts als die größte Lust, sie sämtlich zu zerstücken.
151
»seht! dachten sie bey sich, seht dieß ist ein Student,
152
Der wohl noch diese Nacht das feste Thor berennt;
153
Der Himmel steh uns bey, fängt dieser an zu stürmen,
154
So wird uns dieses Thor vielleicht wohl kaum beschirmen.«
155
Sie fliehn. Der Renommist eilt mitten durch die Stadt.
156
Die Peitsche, die sich wild um ihn geschlängelt hat,
157
Sein aufgeschlagnes Kleid, das in ein Dreyeck schläget,
158
Macht, daß ihn jeder flieht, wenn sich sein Fuß beweget.
159
Die Schönen, die zuvor im Fenster sich gezeigt,
160
Erzittern, da er kühn durch glatte Straßen steigt;
161
Man schlägt das Fenster zu, die großen Scheiben klirren,
162
Und mitten in der Flucht muß sich ihr Haar verwirren.
163
Dieß sieht der Renommist, sein wild Gelächter tönt;
164
Die Luft entweicht zurück, da er die Schönen höhnt
165
»o könntet ihr dieß sehn, rief er, geliebte Brüder!«
166
Indem erblickt er sich im blauen Hechte wieder.
167
Ein kleiner Sybarit hört seines Schutzgeists Wort;
168
Und kaum war Raufbolds Fuß aus grünen Linden fort:
169
So sah man schon den Geist die gelben Flügel schwingen,
170
Und das, was er gehört, zu seinem Führer bringen.
171
»o sprach er: Lindamor, der Fechter, den wir sahn
172
Mit fürchterlichem Schritt sich unsern Linden nahn,
173
Der wird nun ganz gewiß die kurzen Kleider hassen;
174
Denn sonsten müßt er die, die er doch liebt, verlassen.
175
Sein Schutzgeist nur hat Schuld, daß er sich nicht bekehrt:
176
Von dem wird er bestraft, von dem wird er gestört,
177
Wenn er sich ändern will. Ist dessen Stolz gedämpfet,
178
So ist auch Raufbolds Herz bestritten und bekämpfet.«
179
So sprach er: Lindamor hört dieses Geistes Wort;
180
Er hebt den schlanken Fuß, sein Fittig trägt ihn fort.
181
Er war der schönste Geist halbnackter Sybariten,
182
Hold war er an Gestalt, und hold an Gang und Sitten.
183
Sein Haar glich diesem Haar, das unsre Stutzer ziert,
184
Sein hoh und stark Tupe, steil in die Höh geführt,
185
Glich einem schroffen Fels; wie steter Schnee den decket:
186
So war dieß ewig weiß, vom Puderreif verstecket.
187
An beyden Seiten wies des langen Haares Pracht,
188
Der Locken runde Reih, die dieser Geist erdacht;
189
Denn diesen hat zuerst ein langes Haar geschmücket.
190
Der Stutzer ahmt ihm nach, den man, wie ihn, erblicket.
191
Ein schwefelgelbes Paar von Flügeln decket ihn;
192
Sein rauschendes Gewand ist ohne viel Bemühn
193
Nachläßig aufgeknüpft; es flattert in den Lüften.
194
Ein himmelblauer Schurz ziert die gewölbten Hüften.
195
Er stürzt sich in die Luft; sein Flügel sinket schon,
196
Und die Galanterie sieht ihn vor ihrem Thron.
197
Da, wo Vincennens Schloß sein altes Haupt erhebet,
198
Um das gesunde Luft in leichten Wolken schwebet,
199
Wo Staatsgefangne sonst ein klein Vergehn gebüßt,
200
Eh die Galanterie zur Wohnung sichs erkießt,
201
Liegt ein verschonter Wald von Zeit, und Sturm, und Winden,
202
Den Zärtliche nur sehn, und nur Verliebte finden.
203
Hier hat kein Winter noch den Baum vom Laub entblößt,
204
Kein Nordwind, der den Hauch aus wilden Backen stößt,
205
Hat je die Luft durchirrt; nichts darf den Hayn durchdringen
206
Als Schäfer, die von sich die eigne Schwachheit singen.
207
In dem halbnackten Busch, den nur die Blüthe deckt,
208
Steht manche Schäferinn durch junges Laub versteckt.
209
In diesem sichern Wald hebt aus den festen Gründen,
210
Sich ein Palast empor, ein Kranz erhabner Linden,
211
Der sich um diesen Bau mit tausend Zweigen krümmt,
212
Macht ihn dem unsichtbar, der seinen Weg hier nimmt.
213
Die Thür beglänzt die Reih verzierter Marmorseulen,
214
Um die mit krummem Zug geschlanke Reben eilen.
215
Man sieht an dieser Thür ein Frauenzimmer stehn;
216
Bald ist ihr Auge wild, bald furchtsam und doch schön.
217
Im Anfang scheint sie frech; drauf zitternd, still und blöde,
218
Und wenn man sie besiegt, ist sie am meisten spröde.
219
Die Zärtlichen sieht sie auch zärtlich schmachtend an,
220
Und wilde macht sie sich durch Frechheit unterthan.
221
Verführung nennt man sie; stets sinnt sie, sich zu zieren,
222
Denn dieses ist ihr Amt, gefallen und verführen.
223
Sie ändert, wie das Herz, auch täglich das Gewand;
224
Die sich dem Tempel nahn, führt sie mit weisser Hand
225
Zu der Galanterie, die hier mit Blicken krieget,
226
Und was sie sieht, auch reizt, und was sie reizt, besieget.
227
Etwas entfernt von ihr sieht man die Zärtlichkeit.
228
Was uns erträglich ist, wird schon von ihr gescheut;
229
Sie wird beym Pfänderspiel oft ganze Nächte wachen,
230
Und alle, die sie sieht, will sie zu Schäfern machen.
231
Gleich bey der Zärtlichkeit seufzt die Verzweiflung laut,
232
Stets droht sie sich den Tod, stets wird ihr Sarg gebaut,
233
Stets sucht sie ihren Schimpf durch Gift und Dolch zu rächen:
234
Jedoch ihr Gift ist schwach, ihr Dolch will niemals stechen.
235
Die Schwüre, die der Mund der Liebenden gethan,
236
Und die die That doch bricht, trifft man hier flatternd an.
237
Sie fliegen um den Hayn zu tausend großen Heerden,
238
Und endlich müssen sie zu Nachtigallen werden.
239
So gleich wenn man den Fuß in Tempel selbst gesetzt,
240
Wird der bestürzte Blick auf tausend Art ergetzt.
241
Auf einem stolzen Thron, den theures Erzt beschweret,
242
Sitzt die Galanterie, die man hier bückend ehret.
243
Zu ihren Füssen schwingt der kleine Gott, Roman,
244
Den sieggewohnten Pfeil. Ihn hat der Alten Wahn
245
Den Liebesgott genannt; mit seinen schwachen Händen
246
Regieret dieses Kind das Glück von allen Ständen.
247
Auf beyden Seiten steht, mit aufgeziertem Haar,
248
In einer langen Reih, der Moden bunte Schaar.
249
Am Nachttisch, welchen man dem Thron zur Linken schauet,
250
Sitzt unsre Leipziger, die ihr Tupe erbauet.
251
Der Franzen Mode sitzt zur Rechten, welche lacht,
252
Daß unsre Leipziger ihr vieles nachgemacht.
253
Wie Türk und Perser gehn, wie sich Europa kleidet,
254
Was noch der schwarze Mohr um schwarze Lenden leidet,
255
Dieß alles sieht man hier; man hält sie nicht für neu,
256
Drum sind sie auch beynah die letzten in der Reih.
257
Ganz hinten, ganz verlacht, sieht man, in finstern Ecken,
258
Die abgelebte Reih der alten Moden stecken.
259
Die alte deutsche Tracht, die sonst ein Herrman trug,
260
Wenn er um seinen Leib ein rauches Stierfell schlug,
261
Die sieht man oft betrübt nach ihren Töchtern sehen,
262
Die zwar mehr tapfer nicht, doch mehr verzärtelt gehen.
263
Zu diesem Tempel kömmt der zarte Lindamor;
264
Der Flügel gelbes Paar, der Himmelblaue Flor,
265
Der um die Hüften schlägt, und bald davon entweichet,
266
Macht, daß sein leichter Fuß den dicken Hayn erreichet.
267
Hier hört er, was der Mund der Schäferinnen sang,
268
Die ein Damöt zum Kuß, vom Kuß zur Liebe zwang,
269
Die bey der Heerde nur bloß darum schlafen wollten,
270
Damit die Schäfer sie durch Küsse wecken sollten.
271
»o! rief er freudig aus, zwar zärtlich stellt ihr euch:
272
Doch meine Leipziger sind euch hierinnen gleich.
273
Geht hin und fragt die Schaar von meinen liebsten Söhnen,
274
Ihr Auge, wenn es sieht, sieht es nach zarten Schönen.«
275
Er sagts; sogleich war er dem Thron der Göttinn nah.
276
Als sie ihn noch von fern mit trübem Antlitz sah:
277
»so rief sie schon bestürzt: was quälen dich für Sorgen,
278
Getreuer Sybarit, hast du an diesem Morgen
279
Dein schönes Haar verbrannt? ist es nunmehr zu kurz?
280
Wächst dein Tupe nicht mehr? verschießt dein blauer Schurz?
281
Nein, Göttin, rief er aus; wirst du betrübt mich finden,
282
So macht es bloß allein der schwere Schutz der Linden.
283
Du weißt, o Göttinn, schon, daß dort ein Renommist,
284
Den Leipzigern zum Trutz, uns zur Beschimpfung ist;
285
Du weist es, daß ihn noch ein Schlägergeist beschützet,
286
Der, statt uns hold zu seyn, ihn gegen uns erhitzet.
287
Sieh, dieser Renommist wird zu bezwingen seyn;
288
Er sah die Rothmündin, und diese nahm ihn ein;
289
Er war auch schon bereit, die kurze Tracht zu hassen,
290
Sein Jena zu verschmähn, das Schlagen zu verlassen.
291
Allein er ward verführt; sein Schutzgeist hielt ihn ab;
292
Der machte, daß er auch den Linden Abschied gab.
293
Doch, Göttinn, meynst du wohl, daß, da er sich entfernet,
294
Er Leipzig, Lieb und sich auch zu verschmähn gelernet?
295
Nein, große Göttinn, nein, du wirst von ihm geehrt.
296
Da er Sylvanen sah, ward er bereits bekehrt;
297
Sein glänzend Stutzerkleid hat seinen Stolz gedämpfet,
298
Im Herzen liebt er es, ob er uns gleich bekämpfet.
299
Jedoch die Rothmündin, die ists, die ist die Macht,
300
Die, was dein Reich vermehrt, und ich gewünscht, vollbracht.
301
Der, welcher wütend oft in seinen Feind gedrungen,
302
Sieht sich durch ihren Blick getroffen und bezwungen.
303
O Göttinn, schickst du nur den Gott Roman an ihn:
304
So liebt er, und er muß sein wildes Jena fliehn;
305
So wird er sich zu dir, o Leipzger Mode, wenden;
306
Und wenn er sich bekehrt, auch deine Sorgen enden;
307
So wird der Renommist, der uns so lang getrutzt,
308
Ein Stutzer, welcher sich am Nachttisch zärtlich putzt.
309
Und wie hat dann der Geist, der unsern Raufbold führet,
310
Ein solch gehärtet Herz, das keine Schöne rühret?
311
Wie Göttinn? wenn man ihm die schönste Mode schickt,
312
Wer weis, ob er sich nicht vor deinem Throne bückt?«
313
Er schwieg; der Tempel tönt, die bunten Pfeiler beben,
314
Und alles sucht den Geist durch Loben zu erheben.
315
Ein murmelndes Getöß macht aller Beyfall kund.
316
Doch die Galanterie eröffnete den Mund.
317
»sie spricht, die Stille herrscht: so will denn Raufbold siegen?
318
Und dieser Schläger soll euch ungestraft bekriegen?
319
Ists möglich, Lindamor, er trägt noch seine Tracht?
320
Noch ist er nicht bekehrt? noch schmäht er meine Macht?
321
Wohl! will er, Mode, mich und dich, o Geist, verschmähen;
322
So laß ihn du, Roman, die Macht der Liebe sehen.
323
Geh hin, geliebter Sohn, vielleicht daß dir es glückt,
324
Du weist schon, wie man auch ein wildes Herz berückt.
325
Du aber, deren Macht ein ganzes Land erkennet,
326
Du Mode, die der Mund der Franzen reizend nennet,
327
Geh hin, bezwinge du den Renommistengeist,
328
Daß er in dich verliebt und mir gehorsam heißt.«
329
Sie sagts, der Gott Roman regt die gefärbten Flügel,
330
Und schwingt, wie Lindamor, sich über Thal und Hügel.
331
Indem sein schneller Flug durch leere Lüfte stieß,
332
Entdeckt er in der Näh das prangende Paris.
333
Er lachte, da ers sah; so oft ein Stutzer küßte,
334
So oft empfand er auch was ihm den Weg versüßte.
335
»o rief er, werthe Stadt, du bist es würdig, blüh!
336
So steigt mit deinem Flor auch die Galanterie;
337
Sie konnt in dir zuerst die neuen Moden pflanzen,
338
Verehre sie noch oft! Lebt wohl, geliebte Franzen!«
339
Sogleich theilt er aufs neu die Luft, die sausend weicht;
340
Er fliegt, bis er zuletzt das Rosenthal erreicht.
341
»hier, sprach er, Lindamor, hier will ich von dir gehen,
342
Sieg ich, so wirst du mich vor meiner Göttinn sehen.«
343
Er sagts und eilte fort. Ein unbekannter Duft,
344
Der seinen Leib umgab, floß in die heitre Luft.
345
Wer diesen Duft empfand, ward reizend an Geberden,
346
Und mußte mit Gewalt verliebt und zärtlich werden.
347
So wie sich ein Comet in dicken Dampfkreis hüllt,
348
Der, wenn er unsre Luft mit seinen Theilen füllt,
349
Uns Tod und Schrecken dräut so ist sein Leib umringet:
350
Mit einem Götterduft, der uns zur Liebe zwinget.
351
O Raufbold, nimm dein Herz und deinen Muth in Acht!
352
Der Gott Roman ist schon auf deinen Fall bedacht;
353
Mit Pfeilen wird er nicht dein hartes Herz beschiessen;
354
Ein Dunst, ein leichter Dunst wirft dich zu seinen Füssen.
355
Er gieng in das Gemach, wo Raufbold mit dem Arm
356
Sein schweres Haupt gestützt; sein innerlicher Harm
357
Verrieth sich, ob er ihn gleich zu verbergen suchte;
358
Man sah es, weil er oft sich und sein Glück verfluchte.
359
Indeß umnebelt ihn der Dunst und die Gefahr;
360
Er springt halb wüthend auf, da er getroffen war.
361
So wie ein sichrer Hirsch aus seinem Lager setzet,
362
Wenn ihn in seiner Ruh ein wilder Pfeil verletzet,
363
Jedoch, indem er denkt, daß sich die Wunde legt,
364
Er mit dem Pfeil den Tod auf rothem Rücken trägt:
365
So flieht der Renommist, jedoch indem er fliehet,
366
So macht er, daß der Dampf sich stärker um ihn ziehet.
367
»der Donner! rief er aus, verwandelt sich mein Blut?
368
Entflieht von mir die Kraft, entflieht von mir der Muth?
369
Warum bin ich verzagt?« Er schwieg, er setzt sich nieder,
370
Die große Schleife bebt, es zittern seine Glieder.
371
So wie die Pythia die wilden Haare streubt,
372
Wenn der geweihte Dampf sie auf dem Dreyfuß treibt,
373
Den starren Blick verdreht und erst zu gehn sich waget,
374
Bis der erblaßte Mund mit Schrecken wahrgesaget:
375
So sieht auch Raufbold aus; es schien um ihn gethan;
376
Die Liebe macht ihn stumm, doch endlich fieng er an:
377
»so bin ich denn besiegt? so soll ich in den Linden
378
Das, was mein kühnes Herz noch nie gefühlt, empfinden?
379
Nein, nein, ich will noch nicht der Liebe dienstbar seyn;
380
Noch soll kein Renommist sich ihr zum Sclaven weihn,
381
Noch soll ihr – – – aber ach! wie soll ich ihr entgehen?
382
Den Schnurren kann ich zwar, nur der nicht widerstehen.
383
Das Mägdchen war zu schön, die ich zuvor erblickt;
384
Da ich sie einmahl sah, so ward ich schon entzückt.
385
Ich liebe, doch euch nicht, ihr Brüder, zu betrüben,
386
So soll der Renommist auch renommistisch lieben.«
387
Er sagts, der Geist Roman hört es und wird vergnügt.
388
»nun, sprach er, ist es Zeit, daß ihn mein Arm besiegt.«
389
So gleich nahm er Gestalt, und Gang und Tracht und Minen
390
Von seinem Schutzgeist an, der ihm zuvor erschienen.
391
»mein Raufbold, war sein Wort, wohlan! ich geh es ein;
392
Da weder mein Geboth, noch mein erzürntes Dräun
393
Dich abgehalten hat, so magst du auch entbrennen,
394
Geh, liebe, doch nur so, daß dich Jenenser kennen.
395
Es ist die Rothmündin, womit dein Herz sich quält,
396
Die, die du gestern dir zu der Charmant erwählt.«
397
Kaum hat er dieß gesagt, als Raufbold auch entbrannte,
398
»so war, die ich gesehn, von mir gar die Charmante?
399
O, rief er grimmig aus, unglücklicher Sylvan,
400
Dein Tod ist schon gewiß und du bist Schuld daran.«
401
Bey den Jenensern ist ein alt Gesetz in Ehren,
402
Das alte Bursche stets die junge Nachwelt lehren,
403
Das man mit Ehrfurcht sagt und unverbrüchlich hält,
404
Bis in den ewgen Staub das alte Jena fällt.
405
Dieß ists: so oft man sich vor volle Gläser setzet,
406
Wählt sich der nasse Bursch die Schöne, die er schätzet.
407
Er wählt sie, und sein Glas wird ihr zu Ehren leer,
408
Zu ihrer Ehre fällt sein glänzendes Gewehr
409
Auf seines Feindes Kopf; und hat sie ihm gefallen,
410
So wird ihr Name stets durch lange Straßen schallen.
411
Er trinkt sich einen Rausch bloß auf ihr Wohlergehn;
412
Er kennt sie weiter nicht, als daß er sie gesehn;
413
Und dennoch wird er sie mit seinem Blut beschirmen,
414
Ja auf ihr Wohl allein die feste Wache stürmen.
415
Die Renommisten sinds, die dieß Gesetz erhöht;
416
Ihr sieggewohnter Stal macht, daß es stets besteht.
417
Sie werden eh Taback und Ehr und Jena meiden,
418
Als dieß Gesetz verschmäht und sich verachtet leiden.
419
Ein alter Renommist, als er im Zweykampf starb,
420
Und durch den letzten Stoß den letzten Ruhm erwarb,
421
Sprach noch mit blassem Mund zu seinem Secundanten:
422
»beschützet dieß Gesetz, beschützet die Charmanten!
423
Die Seel entflieht mir jetzt, doch nicht mein Muth zugleich
424
Er und mein Degen kömmt nach meinem Tod auf euch.
425
Braucht ihn, daß dieß Gesetz kein Feiger je verhöhne;
426
Schimpft mans, so sterbt mit Ruhm, wie ich, für eure Schöne.«
427
Drum hielt es Raufbold auch, da ihn Sylvan verschmäht,
428
Da er in der Allee mit dieser Schöne geht,
429
Die er doch ungesehn Charmante schon genennet.
430
War es wohl ungerecht, da seine Rach entbrennet?
431
»zum Henker! rief er aus, was denkt Sylvan von mir?
432
Denkt dieser Jungferknecht, ich sey nur darum hier,
433
Von ihm verhöhnt zu seyn? Mein Degen soll ihm zeigen,
434
Daß sich ein Renommist nicht wird vor Stutzern beugen.«
435
Er schwieg, der Gott Roman setzt durch die kleine Hand,
436
Die eine Fackel schwingt, sein Herz noch mehr in Brand,
437
Die Eifersucht sucht ihn mehr Argwohn zu erwecken,
438
Die Stirn beherrscht die Wuth, die Hand das falbe Schrecken.
439
»mein Raufbold, lebe wohl! rief noch der Gott Roman,
440
Daß du auch liebend brennst, das, das hab ich gethan,
441
Geh hin, ich bin vergnügt; auch Schläger zu bezwingen,
442
Kann niemand sonst als ich mit solchem Glück vollbringen.«
443
So gleich begab er sich zu der Galanterie.
444
»o Göttinn, rief er aus, beglückt ist meine Müh!
445
Beglückt ist auch dein Reich, beglückt bist du, o Mode!
446
Der Stürmer ist gestürzt, der uns zu stürzen drohte.
447
Voll Feuer ist der Blick, sein Herz voll Eifersucht,
448
Dein liebster Sohn Sylvan wird zwar von ihm verflucht;
449
Er droht, ihn durch den Stal mit Schrecken zu verderben:
450
Allein, er wird nicht gleich von seinem Drohen sterben.
451
Jedoch, wenn wird einmal der Franzen Mode gehn?
452
Soll sie den Schlägergeist nicht auch bezwungen sehn?
453
Ja, rief die Göttinn, ja, laß, Freundinn, deinen Wagen,
454
Nunmehr dich durch die Luft zum Schlägergeiste tragen.«
455
Sie sagts, die Mode thuts; ihr Wagen wird verziert;
456
Er wird mit sanftem Schritt von Möpschen fortgeführt.
457
Ein Stutzer, der sein Glück gedankenlos besinget,
458
Ist an des Kutschers Statt, der sie zum Laufen zwinget.
459
Ein ganzes Geisterheer fliegt flatternd um ihr Haar.
460
Von weitem nimmt man es nicht um dasselbe wahr:
461
Doch wenn ein Dichter nur den Blick dahin erhebet,
462
So sieht er, daß die Luft von tausend Geistern lebet:
463
So wie, wenn man den Blick nach dem Orion lenkt,
464
Und einen einzeln Stern nur zu erblicken denkt,
465
Doch wenn wir alsobald des Sehrohrs uns bedienen,
466
Dieß achzig Sterne sind, was uns ein Stern geschienen.
467
Die Mode selber sitzt auf einem rothen Sammt,
468
Um den französisch Gold in krausen Trotteln flammt.
469
Gleich über ihrem Haupt schwebt in dem lüftgen Kleide
470
Mit freyem Blick der Reiz, mit heitrer Stirn die Freude.
471
Es eilt von ihrer Stirn ein bogigtes Tupe,
472
Das keine Deutsche schmückt, gekünstelt in die Höh.
473
Man hat es so gebaut, daß es in Locken schläget,
474
Daß ein Cylinder stets den andern zitternd träget.
475
Kein Puder hat noch je ihr schwarzes Haar durchirrt,
476
Damit die weisse Haut noch mehr erhaben wird;
477
Es fliesset lang gerollt auf ihre Schultern nieder,
478
Und spielend hebt sichs oft durch sanfte Weste wieder.
479
Dicht um den Hals schlingt sich, doch fremd, das Palatin;
480
Im Anfang scheint es oft die weiße Brust zu fliehn,
481
Doch eine Schleife muß mit dünnem Flor verstecken,
482
Was durch den muntern Blick die Stutzer gern entdecken.
483
Ein blaulichter Chrysett ist meist ihr liebst Gewand;
484
Den ausgezierten Stoff durchkreuzt ein weisses Band;
485
Es gleicht dem krummen Blitz, der in sich selbst verwirret,
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Von dem geschwärzten Pol bis zu dem andern irret.
487
Ihr Wagen theilt die Luft; vor Henolds Caffeehaus
488
Trat sie, doch unsichtbar, aus ihrem Sitz heraus,
489
Sie wußte, daß dahin der Schlägergeist geflogen,
490
Weil ihn dahin ein Zank, den er gemacht, gezogen.
491
Sein Aug erblickte sie. So wie ein Landmann steht,
492
Und seinen starren Blick nach Apels Hause dreht,
493
Das durch den fremden Bau ihn stutzend an sich ziehet:
494
So stutzt der Schlägergeist, da er die Mode siehet.
495
Sie geht; sein Schritt wird ihr auch zitternd nachgerückt.
496
Kaum sieht er ihr Gesicht so wird er auch entzückt.
497
»wer mag das Mägdchen seyn? fragt er, was für Geberden!
498
In die möcht ich verliebt auch noch in Jena werden,
499
Doch nimmt mir nicht ein Wahn die trüben Augen ein:
500
So scheint sie als ein Geist etherisch schön zu seyn.
501
Mein Seel! mich triegt kein Schein.« Er geht, sein steifer Rücken
502
Muß voller Ehrfurcht sich vor seiner Göttinn bücken.
503
Ein Lächeln, welches macht, daß er zu siegen glaubt,
504
Ein zierlich Sprödethun, das es ihm wieder raubt,
505
Ein schalkheitsvoller Blick erhitzet seine Triebe,
506
Er wird von ihr besiegt, und sagt ihr seine Liebe.
507
So wie ein alter Baum, der bey der Winde Wuth,
508
Die ihn umsonst bestürmt, stets unbewegt geruht,
509
Zuletzt dem wilden Hieb erzürnter Aexte weichet:
510
So wird der Schlägergeist, der einem Felsen gleichet,
511
Der alle Furcht verlacht, wenn er erzürnt gekriegt,
512
Von einer Leidenschaft, die er nicht flieht, besiegt.
513
»geist, war der Mode Wort, Geist, soll ich dich nicht hassen,
514
So mußt du diese Tracht und deinen Stal verlassen,
515
So sey dein Held nicht mehr der jungen Stutzer Trutz;
516
Du aber kleide dich, wie der beliebte Putz.«
517
Sie sagt es; und sogleich sah man ihn seinen Degen
518
Halb ungern, und doch auch halb willig von sich legen.
519
Den Huth, und was ihn noch ein kriegrisch Ansehn gab,
520
Die großen Handschuh selbst, legt er bezwungen ab.
521
Indem ergriff der Scherz, der um die Mode spielte,
522
Den Degen, den so oft der Schnurr unsichtbar fühlte;
523
Er hielt den großen Stal in seiner schwachen Hand,
524
Vor dessen Wirkung auch kein Renommist bestand.
525
Mit spöttischem Gesicht verhöhnt er ihm die Klinge,
526
Das Stichblatt war zu groß, die Scheide zu geringe.
527
Der Tanz, ein loser Geist, nahm seine Handschuh wahr;
528
Er zog sie an, und both ihm sein paar weisse dar.
529
Von einem andern Geist ward ihm der Hut entführet,
530
Den die geschickte Hand französisch ausstaffieret.
531
Dieß sah der Schlägergeist: »wie? diese nackte Schar
532
Nimmt meinen Degen weg? ja sie verhöhnt ihn gar?
533
Canalljen! wollt ihr fort! geht mir aus dem Gesichte,
534
Wo nicht, so macht euch noch mein wilder Zorn zunichte.
535
Du aber, die du mich zu dieser That verführt,
536
Coquette, lebe wohl! ich bin nicht mehr gerührt.
537
Ich will zu meinem Held, zum Renommisten gehen;
538
Fliehn ist der beste Rath, sich nicht verliebt zu sehen.«
539
So sprach er: und entwich. Die Mode sieht ihn fliehn.
540
»vergeblich ist also mein Reiz und mein Bemühn?
541
Schrie sie vor innrer Wuth: mich fast nicht anzublicken?
542
Dieß, dieses ist zuviel und doch muß es ihm glücken?
543
Sieh, o Galanterie! sieh des Verwegnen Muth!
544
O könnt ich nur. – – Sie schwieg, und ihr etherisch Blut,«
545
Das sonst in dem Gesicht mit Lächeln aufgegangen,
546
Entwich vor Zorn zurück, verlohr sich von den Wangen.
547
Sie eilt mit Schrecken fort zu der Galanterie;
548
Der Renommistengeist zum Raufbold, welcher schrie:
549
»ja, ja, es ist gewiß, Sylvan, du mußt dich schlagen
550
Willst du nicht stets zum Spott des Feigen Namen tragen.
551
Wie? schlagen? Recht mein Sohn, so machts ein Renommist,
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Der auch in Leipzig nicht sich und sein Amt vergißt.
553
Bemühe dich ja wohl, ihm ins Gesicht zu hauen,
554
So muß der Feige doch die Larve häßlich schauen.«
555
Drauf lief der Renommist und rief die Jungemagd:
556
»hohlt die drey Freunde her, die ich euch schon gesagt.«
557
Sie geht, er wirft sogleich die großen Handschuh nieder,
558
Und voll vom nahen Kampf erwartet er die Brüder.