Die Luft beglänzte schon der Sonne reger Schimmer

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariä: Die Luft beglänzte schon der Sonne reger Schimmer Titel entspricht 1. Vers(1751)

1
Die Luft beglänzte schon der Sonne reger Schimmer;
2
Er warf den güldnen Stral in Raufbolds Ruhezimmer.
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Der Vorhang, der ihn brach, und rauschend vor ihn trat,
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Zog an der weißen Wand ein länglichtes Qvadrat.
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Des Degens Stichblatt schien, in falben Schattenbildern,
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Der Schreckkometen Lauf elliptisch abzuschildern.
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Ganz Leipzig hub sich schon halb taumelnd in die Höh,
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Und trank das schwere Naß, den bräunlichen Caffee;
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An jedem Nachttisch ward der Schönen Witz geschäfftig,
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Und macht erst ihren Reiz durch fremden Anputz kräftig.
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Der Spiegel, der allein sonst unparteyisch war,
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Stellt, die kaum häßlich schien, itzt jung und reizend dar,
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Und sieht, wie man sich quält, durch einen schwarzen Flecken
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Ein feindlich Blätterchen
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Nur Raufbold ruhte noch, und lag, von Sorgen frey,
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Bis in den hellen Tag, auf einer harten Streu.
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Zwar kostbar schlief er nicht, doch schlief er ohne Kummer,
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Und mancher wache Geist versüßt ihm Ruh und Schlummer.
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Der Schlaf, den man nur meist in braunen Nächten sieht,
20
Der, wenn der Morgen glänzt, die muntern Menschen flieht,
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Und wenn des Bauers Hand ihn aus den Augen reibet,
22
In bunte Zimmer flieht, und in den Städten bleibet;
23
Der fand bey Raufbolds Ruh, da er durch Spiel und Schmaus
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Die Nacht zum Tag gemacht, auch noch im Tag ein Haus.
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Er schläft und ruht mit ihm, und nimmt die Augenlieder
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Zu seinem sanften Sitz, und drückt sie sinkend nieder.
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Dieß sieht sein wilder Schutz, der Renommistengeist,
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Sein Auge flammt vor Zorn, da er den Schlaf so dreust
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Auf Raufbolds Augen sieht; er schwört, ihn zu bestrafen;
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Doch läßt er auf sein Flehn ihn und den Helden schlafen.
31
»wie, Raufbold? seufzet er, du schläfst? ach wüßtest du,
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Wie sehr bey deiner Streu, bey deiner süßen Ruh,
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Dein Schutzgeist sich betrübt; wie würdest du erschrecken;
34
Die Wangen würden sich mit edler Röthe decken.
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Wer weis, ob dich nicht schon der Mode Wort verführt?
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Wer weis es, ob nicht schon dein Herz die Neigung spürt,
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Die kurze leichte Tracht abtrünnig zu verändern,
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Und Hals, und Uhr, und Stock, und Degen zu bebändern?
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Wie oft nimmt uns der Glanz von der Verändrung ein – –
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Jedoch du bist zu stolz, ein Leipziger zu seyn.
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Ein Stiefel reizt dich nur; wich er vor weißen Strümpfen,
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Du würdest Jena, dich, und deinen Stal beschimpfen.«
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Er schwieg, und setzte sich auf Raufbolds Degenknopf;
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Sein sonst so kühner Arm stützt den gebeugten Kopf;
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Sein Finger, den er stolz an seine Nase legte,
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Wies, daß ein herber Gram sein kühnes Herz bewegte.
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Jedoch die Freude kömmt, und heitert sein Gesicht
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Und seine Wangen auf; ein aufgeklärtes Licht,
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Das von der Stirne schießt, prallt von der Wand zurücke,
50
Froh wird sein Angesicht, froh werden seine Blicke.
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Wie, wenn vom Horizont der schwarze Dunst entflieht,
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Ein lächelnd heitres Blau die leere Luft bezieht,
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Der Himmel sich entwölkt, und auf den holen Flächen
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Die freyen Stralen sich mit regem Lichte brechen:
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So floh von seiner Stirn, die erst der Gram umhüllt,
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Der Runzeln krumme Reih, der Sorge bleiches Bild.
57
»wie, sprach er, soll der Ruf von meinen tapfern Söhnen,
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Vom weiten Markt allein bis zu der Mod ertönen?
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Nein! mein bewiesner Muth verstöhr ihr neues Reich,
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Mach ihre Hülfe schwach, und Leipzig Jena gleich!
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Den gelben Caffeegott will ich zuerst verführen;
62
Dann sollen meine List die andern Geister spüren.«
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Sogleich macht er aus Luft, die er geschwind verdickt,
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Sich einen Oberrock, den keine Steife drückt.
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Er macht sich dieß Gewand, Jenensern gleich zu gehen,
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Und daß er jenisch sey, auch schweigend zu gestehen.
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Sein Fittig, der beynah dem großen Handschuh glich,
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Macht, daß er, wie Mercur, die leichte Luft durchstrich.
69
Da, wo Schellhafers Haus die festen Mauern endet,
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Ragt, wenn man seinen Blick schief gegenüber wendet,
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Ein glänzend Haus empor, das durch die neue Pracht
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Fast einem Schlosse gleicht, Paläste finster macht.
73
So, wie im dicken Wald, ein Kranz bejahrter Eichen,
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Durch seine Wipfel droht, den Himmel zu erreichen,
75
Ein schlanker Tannenbaum sie sämmtlich übereilt,
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Und durch sein grünes Haupt die Wolken fast zertheilt:
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So streckt dieß stolze Haus den Giebel in die Lüfte,
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Und hüllet oft das Dach in falben Rauch und Düfte.
79
Der Eingang zeigt sogleich in einer Schilderey,
80
Daß dieß des Caffeegotts geweihter Tempel sey.
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Es liegt ein Araber an dieses Gottes Baume;
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Ihm bringt, in flachem Gold, von dem durchsüßten Schaume,
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Den man aus Bohnen kocht, die die Levante schickt,
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Ein nackter Liebesgott, der lächelnd auf ihn blickt,
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Ein volles Köpfchen dar; er nimmt es, sich zu laben;
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Dieß ist aus Stein gehaun, und durch die Kunst erhaben.
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Im Innern wird man gleich den rauchenden Altar,
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Woselbst auf flachem Thron der Caffee sitzt, gewahr.
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Er muß ein Löffelchen, anstatt des Zepters, führen,
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Und ihn ein Zuckerhut statt einer Krone zieren.
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An seiner Seite brennt die Lamp in blauer Glut,
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Auf der sein trinkbar Gold in einem Kessel ruht;
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Das Wasser sprudelt auf, sein Pulver schlägt es nieder,
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Doch hebt sichs, wie erzürnt, mit schwarzen Wellen wieder.
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Er trinkt, indem er nichts, als nur die Lippen regt.
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Sein lüftiges Gewand, das um die Hüften schlägt,
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Ist braun, wie sein Gesicht. Es steht auf Nebentischen
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Gebacknes Zuckerwerk, den Trank damit zu mischen.
99
Der Renommistengeist trat kühn in das Gemach;
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Er beugte sich verstellt vor seinem Thron, und sprach:
101
»du, dessen brauner Trank die Leipziger belebet,
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Mein jenisches Gewand, das um die Schultern schwebet,
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Zeigt, daß ein fremder Geist zu deinem Thron sich naht,
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Der, deine Pracht zu sehn, vergnügt aus Jena trat.
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Doch, wie bin ich erstaunt! wie ist dein Glanz verheeret!
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Die Tempel, wo man dich durch Knasterdampf verehret,
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Wo man in Porcellan dir Opfer dargebracht,
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Hat einer Göttinn Wort vom Volk entblößt gemacht.
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Nur einzeln und zerstreut sieht man auf deinen Häusern,
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In niederm Pöbelvolk, dein mächtig Reich sich äußern.
111
Die Stutzer dieser Stadt sind meist von dir getrennt,
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Da ihre ganze Schaar den Thee als Gott erkennt.
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Du weißt nicht, wie man dich und deinen Trank verschmähet,
114
Da Mittags auch sogar Thee auf den Tischen stehet.
115
Früh, wenn man ungeputzt vom Schlafe kaum erwacht,
116
Wird, dir zum größten Schimpf, dein brauner Trank gebracht.
117
Und hat die Mode nicht die Neuerung ersonnen?
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Hat die Galanterie nicht solches angesponnen?
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Und dennoch bleibest du der falschen Göttinn treu?
120
Und dennoch stehst du ihr und ihrem Reiche bey?
121
Nein, Jena, das zu sehn, nur Leipziger verschwören,
122
Weis, itzo zwar noch wild, doch treu, dich zu verehren.
123
Es trinket nicht dein Naß mit vieler Zärtlichkeit.
124
Hier ehrt man dich durch Furcht, in Jena, daß man schreyt,
125
Folgst du denn, als ein Gott, der Mode neuen Willen?
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Willst du, was sie befiehlt, auch als ein Sklav erfüllen?«
127
Er schwieg. Der faule Gott setzt erst mit träger Hand
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Durch brennendes Papier die Lamp in neuen Brand;
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Dreymal erhellt dieß Licht den Dampf durch lichte Stralen,
130
Und dreymal macht er erst die angefüllten Schalen
131
Mit seinen Lippen leer, eh er das Schweigen brach.
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Jedoch des Kobolds Fluch macht, daß er dieses sprach:
133
»geist, warum suchst du dich vergeblich zu bemühen,
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Mich durch ein kriegrisch Wort in deinen Streit zu ziehen?
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Zuerst zeigt mir dein Fluch, daß du von Jena kömmst;
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Dann, daß du auch den Lauf der besten Moden hemmst.
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Was schwächt es meine Macht, daß man am frühen Morgen
138
Mein nährend Wasser trinkt, wo man noch leer von Sorgen,
139
Frey von Besuchen ist? Geh, dieß ist, was ich will;
140
Zum Krieg bin ich zu sanft, zum Zank bin ich zu still.
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O, rief der Kobold drauf, welch ein verzagt Gemüthe!
142
So wallt denn auch in dir dieß weibische Geblüte,
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Das die Galanterie und alles zitternd macht,
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Wenn man von ungefähr an Krieg und Stal gedacht?
145
Ja, ja, mehr als zu still – – doch wirst du meinen Streichen
146
Darum entgehn – –? er schwieg; der Zorn hieß ihm entweichen.«
147
Er eilt, sein wilder Schwung trägt ihn behend zurück;
148
Halb rasend, halb betrübt flammt sein verdrehter Blick.
149
Die Mode, die indeß mit halb verworrnen Haaren
150
Zurückgekommen war, rief von den treuen Schaaren
151
Den aufgeschmückten Putz; er kam, und sie fing an:
152
»geh, eile durch die Luft zu meinem Sohn, Sylvan!
153
Erweck ihn, hilf sein Haar durch heißes Eisen beugen,
154
Laß ihn im Festgewand mit voller Pracht sich zeigen,
155
Daß man ihn, als das Haupt der Stutzer, prangen sieht;
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Und wenn er denn geschmückt die Augen auf sich zieht:
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So laß ihn in den Hecht zum Renommisten tragen,
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Der wird, wenn er ihn sieht, der kurzen Tracht entsagen.«
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So sprach sie; und ihn trägt der Flügel flatternd Paar
160
Durch die zertheilte Luft; sein buntgefärbtes Haar
161
Scheint von dem sanften West itzt flatternd, itzt zerflogen,
162
Und macht den Sterblichen den schönsten Regenbogen.
163
Sein halb mit Gold gestickt, halb silbernes Gewand,
164
Das er mit weiser Faust nachläßig um sich band,
165
Wies in der obern Luft den allerreinsten Schimmer.
166
Indem erreicht sein Fuß Sylvans geschmücktes Zimmer.
167
Sogleich verweilt den Blick die aufgeputzte Wand,
168
An der er manch Gemäld auf bunten Tüchern fand.
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Zween Spiegel, deren Last zwo große Schleifen hielten,
170
Die neidisch auf sich selbst mit gleichen Bildern spielten,
171
Entdeckten diesem Geist, der ihre Ränder maß,
172
Sein oft gesehnes Bild durch ihr getreues Glas.
173
Dicht unter jedem mußt ein Armstuhl sich erhöhen,
174
Und an der Thüre sah man zweene Sessel stehen:
175
Doch konnt ihn dießmal nur die Ordnung halb erfreun;
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Er ging geschwind hindurch ins Schlafgemach hinein,
177
Woselbst ein Nachttisch stund, mit Puder überzogen,
178
Von dem die Stäubchen noch um seine Fläche flogen.
179
Sylvan lag noch im Schlaf; dieß sah der Putz, und sprach:
180
»auf! junger Herr, gieb itzt dem Schlummer nicht mehr nach!
181
Auf! eine Gottheit selbst befiehlt dir, zu erwachen;
182
Die Mode schickt mich her, dich heute schön zu machen.
183
Hör, Raufbold ist ietzt hier, in Jena sonst dein Freund,
184
Besuch ihn doch, daß ihm dein Anzug reizend scheint.
185
Er wohnt im blauen Hecht; geh hin, ihn zu bekehren,
186
Ein Leipziger zu seyn, die Mode zu verehren.«
187
Sogleich erwacht Sylvan; man hat ihn sonst gesehn,
188
Da er von Jena kam, Jenensern ähnlich gehn:
189
Doch da er Stutzer sah, lernt er sein Kleid verachten;
190
Er ward ihr Oberhaupt, der erste neuer Trachten.
191
So, wie ein Renegat weit mehr die Christen scheut,
192
Als der, dem die Geburt den Alcoran
193
So schien er auch hernach Jenenser mehr zu hassen,
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Als Leipziger nicht thun, die Leipzig nie verlassen.
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Er warf den Schlafrock um, noch halb vom Schlaf entstellt
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Und da der rasche Stoff von seinen Achseln fällt,
197
Macht er ein sanft Getön, indem die seidnen Falten
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Mit schwirrendem Geräusch von ihm zurücke prallten.
199
Wie, wenn von Chloens Hut das Band vom Damon hängt,
200
Der schalkheitsvolle West sich in denselben fängt,
201
Es wirbelnd um sich dreht, itzt rollend schnell vereinet,
202
Und wenn ers flatternd hebt, es zu entführen scheinet,
203
Die Schäferinn sogleich ein reges Säuseln spürt;
204
So rauscht der Schlafrock auch, da ihn Sylvan berührt.
205
»was, sprach er, hab ich nicht in diesem Traum gesehen?
206
Ists wahr, ist Raufbold da; so muß ich zu ihm gehen.
207
In Jena kannt ich ihn als Bruder und als Freund:
208
Wer weis, er wird wohl hier den kurzen Kleidern feind,
209
Und kleidet sich, wie ich?« So sprach er voller Freuden;
210
Sein Diener trat herein, und half ihm zierlich kleiden.
211
Ein weißer seidner Strumpf umwickelte das Knie;
212
Die hohe Lasch am Schuh war durch des Schusters Müh
213
Mit schmalem Band besetzt, und auf den schwarzen Flächen
214
Sah man den breiten Riem tombackne Schnallen brechen.
215
Des Puders zarter Staub fiel wolkicht auf sein Haar,
216
Dem ein erhitzter Stahl der Locken Ursprung war.
217
Der Putz half sein Tupe
218
Und setzte sich darauf, es tapfer zu beschirmen.
219
Den weißen Hals umschloß ein schwarzes seidnes Band,
220
Das sich bey seinem Kinn in eine Schleife wand.
221
Ein neuer Modezeug aus rosenfarbner Seide,
222
Voll Laubwerk schön gewebt, dient ihm zum Oberkleide,
223
Das an der breiten Schooß sich tief in Falten zog,
224
Und an der Brust gesteift halb rund sich auswärts bog.
225
Der Leib war kurz im Schnitt, der Ermel lang gestrecket,
226
Der den sonst freyen Arm bis an den Knöchel decket,
227
Um den in gradem Strich ein langer Aufschlag liegt,
228
Der unten aufgeschlitzt, gleich einem Viereck, fliegt,
229
Und nur bis ans Gelenk des Ellenbogens steiget,
230
Wo er in gleicher Reih fünf güldne Knöpfe zeiget.
231
Es deckt die kleine Hand der zärteste Battist,
232
Der kraus in Falten liegt, und vorne bogicht ist,
233
Durch glühend Eisen krumm, macht er durch seine Länge
234
In einer Zirkelform ein flatterndes Gepränge.
235
Dieß ist das obre Blatt, das an die Finger reicht.
236
Wenn es, vom Wind bewegt, etwas zurücke weicht:
237
So sieht man seine Hand noch kleinre Krausen decken,
238
Die ihre Falten kurz nach alter Mode strecken.
239
Ein breitgewirktes Gold umgab der Weste Rand;
240
Grisett hieß man den Stoff, aus welchem sie entstand;
241
Seit gestern hatt er sie; die Farbe glich den Lüften,
242
Wenn sie der Frühling leert, von den geschwärzten Düften.
243
Der Hüften enges Kleid war schwarzer Groditur
244
Und die beglänzte noch das göldne Band der Uhr,
245
Die seine Tasche zwar halb zeigte, halb verhehlte,
246
Doch die er gänzlich wies, wenn er etwas erzählte.
247
Zuletzt ergriff er noch den leichten Stutzerstal;
248
Er hatt um sein Gewind, nach einer langen Wahl,
249
Ein bläulicht Band geknüpft, und um sich nie zu schlagen,
250
Wollt er ihn ungeschärft, und ohne Stichblatt tragen.
251
Sein Rohr aus Indien ziert ein besondrer Knopf;
252
Er war aus Porcellan ein Frauenzimmerkopf;
253
Der unbelebte Ton schien lächelnd zu entzücken;
254
Der Reiz war auf der Stirn, der Muthwill in den Blicken.
255
Nunmehro stellt er sich mit aufgebautem Haar,
256
In Kleidern, als das Haupt von Leipzigs Stutzern dar.
257
Eh die bemühte Hand den langen Anzug endet,
258
War zweyer Stunden Zeit, jedoch mit Ruhm, verschwendet.
259
Wie, wenn die kühle Nacht die nassen Felder flieht,
260
Und an dem Horizont die Morgenröthe glüht,
261
Die Rose, deren Haupt der Thau zur Erde zwinget,
262
Es itzund freudig hebt, da sie der Tag verjünget,
263
Die rothe Höhle sich erst nach und nach entschließt,
264
Bis, wenn ein Sonnenstral auf ihre Fläche schießt,
265
Der weichen Blätter Reih in runder Form sich spreitet,
266
Und endlich auf einmal sich auseinander breitet:
267
So wuchs bey jedem Stück der neuerfundnen Tracht,
268
Doch erstlich nach und nach Sylvans gehäufte Pracht,
269
Bis, da sich um den Leib die seidne Kleidung beugte,
270
Er sich auf einmal schön, auf einmal reizend zeigte.
271
Der Tanz hub seinen Fuß; er gieng zum Spiegelglas,
272
Wo er Tupe und Haar noch einmal klügelnd maß.
273
Doch hätt ihn, da der Putz ihm allzuschön geglücket,
274
Beynah sein eignes Bild, wie den Narciß, entzücket.
275
»ja, Raufbold, rief er aus, bist du auch noch so wild:
276
So reizt dich doch, wie mich, mein allzureizend Bild.
277
Wärst du auch ein Barbar, so muß ich dich vergnügen;
278
Der Leipziger zeigt sich in allen meinen Zügen.«
279
Indeß trat sein Lakay vergnügt in das Gemach:
280
»herr, sprach er, auf ihr Wort fragt ich im Hechte nach,
281
Herr Raufbold ist schon da; gleich wird die Sänfte kommen,
282
Die ich zu ihrem Dienst mit mir hieher genommen.«
283
Sogleich war er bereit; jedoch, indem er geht,
284
So schickt er noch zuvor zur Mode dieß Gebeth:
285
»o Göttinn! der ich hier vor meinem Nachttisch diene,
286
O Mode! sieh auf mich, doch mit geneigter Mine.
287
Die Sänfte bringt mich itzt zu Raufbolds Zimmer hin:
288
Hilf mir, daß ich ihm doch als Freund auch reizend bin!
289
Laß diesen Renommist durch meine Kunst bekehren:
290
Als Bruder liebt er mich, als Freund mag er mich hören.
291
Wirf meiner Kleidung Reiz, den Haaren Schönheit zu,
292
Und kurz, Gesicht und Tracht sey, Göttinn, so wie du.
293
Hilf, daß dieß lange Rohr sein wildes Herz bewege!
294
Mir mach Beständigkeit, und ihm Verlangen rege!«
295
So sprach er, und sein Wort drang zu der Göttinn Höhn.
296
Die Mode sah auf ihn, und hörte dieses Flehn.
297
Sie winkt; sogleich sieht sie der Geister rege Schaaren,
298
Die mit geschloßner Reih und gaukelnd um sie waren.
299
»ihr Complimente, fliegt, strengt eure Flügel an,
300
Und schwebt mit starker Kraft um meinen Sohn, Sylvan.
301
Beschützt ihn; denn er will zum Renommisten gehen.
302
Vielleicht kann ich durch ihn sein Herz verändert sehen,
303
Da er vor kurzem mir sehr schlechte Hoffnung gab.«
304
So sprach sie, und der Schwarm stürzt sich sogleich herab.
305
Ihr Wort war von der Kraft, sie sämmtlich aufzuwiegeln.
306
Sie winkt, dieß war genug, die Geister zu beflügeln.
307
Sylvan stund in der Thür, die Sänfte war schon da,
308
Als ihn bereits von fern der Blick der Geister sah;
309
Sogleich sah man das Heer um seine Sänfte schweben;
310
Sogleich ward Lipp und Mund von ihrer Schaar umgeben.
311
Da der getreue Putz, der sein Tupe geschmückt,
312
Und auf der Spitze saß, sie um sich her erblickt,
313
Rief er gebiethrisch aus: »Ihr Geister, kommt und höret,
314
Was euch der Putz befiehlt, was euch die Mode lehret.
315
Ich weis, sie schickt euch her, um den Sylvan zu seyn;
316
Drum nehmt auch euren Platz nach ihrem Willen ein.
317
Du, zierlicher Brador, setz dich auf seine Schleife,
318
So, daß um seinen Hals dein schwarz Gefieder streife:
319
Und wenn der Geist Podan die Füß ihm zierlich beugt;
320
So mach du, daß sein Haupt sich gleichfalls höflich neigt.
321
Du aber, Seladon, liebäugle mit den Blicken,
322
Die Schönen, die ihn sehn, betrügrisch zu bestricken.
323
Beredter Florimand, den Mund eröffne du,
324
Wenn sein Verstand nicht denkt; und denkt er, schließ ihn zu.
325
Ihr andern Geister könnt auf seinem Hute sitzen,
326
Die Dresse
327
Da, wo sein schroff Tupe die höchste Spitze macht,
328
Seh ich auf euch herab; nehmt ihr mein Wort in Acht;
329
Und wird Sylvan beschützt: so werd ich euch beglücken;
330
Wo nicht, so sollen euch die schwersten Strafen drücken.
331
Der eine soll zwölf Jahr mit steifem Rücken stehn,
332
Der andre soll niemals nach jungen Schönen sehn,
333
Der dritte, wenn er scherzt, soll stets vernünftig scherzen,
334
Und Tobacksdampf soll euch die blauen Flügel schwärzen.«
335
So sprach er, und die Schaar wird durch die Ehr entflammt;
336
Mit stolzem Angesicht eilt jeder an sein Amt.
337
Indessen läßt Sylvan die Thür der Sänfte schließen,
338
Die Träger schreiten fort, mit weitgedehnten Füßen.
339
Und wie? der Renommist schließt noch die Augen zu?
340
Nein, der bemühte Tag verjagt die faule Ruh:
341
Und Raufbold hebt sein Haupt dem hohen Tag entgegen,
342
Vom harten Stroh empor, auf dem er sanft gelegen.
343
Da er an seinen Fuß den engen Stiefel zwang,
344
Erscholl von seinem Mund ein jenischer Gesang:
345
»dem Biere günstig seyn, die Schnurren zu bekriegen,
346
Im Zweykampf fest zu stehn, den Bürger zu betrügen,
347
Wenn man die Schuld ihm läßt, und ohne Schuld entflieht:«
348
Dieß sang er männlich ab; dieß war sein Morgenlied.
349
Drauf sprach er, da den Fuß die harten Stiefel drücken,
350
Von Donner, Blitz und Tod, und Schlagen und Zerstücken.
351
Er gieng nun in den Stall, sein treues Roß zu sehn.
352
Jedoch der Stutzer kam, und zwang ihn, still zu stehn.
353
Sein Glanz war allzugroß; zwar hielt er nicht die Blicke,
354
Doch den gehobnen Fuß, und ihn zugleich zurücke.
355
Wie, wenn ein leichter Hirsch dem schnellen Hund entweicht,
356
In flüchtigem Entfliehn durch rasche Büsche streicht;
357
Mit zackigtem Geweyh das leere Feld durcheilet,
358
Doch wenn das Horn ertönt, die Flucht etwas verweilet,
359
In seinem Laufe stutzt, die schlaffen Ohren spitzt:
360
So stutzt auch Raufbold erst; doch gleich wird er erhitzt,
361
Da er ihn selber sieht. Je mehr Sylvan sich nahte,
362
Jemehr verdroß ihn auch der Glanz von seinem Staate.
363
Sein Renommistenblick, der seitwärts auf ihn flog,
364
Und prallend eine Form von spitzen Winkeln zog,
365
Vermochte seinen Zorn, auch da er schwieg, zu zeigen.
366
Der Stutzer sah dieß an, und brach das lange Schweigen:
367
»wie? Raufbold! rief er aus; wie? kennst du mich nicht mehr?
368
Ists möglich, fällt es dir, mich zu umarmen, schwer?
369
O Freund! soll ich dein Herz, wie dein Gesicht betrachten;
370
So kennst du mich nicht mehr; so willst du mich verachten.«
371
Nein, dachte Raufbolds Herz, ich weis wohl, wer du bist;
372
Jedoch in solcher Tracht kennt dich kein Renommist.
373
Wo du, o Feiger, willst an Jena untreu werden:
374
So kenn ich dich auch nicht in leipziger Geberden.
375
Er stellte sich bestürzt, und fragt ihn, wer er sey:
376
O! rief der Stutzer drauf: »Freund, du bist ungetreu.
377
Hätt ich doch nur mein Haar vergeblich nicht gebogen;
378
Müh, Fleiß und Putz sind hin; ich sehe mich betrogen.
379
Ja, ja, umsonst bin ich um neun Uhr aufgewacht;
380
Und itzo wird nicht mehr, Sylvan, an dich gedacht?«
381
Sylvan? sprach Raufbold drauf, mit angenommner Freude,
382
»mein Seel! ich kannt dich nicht, in deinem stolzen Kleide.
383
Obgleich dein Mund verstellt, und nicht mehr jenisch spricht:
384
So kenn ich doch nunmehr dein weißes Angesicht.
385
Da, geh in dieß Gemach, gleich werd ich dich umarmen;
386
Jetzt, Bruder, muß ich mich des kranken Pferds erbarmen.
387
Ich weis, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich geh,
388
Und nach der Reis einmal den armen Gaul beseh.«
389
Er sagts, und geht hinab, zu seinem kranken Pferde,
390
Der Stutzer ins Gemach, mit zorniger Gebehrde.
391
Was Raufbold itzt gethan, schien ihm ein solch Vergehn,
392
Daß er im Zorne schwur, sein rieselnd Blut zu sehn.
393
Die Geister, die indeß theils auf des Hutes Dressen,
394
Theils auf dem weißen Haar um ihn herum gesessen,
395
Ersahen, daß er sich zu setzen Willens war;
396
Und gleich den Augenblick flog von der wachen Schaar
397
Das Compliment herab, das, wenn es Stühle bringet,
398
Uns höflich, oft auch falsch, zum Niederlassen zwinget.
399
Gleich nimmt es einen Stuhl mit der geschloßnen Hand,
400
Und bringt ihn unsichtbar dem Stutzer, der noch stand:
401
So, wie in dem Homer ein Dreyfuß Leben heget,
402
Der zu den Göttern sich mit stolzem Gang beweget.
403
Sylvan, der es nicht sah, setzt sich ergrimmt darauf,
404
Und noch vom Zorn erfüllt, läßt er den Klagen Lauf.
405
»ach, seufzt er, bin ich denn noch nicht genug verschmähet,
406
Daß er mich einsam läßt, und erst zum Pferde gehet?
407
Erst machte, wie er sprach, dieß leipziger Gewand
408
Dem falschen Raufbold mich verhaßt und unbekannt;
409
Nun will er auch sogar – – jedoch ich will mich rächen,
410
Ich will – – Er schwieg; der Zorn verwehrt ihn, mehr zu sprechen.«
411
Der Augen funkelnd Paar verdrehte bald der Harm,
412
Und bald die bleiche Wuth; er bog den rechten Arm,
413
Schloß seine weiße Hand, droht mit galanten Fluchen,
414
Aus Rach an ihm dereinst den Degen zu versuchen.
415
Der Renommistengeist kam aus dem Stall zurück;
416
Die Neugier lenkt sogleich auf den Sylvan den Blick;
417
Doch wie verdroß es ihn, da er den Puder wittert!
418
Sein Fluch macht, daß das Heer der Complimente zittert.
419
Der Putz, ihr Führer, bebt, und jeder wird erschreckt,
420
Da dieser wilde Geist mit Lachen sie entdeckt.
421
Wie, wenn die Frösch im Lenz aus lauen Sümpfen fliehen,
422
Und aus dem dichten Schilf an grüne Ränder ziehen,
423
Die Schaar, wenn etwas rauscht, vom Rand ins Wasser hüpft,
424
Mit schlüpfrigem Geräusch in schlanke Binsen schlüpft,
425
Bis auf den Boden sinkt, und sich erst sicher schätzet,
426
Wenn in dem Wassergras das Heer vertraulich schwätzet;
427
Jedoch so bald die Fluth nicht mehr von Wellen bebt,
428
Der kühnste Frosch zuerst sein dickes Haupt erhebt;
429
Und wenn sein grüner Leib kein zitternd Wasser fühlet,
430
Mit seinen Füßen steigt, und auf der Fläche spielet:
431
So bebt vor seinem Blick der Geister feige Schaar.
432
Der von der Furcht gejagt, verbirgt sich in sein Haar;
433
Der in den großen Hut, und jener in die Schatten,
434
Wo unter seinem Kinn sich Hals und Schleife gatten.
435
Dieß sah der wilde Geist; er rief, indem er lacht:
436
»hört, Geister, nehmt ihr auch den Stutzer so in Acht?
437
Warum flieht ihr vor mir? ich werd euch nicht verderben;
438
Ihr seyd zu schön geputzt, und allzuklein zum Sterben.
439
Allein euch ists ein Schimpf, daß ihr hier knechtisch sitzt,
440
Und mit so vieler Müh ein weibisch Haar beschützt.
441
Wißt ihr, daß dieser Staat sehr schlecht den Stutzer zieret,
442
Daß, wenn er ihn verliehrt, er auch sein Gut verliehret,
443
Daß er durch dieß Gewand mehr borgt, als er bezahlt,
444
Und daß er oft mit Gold bey leerem Magen prahlt?
445
Glaubt mir, sein größter Fleiß könnt erst nach zweyen Jahren
446
Mit Hungern sich das Geld zu diesem Kleid ersparen.
447
Und ihr beschützt ihn noch, und gaukelt noch um ihn?
448
Es ist der beste Rath, sogleich von ihm zu fliehn.
449
Euch Geistern stehts nicht an, um ihn herum zu schweben;
450
Er wird euch nicht, ihr ihm, ein würdig Ansehn geben.«
451
Dieß war sein letztes Wort; er sagt es, und geschwind
452
Verwandelt sich sein Leib in einen Wirbelwind,
453
Der durch das Fenster stieß, des Stutzers Haar verheerte,
454
Und seinen Lockenbau mit wildem Hauch zerstörte.
455
Dieß sah der treue Putz; von edlem Zorn gereizt,
456
Rief er dem Kobold zu, der durch die Haare kreuzt:
457
»wieweit wirst du doch noch den frechen Hochmuth treiben?
458
Kann denn auch dieses Haar nicht unzerstreuet bleiben?
459
Geist, bändige die Wuth! wem willst du widerstehn?
460
Der Göttinn, die hier herrscht, der Mode? welch Vergehn!
461
Halt ein; sonst mußt du auch in meiner Stutzer Trachten,
462
Weil Raufbold sich bekehrt, den Renommist verachten.
463
So? Raufbold sich bekehrt? ein herrlicher Bericht!
464
Jedoch, du guter Putz, du kennst Jenenser nicht.
465
Da kömmt er selbst, gieb Acht, ob du ihn wirst ergetzen.«
466
Und alsbald sah man ihn den Fuß ins Zimmer setzen.
467
»freund, rief er, ach mein Pferd! wie sehr ist dieß nicht krank!
468
Doch ward dir auch die Zeit seit meinem Wegseyn lang?«
469
Nein, sprach Sylvan verstellt; und ohne mehr zu sagen,
470
Ward alsobald Caffee und Knaster aufgetragen.
471
»da, Bruder, lange zu! sprach Raufbold, stopf dir ein!«
472
Allein es bath Sylvan, ihm gütigst zu verzeihn,
473
Er rauche jetzt nicht mehr. So? ließ sich jener hören,
474
»vermuthlich wirst du mir es doch wohl nicht verwehren.«
475
Nachdem er nun sogleich sein langes Rohr gefüllt,
476
Ward sein gestreubtes Haupt in dicken Dampf gehüllt,
477
Der auf den Stutzer zog; jedoch ein Geist verwehrte,
478
Daß dieser scharfe Dampf die Augen nicht versehrte.
479
Man trank, doch nicht vergnügt; im Raufbold macht der Haß
480
Und im Sylvan Verdruß, daß jeder sich vergaß.
481
Ein jeder war bemüht, den andern zu bekehren;
482
Der will den Renommist, und der den Stutzer lehren.
483
Zuletzt hub dieser an: »Freund, es ist Zeit zu gehn;
484
Man will den Mittag mich in einem Garten sehn,
485
In dem ich schmausen soll; will mich dein Fuß begleiten:
486
So zeig ich dir zugleich der Gärten Seltenheiten.
487
Ja, bis in die Allee, sprach der, begleit ich dich,
488
Der Gärten Schmuck reizt nur die Leipziger, nicht mich.«
489
Sogleich gieng er mit ihm nach den geschmückten Thoren,
490
Ein jedes bebt vor ihm; der Schall der eisern Sporen
491
Klirrt, wenn sein Fuß sich hebt, der einen Absatz wies,
492
Der, wenn er niedertrat, die Steine zittern hieß.
493
Nicht fern vom Petersthor, auf dessen vordern Theilen
494
Der Helden Rüstung ruht, wo die verzierten Säulen
495
Die Last der Kugeln drückt, die wie Colossen stehn,
496
Wird man gevierte Reihn erhabner Linden sehn.
497
Auf einer Seite glänzt des Wassergrabens Breite,
498
Der weiße Mauren netzt; und auf der andern Seite
499
Hebt aus der trägen Fluth die Pleiße sich empor.
500
Ihr nasses Haupt bekränzt ein hellgrün junges Rohr.
501
Sie sieht an ihrem Strand ein Volk aus fernen Ländern,
502
Die Franzen, welche flohn, die Lehre nicht zu ändern;
503
Sie hört ihr fremd Gespräch, und ihr gekünstelt Wort;
504
Sie hörts, und rauscht entzückt auf stolzen Fluten fort.
505
Des Abends sieht man hier geschmückte Schönen wallen;
506
Den Stutzern suchen sie, die ihnen zu gefallen;
507
Nur schimmernde Barons, die ihre Schönheit rührt,
508
Sind würdig, daß die Hand sie in die Gärten führt.
509
Am Ufer gehn allein in sich gekehrte Dichter;
510
Tiefsinnig ist der Gang, tiefsinnig die Gesichter.
511
Die Reime, die als schlecht ihr Eigensinn erstickt,
512
Sind Geister, welche man um ihren Hut erblickt.
513
Hier ists, wo oft ein Graf bestäubt vorüber schießet,
514
Wenn er sich an sein Roß mit großen Stiefeln schließet,
515
Das itzt bald schüttelnd braust, bald vor Begierde schäumt,
516
Bald von der Erd entflieht, und bald sich muthig bäumt.
517
Ihm folgt, zwar nicht so schnell, doch mit geschmücktern Rossen,
518
Die aufgezierte Reih vergüldeter Carossen
519
Auf rothen Rädern nach, die destomehr entzückt,
520
Wenn sie ein reizend Paar von Leipzigs Schönen schmückt.
521
Hier, wo Natur und Kunst, und beyde glücklich streiten,
522
Sah man den Renommist, mit ihm den Stutzer schreiten.
523
Der erste sprach: »Ists wahr, was hier mein Auge schaut,
524
Hier hat die Weichlichkeit der Bänke Reih erbaut?
525
O träge Leipziger! gewiß, ich wills noch sehen,
526
Daß der verwöhnte Fuß nicht mehr vermag zu gehen.
527
Nein! Stiefeln trag ich doch fast ganze Tage lang,
528
Und niemals drückt den Fuß der angemeßne Zwang.«
529
Er sagts; sein Fuß tritt auf, daß die Allee erzittert,
530
Daß jede Bank erbebt, und eine Linde splittert.
531
Die Pleiße hemmt dadurch bestürzt den trägen Lauf,
532
Und selbst der Paukenschall im Garten höret auf.
533
Ja dieser starke Tritt heißt neue Geister wüten.
534
Die Bänke hasset er, und ihn die Sybariten;
535
Dieß ist ein Geisterheer, dem Lindengang zum Schutz,
536
Der Leib ist zart gebaut, ihr Daseyn stammt vom Putz,
537
Ein rauschendes Gewand, das die umschürzten Lenden
538
Mit grünen Falten deckt, ist ihren weichen Händen
539
Ein steter Zeitvertreib. Ihr lächelndes Gesicht
540
Bleibt ewig schön und jung, und kennt die Runzeln nicht.
541
Die holde Zärtlichkeit blickt aus den sanften Zügen;
542
Man sieht sie stets vereint mit gelben Schwingen fliegen.
543
Die meisten sind zum Schutz des Frauenzimmers da.
544
Kömmt ihrem Lockenbau der rauhe Wind zu nah:
545
So heißen sie ihn fliehn; und will ein Band entfahren:
546
So machen sie es fest, an den geschmückten Haaren.
547
Zwey schützen ihren Straus, der ihre Schläfe ziert,
548
Damit kein junger Herr leichtfertig ihn entführt.
549
Oft zeigt der Palatin, was er verstecken sollte,
550
Und dieses macht ein Geist, der ihn zurücke rollte.
551
Ein Stutzer, setzt er nur in die Allee den Fuß,
552
Hat alsbald einen Geist, der ihn begleiten muß.
553
Ein kleiner Sybarit muß auf dem Aufschlag sitzen,
554
Und ihm sein lockigt Haar und die Manschetten schützen.
555
Seufzt er, so fliegt ein Geist von seinem langen Rohr,
556
Und bringt sein zärtlich Ach der Göttinn lispelnd vor.
557
Ihr Fächer sucht zwar oft die Seufzer wegzuwehen,
558
Doch wenn ein Geist entflieht, hört sie den andern flehen.
559
Bey jeder Bank steht auch ein loser Sybarit.
560
Aus Schalkheit hemmt er oft den Gehenden den Schritt.
561
Er lockt sie unsichtbar, und zwingt sie, sich zu setzen,
562
Und durch Gespräch und Scherz sich und ihn zu ergetzen.
563
»euch, Geistern, rief bestürzt ihr Führer, Lindamor,
564
Euch, Geistern, steht gewiß ein nahes Unglück vor.
565
Wie? sollen wir nicht mehr in den belaubten Linden
566
Der Stutzer stolze Reih, nein Renommisten finden?
567
In Stiefeln geht man hier! es klirrt der scharfe Sporn,
568
Wo sonst der Fächer facht. So treffe denn mein Zorn
569
Den wilden Renommist, und den, der ihn begleitet.
570
Jedoch ists nicht Sylvan? Ach Geister, ach bestreitet!
571
Bestreitet meinen Sohn, bekehrt ihn, folgt mir nach!«
572
Gleich dünkt es dem Sylvan, daß etwas in ihm sprach:
573
»wie, schöner Herr, du kannst mit einem Fechter gehen?
574
Ein Renommist soll dich an seiner Seite sehen?
575
Flieh, meid ihn! denn du weißt, daß diese kurze Tracht,
576
Die ein Jenenser schätzt, ein Leipziger verlacht.
577
Sieh dort die Rothmündinn, wie sehr bist du zu schelten!
578
Soll ein Jenenser mehr, als deine Göttinn, gelten?«
579
Die Schöne nahte sich. Den Stutzern war ihr Blick,
580
Der freundlich auf sie fiel, das allergrößte Glück.
581
Sie wars, sie war die Macht, die alles dienstbar machte,
582
Und alle, die sie sahn, in ihre Netze brachte.
583
Des Morgens, wenn sie noch an ihrem Nachttisch war,
584
Sah sie schon vor der Thür der Diener lange Schaar.
585
Nie ist ein Tag für sie so sehr betrübt gewesen,
586
Da sie in Briefen nicht der Stutzer Schmerz gelesen.
587
Sylvan erblickte sie; itzt, dacht er, ist es Zeit,
588
Daß dieser Schläger sieht, wie ihn ein Stutzer scheut.
589
Sogleich verläßt er ihn. »Bleib! willst du mich verschmähen?
590
Schrie Raufbold auf ihn zu, willst du mit mir nicht gehen?«
591
Ein naher Garten wars, den diese Schöne sucht;
592
Sylvan begleitet sie, er geht, und Raufbold flucht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariä
(17261777)

* 01.05.1726 in Frankenhausen, † 30.01.1777 in Braunschweig

männlich, geb. Zachariae

deutscher Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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